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Aufruf zur Fahnenflucht

Von Hermann Simon

Seit den Anfängen der Wissenschaft pflegen Forscher und Denker ihre Abneigung dem Markt und der Wirtschaft gegenüber. Geht es in der Wissenschaft nicht um die "reine Lehre" um ihrer selbst willen und bei Markt und Unternehmern um den "schnöden Mammon"? Ein Appell, alte Fronten aufzugeben, das Faszinierende des Unternehmertums wahrzunehmen und vielleicht auch zu wagen.

Aufruf zur Fahnenflucht© micjan - Photocase.comProfessoren können auch außerhalb der Universität sehr erfolgreich sein - zum Beispiel als Unternehmer
Reputation, große Freiheit, soziale Sicherheit sind Merkmale des Hochschullehrerberufs, von denen andere Berufsgruppen nur träumen können. Der Beruf des Unternehmers weist hingegen schillernde Facetten auf: beträchtliches Risiko, wirtschaftliche Zwänge, je nach Branche variierendes Ansehen, enormer Stress - aber, wenn es gut läuft, auch hohes Einkommen bis hin zu wirtschaftlichem Reichtum. Beide Berufsgruppen heben sich ab von der Masse der Gesellschaft, den "normalen" Arbeitnehmern. Gerade in Deutschland fehlt es, anders als beispielsweise in den USA, an Unternehmern, oder etwas präziser an "sophisticated entrepreneurs", an Unternehmern, die anspruchsvolle, hochtechnisierte, nicht leicht zu imitierende Produkte und Dienstleistungen auf den Markt bringen. Meine Hypothese, die ich in diesem Beitrag zur Diskussion stellen will, lautet, dass viele Professoren erfolgreiche Unternehmer werden können. Diesen Kollegen möchte ich Mut machen, ihre Möglichkeiten zu realisieren und ernsthaft eine unternehmerische Karriere ins Auge zu fassen, oder bewusst provokant formuliert: dies ist ein "Aufruf zur Fahnenflucht". Ich weiß dabei, wovon ich rede, denn ich bin ein solcher Fahnenflüchtiger. Doch dazu später mehr.

Schon heute agieren viele Professoren als erfolgreiche Unternehmer. August-Wilhelm Scheer (Universität des Saarlandes) ging mit seinem Softwareunternehmen IDS Scheer AG zunächst an die Börse und verkaufte es in 2009 an die Software AG. Franz Pischinger gründete 1978, als Professor an der RWTH Aachen, die FEV Motorentechnik GmbH, die in wenigen Jahren zu einem der weltführenden Unternehmen in der Motorenentwicklung aufstieg und 2000 Mitarbeiter beschäftigt sowie Tochtergesellschaften in allen wichtigen Ländern hat. Die Firma wird heute von seinem Sohn Stefan Pischinger geführt, der zudem den Lehrstuhl seines Vaters übernommen hat. Peter Horvath, Professor in Stuttgart, gründete die Unternehmensberatung Horvath & Partners, die heute zu den zehn größten Beratungen deutscher Provenienz gehört. In ähnlicher Weise gründeten die Professoren Bernd Rolfes (Universität Duisburg) und Henner Schierenbeck (Universität Basel) die ZEB Rolfes Schierenbeck Associates GmbH, heute eines der führenden Beratungsunternehmen im Finanzsektor. Diese Liste erfolgreicher Unternehmensgründungen durch Professoren ließe sich beliebig fortsetzen und auf zahlreiche andere Fachgebiete ausdehnen. Bereits diese wenigen Beispiele liefern einen eindrucksvollen Beleg für meine These, dass in der Hochschullehrerschaft großes unternehmerisches Potenzial steckt.

Haupt- oder Nebenjob?

