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Asterix academicus

Von URS WILLMANN

Forscher entdecken die Vorzüge eines bildgebenden Verfahrens.

Asterix academicus© novemberhase - Photocase.com"Es besteht berechtigte Hoffnung, dass neue Asterix-Bände die Forschung weiter voranbringen werden"
Der Gegenstand, den eine Gruppe von Düsseldorfer Neurochirurgen untersucht hat, ist ernst. Es geht um 704 Fälle von Schädel-Hirn-Trauma. Die Opfer dieser schweren Verletzungen waren zu 99,1 Prozent Männer, die Ursache fast immer tätliche Gewalt. In jedem zweiten Fall war ein schweres Trauma nach der Glasgow-Koma- Skala das Ergebnis. Müsste nicht ein Helm davor schützen? Die im medizinischen Fachblatt Acta Neurochirurgica veröffentlichten Zahlen erschüttern diesen Glauben. Zwar trugen 70,5 Prozent der Opfer einen Schutz, doch die allermeisten büßten ihn während des Zwischenfalls ein - ihren Römerhelm.

Was die Studie lehrt: Lederriemen fixieren die Kopfbedeckung eines Legionärs nicht optimal. Die Quelle? 34 Bände Asterix, Comics als bildgebendes Verfahren der anderen Art. Aus dieser Datenbasis ließ sich ein eindeutiges Risikoprofil erstellen, an erster Stelle: Römer. Ebenfalls stark gefährdet sind Gallier (120 Fälle) und Piraten (59). Unter den Opfern sind aber auch 8 Wikinger, 5 Briten, 3 Uramerikaner, 2 Schweizer. Erfreulicherweise waren weder Tote noch bleibende Schäden zu verzeichnen. Von Ausnahmen abgesehen - Dorfdruide Miraculix fällt in Kampf der Häuptlinge längere Zeit aus -, erholten sich die meisten Opfer rasch. Solche Resultate sind ein Fest für Neurologen. Die Asterix-Analyse ist mitnichten der erste Versuch, aus Comicstrips wissenschaftliche Einsichten zu gewinnen: Ökonomen haben schon Dilbert-Cartoons als Beweisdokumente für die Ausbeutung Untergebener durch ihre Manager genutzt. Und literaturwissenschaftlich ernst untersuchte der Biograf des Peanuts-Erfinders Charles M. Schulz dessen Werk.

Nach der Lektüre von fast 18 000 Charly-Brown-Comics folgerte er, dass Schulz unter Depressionen gelitten habe. Welch Quell von Einsichten! Vielleicht sollten alle jene Forscher, die auf den ausgetrampelten Pfaden ihres Fachgebiets - Handystrahlung, Außerirdische, Kernfusion - stagnieren, einfach Lucky Luke lesen. Dank Asterix ließ sich nämlich gar Hochwissenschaftliches verifizieren: Misteln enthalten Lektine, das wusste die Medizin bereits. Auch dass diese Proteine positiv auf Hirntumoren wirken. Bei den Galliern ist der Zaubertrank mistelhaltig, und oft führt ein einziger Schluck zu Spontanheilung bei Schädel-Hirn-Traumata - ein therapeutischer Großerfolg. Es besteht berechtigte Hoffnung, dass neue Asterix-Bände die Forschung weiter voranbringen werden.

Zeichner Albert Uderzo allerdings sollte noch am Equipment seiner Figuren arbeiten. Dann ziehen die Römer vielleicht bald mit stabilem Helmriemen in die Schlacht und haben bessere Chancen gegen gallische Schläger. Oder der Autor erfindet einen antiken Dopingtest. Dann würden die hochgeputschten Aufständler endlich von jenem Geschehen ausgeschlossen, dessen schlimme medizinische Folgen sich in den Acta niedergeschlagen haben.

Aus DIE ZEIT :: 22.06.2011

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