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Auf dem Weg zum Nobelpreis

Von Ute Zauft

Sie tragen die Namen großer Gelehrter: Helmholtz, Max Planck, Fraunhofer und Leibniz. Die vier großen Wissenschaftsorganisationen in Deutschland sind nach Männern benannt, die für ihren hartnäckigen Forscherwillen bekannt sind. Die Institute dieser vier Forschungsgemeinschaften sind es, an denen außerhalb der Universitäten wegweisende Forschung betrieben wird. Ein Überblick darüber, wo man sich in Deutschland auf den Weg zum Nobelpreis machen kann.

Eine gute Karriereoption hat Ulrich Husemann von der US-amerikanischen Elite-Universität Yale zurück nach Deutschland gelockt, und: ein sehr großes Gerät. Husemann ist Physiker und erforscht die Kollision von Protonen mit Hilfe von so genannten Teilchenbeschleunigern. Von Deutschland aus arbeitet der 34-Jährige am größten Teilchenbeschleuniger der Welt, dem LHC in Genf.

Ganz konkret war es die Helmholtz-Gemeinschaft, die den Nachwuchswissenschaftler von seiner Postdoc-Stelle in den USA zurück nach Deutschland holte. Mit einem Jahresbudget von rund 2,8 Milliarden Euro ist Helmholtz die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands und bekannt für ihre 16 Forschungszentren. Diese Zentren beherbergen Großgeräte - wie besagte Teilchenbeschleuniger - für die naturwissenschaftlich-technische Forschung, aber auch die Infrastruktur für die biologisch-medizinische Wissenschaft. Im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zum Beispiel hat Nobelpreisträger Harald zur Hausen die Grundlagen für die neue Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs gelegt.

Die Helmholtz-Gemeinschaft in Kürze

- Schwerpunkte: naturwissenschaftlich-technisch und biologisch-medizinisch Forschung an 16 Forschungszentren
- Jahresbudget: rund 2,8 Milliarden Euro
- 30.000 Mitarbeiter, davon fast 9.000 Wissenschaftler/innen, unter denen rund 4.000 Doktoranden sind
- Nachwuchs: 97 Helmholtz-Nachwuchsgruppen, Budget von 250.000 jährlich über eine Laufzeit von fünf Jahren mit Option auf Festanstellung (Tenure Track)
- zwei Nobelpreisträger

Die Max-Planck-Gesellschaft in Kürze

- Schwerpunkte: biologisch-medizinische, naturwissenschaftlich-technische und geisteswissenschaftliche Grundlagenforschung
- 76 Institute mit mehr als 13.000 Mitarbeitern, darunter rund 4.700 Wissenschaftler/innen
- Budget: knapp 1,3 Mrd. Euro für 2009, hinzu kommen Drittmittel in Höhe von gut 20 Prozent der Grundfinanzierung
- Nachwuchs: rund 100 selbständige Nachwuchsgruppen: Laufzeit von 5 Jahren, Budget abhängig vom Forschungsvorhaben, in Einzelfällen mit Option auf anschließende Festanstellung
- 17 Nobelpreise seit 1954, davon 12 seit 1984

Helmholtz: selbständiges Forschen an neuester Technik

Der USA-Rückkehrer Husemann ist Leiter einer so genannten Nachwuchsgruppe. "In relativ jungen Jahren bot sich mir ein Job, der verschiedene Vorteile vereint: Ich kann verhältnismäßig selbstständig arbeiten, habe Geld für meine Forschung und kann eigene Mitarbeiter beschäftigen", erklärt Husemann. Über einen Zeitraum von fünf Jahren verfügt er für sein Forschungsvorhaben über ein Budget von 250.000 Euro jährlich. Das Besondere der Nachwuchsgruppen bei Helmholtz: Husemann befindet sich quasi auf dem Weg zu Festanstellung: Tenure Track, so die englische Bezeichnung. Nach drei bis vier Jahren wird seine wissenschaftliche Arbeit evaluiert und auf dieser Grundlage über eine Festanstellung (Tenure) an dem Forschungszentrum entschieden.