Aber diese Beispiele - und viele, viele ähnliche - haben eines gemeinsam: die Professoren haben ihr Unternehmertum nicht hauptamtlich, sondern als "Nebenjob" betrieben. So heißt es im Geschäftsbericht der FEV Motorenentwicklung GmbH: "Professor Pischinger übte die Geschäftsführertätigkeit neben seiner Lehrtätigkeit an der RWTH Aachen aus. Die übrigen Geschäftsführer übten ihre Tätigkeit hauptberuflich aus." Ich möchte an dieser Stelle aus- und nachdrücklich betonen, dass es mir hier überhaupt nicht um die wohlbekannte Diskussion geht, ob Hochschullehrer ihre Universitätstätigkeit zu Gunsten ihrer Nebentätigkeiten vernachlässigen. Nein, es geht mir genau um die gegenteilige Frage: Wäre es nicht besser, wenn Hochschullehrer, die solch seltene und herausragende Unternehmerkompetenzen besitzen, sich voll ihrem Unternehmen widmen und ihre Universitätstätigkeit aufgeben würden? Nun muss ich auch zugeben, dass es Personen gibt, die über eine Kapazität zur Bewältigung beider Herausforderungen verfügen, eine Eigenschaft, die ich bei mir selbst nicht wahrnehme. Normalerweise sind die Aufgaben eines Unternehmensgründers und -führers so fordernd, dass sie volle Konzentration und vollen Zeiteinsatz verlangen. Oder vorwärts schauend ausgedrückt: vermutlich wären die von Professoren gegründeten erfolgreichen Unternehmen noch erfolgreicher, wenn sich diese Personen ihren Unternehmen voll gewidmet hätten beziehungsweise widmen würden. Und vielleicht wäre das in manchen Fällen auch für die Hochschule, ihre Mitarbeiter und die Studenten besser.

"Fessel" Altersversorgung

Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, dass es viel mehr Unternehmensgründungen geben könnte, wenn Hochschullehrer den Mut hätten, sich von ihren "goldenen Fesseln" zu befreien und Unternehmer zu werden. Die stärkste Fessel scheint dabei die Altersversorgung zu sein. Selbst bei Personen, die in ihren Dreißigern sind, stellt man fest, dass die professorale Altersversorgung zu einem lebensbestimmenden Parameter wird. Persönlich finde ich das erstaunlich. Diejenigen, die das Potenzial und die Ambition zum Unternehmer haben, sollten eigentlich keine Angst haben, ihr Alter in Armut zu verbringen. Warum klammern sich dann selbst solche als Unternehmer geeignete Professoren an letztlich doch bescheidene Pensionen? Warum gibt es diese schwer verständliche Fixierung auf die finanzielle Absicherung im Alter? Nun mag der Leser diese Aussagen als verbale Rundumschläge interpretieren. Deshalb lasse ich den Worten einige Informationen zu meinem eigenen Verhalten folgen. Nach 15 Jahren als C4-Professor hatte ich auf Grund von Auslandsrufen und Angeboten aus der Wirtschaft alle Verhandlungsspielräume inklusive Pensionszusagen ausgeschöpft. Ich kündigte dennoch mit 47 Jahren und verzichtete auf meine großzügige Pension. Die Nachversicherung bringt mir der letzten Mitteilung der Deutschen Rentenversicherung zu Folge nun eine monatliche Rente von 807,65 Euro. Dennoch habe ich meinen Schritt nie bereut. Ich kann nur allen Kollegen, die sich das Unternehmertum zutrauen und vielleicht keine berufenen Hochschullehrer - im Sinne von "vocation" - sind, raten, den Sprung ins Unternehmertum ernsthaft zu erwägen.

Verrat am Berufsethos?

Warum ist das ein so weiter Sprung, obwohl die Fähigkeiten so reichlich vorhanden sind? Es könnte daran liegen, dass die Welten des Hochschullehrers und des Unternehmers sehr weit voneinander entfernt sind. Zwischen beiden klafft ein tiefer sozialer Graben. Der amerikanische Historiker Alan S. Kahan wirft in seinem kürzlich erschienenen Buch "Mind vs. Money, The War between Intellectuals and Capitalism" ein Licht auf dieses Spannungsverhältnis zwischen Intellektuellen, zu denen sich viele Hochschullehrer zählen, und den Unternehmern. Professor Kahan sagt: "Intellectuals look down on money-making and especially on entrepreneurship" und an anderer Stelle "the more thoroughly one is an intellectual, the more likely one is to be thoroughly opposed to capitalism." Unternehmertum jedoch ist die Verkörperung des Kapitalismus. Eine Absage an die Laufbahn des Hochschullehrers, um Unternehmer zu werden und dem Mammon hinterher zu laufen, ist für viele Hochschullehrer ein Verrat am Berufsethos. So stieß meine eigene Entscheidung bei vielen Kollegen auf totales Unverständnis: "Wie kann man als Professor kündigen?" war eine oft gestellte Frage. Nun will ich hier keineswegs ein einseitig-euphorisches Lied auf das Unternehmertum singen. Ich war gerne Professor, aber ich war noch lieber Unternehmer. Entscheidend ist es zu wissen, was man wirklich will, wozu man "berufen" ist. Das ist schwer heraus zu finden und manchmal merkt man es erst nach Jahren. Ende der achtziger Jahre dachte ich nicht im Entferntesten daran, meine Professur aufzugeben. Das war jenseits meiner Vorstellung. Doch 1994 war ich dann soweit, mich für den Weg des Unternehmertums zu entscheiden. Eine wichtige Motivation war dabei, dass es mir nicht ausreichte, wissenschaftlich zu arbeiten, sondern ich direkten Einfluss auf die Praxis nehmen und ein Unternehmen schaffen wollte.

