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Armut und Ausbeutung?

von Anna Fräßdorf, Marc Kaulisch und Stefan Hornbostel

Die Finanzierungs- und Beschäftigungssituation von Promovierenden.

Armut und Ausbeutung?© YanLev - iStockphoto.comDie Situation von Promovierenden ist vor allem abhängig von der jeweiligen Disziplin
Prekär, so wird in der Regel die Phase der Promotion von Betroffenen beschrieben. Doch lässt sich das pauschal so sagen? Oder gibt es deutliche Unterschiede in den Fächern, zwischen externer und interner Promotion? Das ProFile-Promovierendenpanel des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) fördert zum Teil erstaunliche Ergebnisse zutage.

Sind Promovierende wirklich "Kettenjobber, Leiharbeiter, Forschungsknechte" (Spiegel online)? Müssen sie "für die Karriere und ein gutes Verhältnis zum Doktorvater [...] Armut und Ausbeutung in Kauf nehmen" (taz)? Derartige Pressespekulationen sind schwer zu überprüfen, da über Doktoranden in Deutschland wenig bekannt ist. Bereits Schätzungen über ihre Anzahl schwanken zwischen 53.000 und 200.000 Personen. Problematisch sind pauschale Aussagen aber auch, da sich die Promotionsbedingungen zwischen den Disziplinen deutlich unterscheiden. Nicht zuletzt hat die Einführung strukturierter Promotionsprogramme zu einer weiteren Differenzierung innerhalb dieser unübersichtlichen Landschaft geführt.

Schlechte Betreuung?

Die Schreckensmeldungen aus der Presse beziehen sich aus gutem Grund besonders häufig auf die finanzielle Situation der Doktoranden und nicht auf die Doktorandenausbildung als solche. Doktoranden berichten regelmäßig, dass sie mit ihrer Ausbildung zufrieden sind. Auswertungen des vom Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) durchgeführten ProFile-Promovierendenpanels bestätigen dies. Etwas weniger als zwei Drittel der Befragten sind mit der Betreuung insgesamt zufrieden. Auch Aussagen zum Hauptbetreuer fallen grundsätzlich positiv aus. Bei einigen Promovierenden bleibt dennoch eine Lücke zwischen Betreuungswunsch und Betreuungsrealität. So fühlt sich etwa jeder Dritte bei inhaltlichen und methodischen Fragen nicht wunschgemäß betreut. Allerdings ist nur jeder Achte insgesamt unzufrieden mit der Betreuungssituation. Eine THESIS-Befragung von 2004 wies bereits darauf hin, dass sich Promovierende nicht in erster Linie eine bessere Betreuung wünschten, sondern vielmehr die Verbesserung ihrer Beschäftigungsbedingung und ihrer Bezahlung in den Vordergrund rückten. Aktuelle ProFile-Daten zeigen nun, dass sich die Promovierenden gerade in ihrer Finanzierungs- und Beschäftigungssituation stark unterscheiden. Dies wird im Folgenden für fünf ausgewählte Fächer dargelegt, mit denen sich die Breite der verschiedenen Promotionskulturen gut abdecken lässt.

Armut und Ausbeutung? © Forschung & Lehre/ProFile Abbildung 1: Finanzierungsform der Promovierenden nach Fachzugehörigkeit. Anteile in Prozent

Vielfältige Promotionskultur

Die Auswertungen der ProFile-Daten in Abbildung 1 zeigen, dass sich die Promovierenden in den Fächern Biologie, Physik und Elektrotechnik/Informatik überwiegend über Haushalts- oder Drittmittelstellen als wissenschaftliche Mitarbeiter oder durch Stipendien finanzieren. Promovierende der Geschichte und der Sozialwissenschaften beziehen vergleichsweise häufiger ein Stipendium, sind eher extern beschäftigt oder promovieren ohne gesichertes Einkommen, sondern finanzieren sich beispielsweise durch die Unterstützung der Familie, Erspartes oder Arbeitslosengeld. Allgemein bietet eine Mitarbeiterstelle sozialversicherungsrechtlich bessere Bedingungen als ein Stipendium, aber sie garantiert keineswegs einheitliche Promotionsbedingungen. So sehen die promovierenden wissenschaftlichen Mitarbeiter in der Biologie und der Physik sehr häufig einen starken thematischen Bezug ihrer Beschäftigung zum Promotionsprojekt. Dies ist in der Geschichte und den Sozialwissenschaften deutlich seltener der Fall.