Max-Planck: von der Grundlagenforschung zur Juniorprofessur

Der Biologe Lawrence Rajendran redet schnell, lacht viel und ist seit kurzem Juniorprofessor für Zellbiologie. "Aus einem zweimonatigen Aufenthalt in Deutschland wurden acht Jahre", sagt der 34-jährige Inder. Man hört ihm an, dass er keineswegs widerwillig geblieben ist. Wichtigste Station auf dem Weg zu seiner Professur im schweizerischen Zürich war sicherlich seine Postdoc-Stelle am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie in Dresden. Fünf Jahre hat er erforscht, wie sich menschliche Zellen im Falle einer Alzheimer Erkrankung verändern.

Das Dresdner Max-Planck-Institut ist eines von insgesamt 76 Instituten der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) in Deutschland. Die MPG steht für Grundlagenforschung, also für Wissenschaft, die nicht auf kurzfristige Erfolge ausgelegt ist, sondern eines langen Atems und einer stabilen Finanzierung bedarf. Die biologisch-medizinische Forschung, wie Lawrence Rajendran sie betreibt, ist der wichtigste Forschungsschwerpunkt der MPG. Danach folgt die naturwissenschaftlich-technische, aber auch die geisteswissenschaftliche Forschung. Und: Die Max-Planck-Gesellschaft steht für Internationalität. Rund die Hälfte aller Studierenden an den International Max Planck Research Schools stammt aus dem Ausland.

Gute Bedingungen für eine langfristige Forschung

Lawrence Rajendran hatte sich nach seiner Promotion an der Universität Konstanz am Dresdner Max-Planck-Institut beworben: Der gute Ruf seines späteren Chefs hatte ihn angezogen. "Dresden hat es geschafft, sehr gute Leute aus der ganzen Welt anzuziehen. All diese Leute kann man treffen, offen mit ihnen reden und Anregungen bekommen", so der Nachwuchsforscher. Er schwärmt von der guten Infrastruktur an den Max-Planck-Instituten, einer flachen Hierarchie und von Kollegen, die sich über ihre Arbeit offen austauschen. Dieser gemeinsame Erkenntniswille ist sicherlich auch ein Grund dafür, dass 17 der deutschen Nobelpreisträger aus der Max-Planck-Gesellschaft stammen.


Leibniz: universales Wissen auf viele Institute verteilt

Der 1716 gestorbene Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz gilt als der letzte Universalgelehrte seiner Zeit: Er war Jurist, Naturwissenschaftler, Historiker und Theologe. Ähnlich vielfältig sind die 86 Forschungsinstitute, die sich in der Leibniz-Gemeinschaft zusammengeschlossen haben. Ihre Forschungsfelder reichen von den Wirtschaftswissenschaften über die Sozialwissenschaften bis hin zu den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften.

Die Leibniz-Gemeinschaft in Kürze

- Schwerpunkte: Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften; Wirtschafts-, Sozial- und Raumwissenschaften; Geisteswissenschaften
- 14.000 Mitarbeiter an 86 Forschungseinrichtungen, davon rund 6.500 Wissenschaftler/innen
- Jahresbudget: rund eine Milliarde Euro
- 55 Nachwuchsgruppen, Konditionen abhängig vom Institut

Verbindung zwischen Forschungsinstitut und Universität

Der Berliner Soziologin Kathrin Leuze ist es wichtig, eine Brücke zu schlagen, zwischen der außeruniversitären Forschung und der Lehre an den Universitäten. Seit April dieses Jahres hat die 33-Jährige dafür die ideale Position: Sie ist Juniorprofessorin für Bildungssoziologie an der Freien Universität Berlin und leitet gleichzeitig eine Projektgruppe am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). Das WZB eines der rund 30 sozial- oder geisteswissenschaftlich orientierten Leibniz-Institute. Leuzes Modell ist dabei typisch für Leibniz: Die Direktoren der Institute sind in aller Regel gleichzeitig Professoren an einer Hochschule. "Ich habe sehr gute Möglichkeiten zu forschen und gleichzeitig die Anbindung an die Uni. Gerade der Kontakt zu den Studierenden ist mir sehr wichtig", erklärt Leuze.