Natürlich spielt für alle Unternehmertypen die finanzielle Motivation eine Rolle. Es wäre blauäugig, das zu leugnen. Aber ich hätte meine Beratungstätigkeit, wie viele andere Kollegen, auch neben der Lehrtätigkeit betreiben können und dabei nicht am Hungertuch nagen müssen. Man sollte sich im Klaren sein, was eine solche Entscheidung bedeutet. So gibt man einen Großteil der akademischen Freiheit auf, denn ein Unternehmen, insbesondere wenn es wächst und komplexer wird, schränkt die Freiheitsgrade ein. So habe ich manchmal bedauert, anders als zu meinen Universitätszeiten, nur noch selten in Ruhe am Schreibtisch lesen und schreiben zu können. Dennoch war ich stets bemüht, wissenschaftlich einigermaßen am Ball zu bleiben, und habe noch 2008, 13 Jahre nach meinem Ausscheiden aus dem Hochschuldienst, ein Lehrbuch geschrieben - allerdings unter Hinzuziehung eines jüngeren Kollegen als Ko-Autor. Die vielen anderen Bücher und Artikel, die ich in den Jahren meiner Praxistätigkeit schrieb, haben keinen wissenschaftlichen Anspruch, sondern sind für Praktiker gedacht.

Ungeahnter Freiheitsgewinn

Aber durch das Abschütteln der "goldenen Fesseln" gewinnt man auch neue ungeahnte Freiheiten. So war für mich das motivierendste und herausforderndste Element in der unternehmerischen Tätigkeit die Internationalisierung, mit der wir nach meinem hauptberuflichen Eintritt 1995 starteten. Niemand schrieb meinen Weg vor, wir stellten keine Anträge und befragten keine Gremien oder Ministerien. Wir waren die Herren unseres Schicksals. Im Jahre 1996 eröffneten wir unser erstes Auslandsbüro in den USA. Heute ist Simon - Kucher & Partners mit Hauptsitz in Bonn mit 23 Büros in 17 Ländern und 500 Mitarbeitern vertreten. Auf unserem Spezialgebiet der Preisberatung sind wir Weltmarktführer. Und das, was wir tun, hat seine direkten Ursprünge in der Forschungs- und Lehrtätigkeit meiner Universitätszeit. Ich bin überzeugt, dass es Hunderte von Hochschullehrern gibt, die ähnliches und mehr erreichen könnten, wenn sie sich entschlössen, Unternehmer zu werden und den Sprung ins kalte Wasser des Marktes und des Wettbewerbs wagten. Entscheidend ist, zu wissen, was man wirklich will. Genauso wenig, wie das Geld, das im Unternehmertum lockt, den Ausschlag geben sollte, genauso wenig sollten dies für die Hochschullehrer mit Unternehmerpotenzial die "goldenen Fesseln" des Beamtentums oder die Pension tun. Jeder muss seinen Weg gehen. Und um mit Winston Churchill zu schließen: "Success is never final".


Über den Autor
Professor Dr. Dr. h.c. Hermann Simon ist Chairman von Simon - Kucher & Partners in Bonn. Von 1979 bis 1995 hatte er einen Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten Mainz und Bielefeld.


Aus Forschung und Lehre :: Januar 2011

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