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Arrogante Briten

Interview: Bastian Berbner

Die Hochschulen auf der Insel machen beim Bologna-Prozess nur halbherzig mit. Ihrer Beliebtheit bei den Deutschen hat das nicht geschadet.

Arrogante Briten© Adrian PopeHeiko Walkenhorst ist Großbritannien-Experte beim DAAD
DIE ZEIT: Großbritannien hatte auch schon vor dem Bologna-Prozess Bachelor- und Masterstudiengänge. Was hat sich dort durch die Studienreform eigentlich verändert?

HEIKO WALKENHORST: In der Tat hat die britische Regierung damit gerechnet, gar nichts machen zu müssen. Schließlich schien das Bachelor- Master-System nach dem angelsächsischen Vorbild konstruiert. Die britischen Hochschulen haben die Konsequenzen der Bologna-Reform grundsätzlich unterschätzt, und zwar in Bezug auf zunehmenden Wettbewerb und die Anpassung des eigenen Hochschulsystems an den Europäischen Hochschulraum.

ZEIT: Welche Konsequenzen hatte das?

WALKENHORST: Zunächst hat Kontinentaleuropa in Sachen Hochschulbildung Boden gutgemacht. Die Zahl der inter nationalen Studierenden in Großbritannien steigt nur noch leicht, viele Bewerber entscheiden sich für die kostengünstigeren Studiengänge in Deutschland, Skandinavien und den Niederlanden. Das ist für viele britische Hochschulen auch finanziell spürbar. Mittlerweile hat man auf der Insel erkannt, dass man europäische Konkurrenz auf dem globalen Bildungsmarkt bekommen hat. Und Deutschland wird als Hauptwettbewerber betrachtet.

ZEIT: Wie reagiert Großbritannien auf diese Situation?

WALKENHORST: Die Universitäten versuchen, sich dem Wettbewerb zu stellen. Sie haben sich den Formalitäten des Bologna-Prozesses gebeugt und Dinge wie das »Diploma Supplement« und das ECTS-Punktesystem eingeführt. Das hat ihnen nicht besonders wehgetan. Stärker gesträubt haben sie sich gegen die Einführung zweijähriger Masterprogramme. Die einjährigen Programme existieren aber weiterhin und machen das britische Hochschulsystem für Studierende aus aller Welt nach wie vor sehr attraktiv.

ZEIT: So schlecht ist es um die britischen Unis also nicht bestellt?

WALKENHORST: Insbesondere der Russell Group geht es sehr gut. Das ist ein Zusammenschluss von 20 britischen Universitäten, die gemeinsam zwei Drittel der Forschungsgelder bekommen, darunter die namhaften Hochschulen wie Oxford, Cambridge und LSE. Sie müssen sich aufgrund ihrer hervorragenden Reputation und finanziellen Absicherung keine Sorgen um ihre internationale Konkurrenzfähigkeit machen. Die übrigen, eher lehrzentrierten Universitäten befinden sich allerdings in einem auch auf nationaler Ebene zunehmend härteren Wettbewerb. Das angebotene Fächerspektrum wird kleiner, da erfolgreiche Profilbildung als entscheidende Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit gilt.

ZEIT: Bei deutschen Studierenden wird Großbritannien immer beliebter. Viele gehen nach einem Bachelor in Deutschland für einen Master nach England.

WALKENHORST: Ja, wir bekommen beim DAAD sehr viele Anträge für Stipendien nach Großbritannien. Das britische System lebt von den internationalen Studierenden. Die Masterprogramme sind attraktiv, locken Studierende aus aller Welt an, und diese leisten mit den Studiengebühren mittlerweile einen unverzichtbaren Finanzierungsbeitrag für das Gesamtsystem. Das Problem der Briten ist ein einseitiges Verständnis von Internationalität. Sie glaubten lange: Solange alle Guten zu uns kommen, ist alles in Ordnung. Britische Studierende und Forscher gehen dagegen kaum ins Ausland. Die Quote liegt gerade einmal bei einem Prozent. Wenn sie gehen, dann meist in englischsprachige Länder, sie sprechen oft keine Fremdsprache. Deutsche Universitäten haben immer wieder Probleme, Erasmusplätze an britischen Hochschulen zu bekommen. Viele Deutsche wollen zwar nach England, weniger Engländer aber nach Deutschland oder in andere europäische Länder. Den Trend zur Internationalisierung haben die Briten in dieser Hinsicht verschlafen.

Aus DIE ZEIT :: 12.05.2010

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