Die Leibniz-Institute sind relativ dezentral organisiert. Jedes für sich hat in seinem Bereich aber den Anspruch, Fragen von gesellschaftlicher Bedeutung zu beantworten. Das bedarf der Grundlagen-, aber auch der angewandten Forschung. Das Wissenschaftszentrum Berlin führt zum Beispiel Langzeitstudien durch, berät aber auch die Politik in aktuellen arbeitsmarktpolitischen Fragen. "Mir ist es wichtig, mit einer problemorientierten Forschung auch die Öffentlichkeit zu erreichen", so Kathrin Leuze.

Fraunhofer: angewandte Forschung

Dieter Rombach ist Universitätsprofessor, Direktor eines Fraunhofer-Instituts und in gewisser Hinsicht auch Unternehmer. Die Fraunhofer-Gesellschaft ist in Deutschland die größte Forschungseinrichtung für die Ingenieurwissenschaften und hat ihren Schwerpunkt explizit auf der anwendungsorientierten Forschung. Das heißt: Fraunhofer verkauft seine Forschungsergebnisse. Rund 90 Prozent des Forschungsbudgets erwirtschaftet Fraunhofer über Vertragsforschung, die Auftraggeber sind Unternehmen und die öffentliche Hand.

Die Fraunhofer-Gesellschaft in Kürze

- Schwerpunkt: angewandte Forschung in den Ingenieurwissenschaften
- 80 Forschungseinrichtungen, davon 57 Fraunhofer-Institute
- 15.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, überwiegend mit natur- oder ingenieurwissenschaftlicher Ausbildung
- 1,4 Milliarden Euro Forschungsvolumen jährlich, davon mehr als 1 Mrd. Euro im Leistungsbereich Vertragsforschung
- Nachwuchs: Das Programm Attract bietet Nachwuchswissenschaftlern mit eigenem Forschungsvorhaben ein Budget von 2,5 Millionen Euro über eine Laufzeit von fünf Jahren, derzeit gibt es 28 Attract-Gruppen
Rombachs Visitenkarte ist auf beiden Seiten bedruckt: auf der einen Seite steht TU Kaiserslautern und auf der anderen Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE. Auch als Person strahlt der Informatik-Professor Beweglichkeit zwischen der Welt der Wissenschaft und der Wirtschaft aus. "Wer sein Baby von der Erfindung bis zur Wertschöpfung begleiten will, ist bei uns richtig", erklärt er. Die Doktoranden an seinem Institut sind Wissenschaftler, arbeiten aber auch für die Industrie und stehen in engem Kontakt mit den beauftragenden Unternehmen. Diese Anbindung der Forschung an die Wirtschaft ist von großem Vorteil, so Rombach. "Wo sonst kann man sich die Option offen halten, später Professor zu werden oder doch in die Industrie zu gehen?" Nach seinen Schätzung bleiben rund 20 Prozent der Mitarbeiter langfristig bei Fraunhofer, 60 bis 65 Prozent gehen in die Industrie, und 10 bis 15 Prozent verfolgen später eine wissenschaftliche Karriere an der Hochschule.

Die außeruniversitäre Forschungslandschaft Deutschlands ist national und international anerkannt, dementsprechend begehrt sind natürlich die Stellen für Nachwuchsforscher. Einmal dort angekommen, stehen allerdings viele Wege offen, unter Umständen sogar der zum Nobelpreis.

Quelle: academics

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