Auch beim verfügbaren Monatseinkommen gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Disziplinen (Abbildung 2). In den Sozialwissenschaften und der Geschichte verfügen etwas mehr als 15 bzw. 20 Prozent der Promovierenden über weniger als 826 Euro im Monat und leben somit unterhalb der Armutsgrenze. In der Elektrotechnik/Informatik ist der Anteil derer mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze verschwindend gering. Über alle Fächer hinweg besteht für die meisten Promovierenden keine Armutsgefährdung. Betrachtet man das durchschnittlich verfügbare Einkommen der Promovierenden, dann sind sie im Vergleich zu Hochschulabsolventen (vgl. HIS-Absolventenstudien) im Allgemeinen finanziell nicht wesentlich schlechter gestellt. Besonders hoch sind die Einkommen im Bereich der Elektrotechnik/Informatik. Dort verfügen rund zwei Drittel der Promovierenden monatlich über mehr als 1.400 Euro. In der Geschichte und den Sozialwissenschaften stehen nur etwas weniger bzw. etwas mehr als einem Fünftel der Promovierenden Einkommen über 1.400 Euro zur Verfügung. Die vergleichsweise hohen Einkommen in der Elektrotechnik/Informatik lassen sich mit dem hohen Anteil an Vollzeitbeschäftigten unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern, höheren Stipendien sowie einem höheren Anteil an extern Beschäftigten erklären.

Armut und Ausbeutung? © Forschung & Lehre/ProFile Abbildung 2: Verfügbares Monatseinkommen in Euro nach Fachzugehörigkeit
Wenngleich die Bezeichnung von Promovierenden als "Kettenjobber" übertrieben erscheint, ist darauf hinzuweisen, dass wechselnde Finanzierungsquellen im Laufe der Promotion üblich sind. Zwei Fünftel der ProFile-Befragten, die zum Befragungszeitpunkt länger als zwölf Monate promovierten, wechselten die Finanzierungsform mindestens einmal. Dies trifft insbesondere auf Stipendiaten zu, die häufig sowohl vor Beginn als auch nach Ende der Stipendienförderung eine anderweitige Finanzierungsquelle nutzen. Zwar wechseln ehemalige Stipendiaten nach der Förderung zumeist auf Haushalts- oder Drittmittelstellen. Ein Teil von ihnen bleibt jedoch zunächst ohne Beschäftigung oder Stipendium. Zwei Fünftel der Promovierenden in der Geschichte, aber nur etwa ein Zehntel in der Biologie, stehen im Laufe der Promotion vorübergehend ohne eine Finanzierung da.

Unbefriedigender Zustand

Auch wenn das Einkommen der meisten Promovierenden nicht üppig und ihre Beschäftigungssituation häufig instabil ist, hat das Horrorbild von Doktoranden, die arm und ausgebeutet ihrer Promotion nachgehen, mit der Realität wenig zu tun. Die Lage der Doktoranden ist zu unterschiedlich, um pauschalisiert zu werden. Einige sind mit strukturell oder finanziell prekären Situationen konfrontiert, andere mit durchaus auskömmlichen und stabilen Bedingungen. Vielfältige Wege zur Promotion inklusive verschiedener Optionen zur Finanzierung sind durchaus wünschenswert. Sie werfen aber immer mehr die Frage auf, wer den Überblick behält bzw. inwieweit die Universitäten den Prozess des Promovierens verantwortlich begleiten. Die Fokussierung vieler Universitäten auf nur einen kleinen Teil von Doktoranden in strukturierten Programmen war für die Reform der Doktorandenausbildung ein sehr wichtiger Schritt. Sie ist aber angesichts der Tatsache, dass ein großer Teil der Doktoranden außerhalb dieser Programme arbeitet, ein rechtlich, organisatorisch und verantwortungsethisch unbefriedigender Zustand.

Am 30. November 2012 veranstaltet das iFQ mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung die Tagung "Wer promoviert in Deutschland? Doktorandenerfassung und Qualitätssicherung von Promotionen". Weitere Informationen siehe unter www.forschungsinfo.de.

Aus Forschung & Lehre :: August 2012

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