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Aufstieg durch Abstieg

Von Jan-Martin Wiarda

Sachsen-Anhalts Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz degradiert sich selbst. Er will Präsident der Berliner Humboldt-Universität werden - und unter einem Exkollegen dienen.

Aufstieg durch Abstieg© Thomas Röske - Fotolia.comAm 20.04.2010 wird an der Berliner Humboldt-Universität (HU) ein neuer Präsident gewählt
Am schwersten ist ihm der Gang zum Chef gefallen. Dem Mann, der ihn vor acht Jahren in die Politik holte, der ihm Freiheiten eingeräumt hat, von denen seine Amtskollegen in anderen Bundesländern oft nur träumen. Doch als Jan-Hendrik Olbertz dann vor Ministerpräsident Wolfgang Böhmer stand, fiel es ganz leicht. »Er hatte Verständnis für meine Entscheidung«, sagt Olbertz, als könnte er selbst nicht verstehen, warum eigentlich.

Diese Nachricht dürfte das Selbstverständnis so manchen Berufsstrippenziehers durchgerüttelt haben: Olbertz, 55 Jahre alt, Kultusminister von Sachsen- Anhalt, einer der angesehensten und einflussreichsten Bildungspolitiker der Republik, degradiert sich selbst. Freiwillig. Er kandidiert für das Amt des Präsidenten der Berliner Humboldt-Universität (HU), am 20. April wird gewählt. Prominente Namen waren als Gegenkandidaten gehandelt worden - aus der Deckung wagte sich keiner. Erreicht Olbertz nun die erforderliche Stimmenzahl, wovon alle Beobachter ausgehen, wird er von seinem Ministeramt zurücktreten. Und das für eine Universität, die in der Exzellenzinitiative scheiterte, die durch unschöne Machtkämpfe von sich reden macht. Olbertz selbst sagt: »Die HU ist der Prototyp der modernen Universität, die Idee der deutschen Reformuniversität hat hier ihren Ursprung und hat sich über die ganze Welt verbreitet. Ich kann da keine Degradierung erkennen.«

Vielen seiner Kollegen würde man diese Begeisterung nicht abnehmen und eher über Hintergedanken spekulieren. Etwa dass da einer vor der Landtagswahl 2011 abspringt. Nicht bei Olbertz, der sich selbst nie wirklich als Politiker, aber immer als Pädagogen gesehen hat: Seine erste Berufserfahrung sammelte er als Erzieher in einem Rostocker Hort, ein Studium zum Oberstufenlehrer für Deutsch und Musik folgte. Bis zur Wende blieb er an der Uni Halle-Wittenberg als Assistent in der Sektion Erziehungswissenschaften. Und wäre die DDR nicht zusammengebrochen, sagt Olbertz gern, wäre er dort heute noch. Doch nach der Wiedervereinigung machte er Karriere: Er wurde Professor, gründete das Institut für Hochschulforschung (HoF) in Wittenberg, bevor er 2000 zum Direktor der Franckeschen Stiftungen in Halle berufen wurde, einem über 300 Jahre alten christlichen Sozialund Bildungswerk. Olbertz sagt: Wenn ihm überhaupt je eine solche Entscheidung ein schlechtes Gewissen bereitet hätte, dann jene, die Stiftungen zu früh verlassen zu haben - nämlich als er 2002 Minister wurde. Und wieder gilt: Bei vielen klänge dieser Satz kokett. Nicht bei Olbertz.

Für die HU wäre seine Wahl das Signal für einen Neuanfang. Dem scheidenden Vorgänger Christoph Markschies wird vorgeworfen, die inneruniversitäre Spaltung begünstigt zu haben. Das Scheitern in der Exzellenzinitiative hatte er auf die DDR-Vergangenheit geschoben. Vie le Alteingesessene haben das dem in West-Berlin geborenen Theologen nicht vergessen, die Studentenvertreter kritisierten seinen Führungsstil als autoritär. Vor der Wahl wolle er sich nicht über Einzelheiten oder mögliche Weichenstellungen äußern, betont Olbertz. »Doch sicherlich kann es hilfreich sein, dass ich die Universität auch aus DDR-Zeiten recht gut kenne.« Ebenso sei es ein Vorteil, die Funktion der Ministerialbürokratie zu verstehen, lange genug sei er Teil von ihr gewesen. Mit der ihm eigenen Diplomatie hat Olbertz manchen Sieg verbucht, sie hat ihn mehrmals zur Nummer eins im Minister-Ranking des Hochschulverbands gemacht. Auch Tatkraft und taktische Raffinesse hat der Quereinsteiger bewiesen: Gleich zu Beginn seiner Amtszeit hat er die Schulzeit auf zwölf Jahre verkürzt und durch eine sinnvolle Begrenzung des Lernstoffs solche Elternproteste vermieden, wie sie einige seiner Kollegen kürzlich durchmachen mussten.

Mit Konsequenz hat er Sachsen-Anhalt im Pisa-Ranking vom Kellerkind zum Aufsteigerland gemacht - auch wenn er selbst betont, für die positive Entwicklung gebe es jede Menge Gründe, deren geringster seine Politik sei. In der Kultusministerkonferenz haben sie ihn, den parteilos Gebliebenen, wegen seines Verhandlungsgeschicks zum Sprecher der CDU-geführten Bundesländer gewählt. Ihm und seinem sozialdemokratischen Counterpart, Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner, verdankt das einst berüchtigte Gremium, dass lähmende ideologische Grabenkämpfe überwunden wurden.

Olbertz' Strategie ist simpel: Er argumentiert ohne Worthülsen und Stereotypen, leitet seine Positionen je nach Bedarf historisch oder kulturwissenschaftlich her, und zwar so elegant, dass man ihm fast zwangsläufig zustimmt - ohne dabei zu merken, wie man gerade die eigene Position aufgibt. »Bemerkenswerte intellektuelle Aufrichtigkeit« attestieren sogar politische Gegner. Wobei Olbertz selbst nie von Gegnern, sondern von Partnern sprechen würde. SPD-Senator Zöllner hat ihn nach Bekanntwerden seiner Kandidatur in höchsten Tönen gelobt. Und nur für einen wie Olbertz ist es kein Problem, dass mit Zöllner ein Amtskollege nun sein Vorgesetzter werden könnte. »Wieso denn«, sagt er. »Der Senator und die Universitätspräsidenten haben dasselbe Ziel: möglichst viel für die Wissenschaft herauszuholen.«

Aus DIE ZEIT :: 15.04.2010

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