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Aufgaben der Forschung und Entwicklung - Warum wir forschen

von Julia Holzapfel

Welche Rolle spielen Forschung und Entwicklung für unsere Gesellschaft? Wo wird neues Wissen überhaupt erzeugt? Und ist die Neugierde des Menschen der einzige Grund, warum geforscht wird? Zur Definition und den Aufgaben von Forschung und Entwicklung.

Aufgaben der Forschung und Entwicklung © MeCanon - Photocase.de Die Aufgaben der FuE gewinnen angesichts der Digitalisierung zunehmend an Bedeutung

Forschung und Entwicklung: Definition

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Betriebswirtschaftslehre die ökonomische Bedeutung von Wissen entdeckt. In einer Wirtschaftsfachzeitschrift schreibt der österreichisch-amerikanische Ökonom Fritz Machlup 1959: "Der technische Fortschritt fällt nicht vom Himmel." In diesem Bewusstsein begannen Unternehmen damit, Forschungsabteilungen aufzubauen. Denn: Forschung und Entwicklung ist eine Kombination von Produktionsfaktoren, die die Gewinnung neuen Wissens ermöglichen soll, so die Definition des Innovationsforschers Klaus Brockhoff.

Das Ergebnis der Arbeit des Forschers ist nicht immer das gänzlich "neue Wissen". Zwar resultiert ein großer Teil des Forschungsprozesses in Erfindungen und Innovationen. Die Weiterentwicklung bestehender Abläufe und die Verbesserung vorhandener Produkte und Prozesse gehört aber genauso zu den Aufgaben der Forschung und Entwicklung.

Forschung und Entwicklung: Aufgaben

Dieses neue Wissen sorgt in einer Marktwirtschaft wie in Deutschland dafür, dass Unternehmen auch zukünftig bestehen und Gewinne verzeichnen, die wiederum den Wohlstand im Land erhalten und vergrößern. Die Kurzformel lautet: Forschung schafft Arbeit. Seitdem die Digitalisierung die Märkte globaler und damit die Konkurrenz größer gemacht hat, sind Innovationen noch bedeutsamer für den wirtschaftlichen Erfolg geworden.

Das gilt insbesondere für Länder, in denen die wichtigsten Rohstoffe nicht im Boden, sondern als Ideen, Wissen und Know-how in den Köpfen der Menschen vorkommen. Die Zahl der weltmarktrelevanten Patente sowie der wissenschaftlichen Publikationen gilt als ein Indikator für den Erfolg der Forschung eines Landes.

Zwei Drittel der Forschungsausgaben in Deutschland stammen aus der Privatwirtschaft. Der Staat ist als Akteur in der Forschung dennoch wesentlich, schließlich setzt er durch seine Finanzierung wichtige Akzente, welche Bereiche mehr oder weniger untersucht werden. Im Zusammenspiel aus Wirtschaft, Hochschulen und Staat lässt sich die Aufgabenbeschreibung von Forschung und Entwicklung auf vier Ebenen formulieren:

  • Grundlagenforschung
    Sie legt eine allgemeine theoretische und experimentelle Wissensbasis, ohne auf einen bestimmten Nutzen oder eine Verwertung abzuzielen. Ihren wirtschaftlichen Nutzen kann man nicht vordergründig messen. Institutionen der Grundlagenforschung müssen deshalb ihre Vorhaben immer wieder verteidigen, gerade wenn es um Gelder geht. Ihr schlagendes Argument dabei: Die Grundlagenforschung schafft den fruchtbaren Boden, auf dem Innovationen der angewandten Forschung gedeihen können. In Deutschland findet die Grundlagenforschung vorwiegend an Hochschulen statt, außerdem an außeruniversitären Forschungseinrichtungen wie der Max-Planck-Gesellschaft und der Leibniz-Gemeinschaft sowie den Akademien der Wissenschaften.

  • Angewandte Forschung/Technologieentwicklung
    Es wird mit Blick auf ein praktisches Ziel nach neuen Erkenntnissen gesucht. Diese Aufgabe der Forschung nehmen vorwiegend Unternehmen wahr, aber auch das Fraunhofer-Institut sowie die Helmholtz-Gemeinschaft sind wichtige Institutionen.

  • Vorentwicklung/Experimentelle Entwicklung
    Unternehmen verwenden die Kenntnisse aus den ersten beiden Stufen und verbinden sie mit ihren praktischen Erfahrungen, um konkrete Erzeugnisse, Verfahren oder Services zu entwickeln und zu testen.

  • Produkt- und Prozessentwicklung
    Die finale Phase der Forschungstätigkeit legt den Schwerpunkt auf die tatsächliche Umsetzung im Betrieb, hin zu marktreifen Produkten und Dienstleistungen. In mancher Definition von Forschung sind die Vor- und Produktentwicklung zusammengefasst.

Während die einen intensiv an der theoretischen Basis arbeiten, ohne ständig ein konkretes Ziel vor Augen zu haben, entwickeln andere Prozesse, wie marktreife Produkte hergestellt werden können. Angehende Forscher sollten sich daher die Frage stellen, wie wichtig ihnen tatsächliche Anwendungsorientierung und Praxisnähe im Job ist oder ob sie eher die darüberliegenden Zusammenhänge und die großen theoretischen Konstrukte ergründen wollen.

Wer die Aufgaben in Forschung und Entwicklung erfüllt

Rund 1.000 öffentliche und öffentlich finanzierte Forschungsinstitutionen listet das Bildungsministerium - zusätzlich gibt es Institute, die von Wirtschaftsunternehmen unterhalten werden. Damit die Ergebnisse dieser zahlreichen Denkfabriken sich bestmöglich ergänzen, spielen eine Reihe von Kooperationen und Netzwerken auf nationaler und internationaler Ebene eine Rolle. Bedeutsam sind neben AiF (Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen) und DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) auch Kollaborationsprogramme der Helmholtz-Gemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft.

Aufgaben der Forschung in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen

Das Gros der staatlichen Forschungsförderung landet in den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Auf die Geistes- und Sozialwissenschaften entfallen 17 Prozent der Gesamtausgaben außeruniversitärer Forschungseinrichtungen. Zwar sagt das Arbeitsministerium in seiner Arbeitsmarktprognose 2030 einen durch Forschung und Entwicklung ausgelösten, erhöhten Bedarf an Sozial- und Kulturwissenschaftlern vorher. Jene Wissenschaften, deren Forschungsergebnisse nicht in erster Linie marktrelevant und wirtschaftlich verwertbar sind, müssen jedoch zunehmend für ihre Arbeit einstehen und sich besonders für Fördergelder engagieren.

Kommt die Geisteswissenschaft unter die Räder, fürchten Wissenschaftsforscher, gehen für die Forschung wesentliche Kompetenzen verloren, etwa Reflexionsfähigkeit oder interdisziplinäres Denken. Vor 300 Jahren hat Gottfried Wilhelm Leibniz philosophische Studien betrieben, Unterseeboote konstruiert oder Geräte zum Erfassen der Windgeschwindigkeit entwickelt. Er hat Waisenkassen eingeführt, versucht, das Unbewusste im Menschen zu beweisen, und auf die Bedeutung der Körpertemperatur in der Medizin hingewiesen. Ein Allroundtalent, dessen Lebenswerk uns heute zeigt, dass die Disziplinen alle ihre berechtigten, gesellschaftlichen Aufgabenbereiche der Forschung und Entwicklung haben.

academics :: 05.10.2017