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Aufstieg im System

von WOLFGANG A . HERRMANN

Die TU München hat mit ihrem neuen Tenure Track-System deutschlandweit für Aufsehen gesorgt. Herausragenden Talenten will sie eine frühe Selbstständigkeit und die Möglichkeit einer dauerhaften Anstellung bieten. Fragen an den Präsidenten.

Aufstieg im System© Forschung & LehreProfessor Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang A. Herrmann, Präsident der TU München, spricht über das Tenure Track-System in Deutschland
Forschung & Lehre: Sie bezeichnen das "TUM Faculty Tenure Track" als bundesweit einmaliges Karrieresystem. Was ist daran einmalig?

Wolfgang A. Herrmann: Ja, und zudem ein Paradigmen-Wechsel im deutschen Berufungssystem: Indem wir begabte Nachwuchskräfte mit Entwicklungspotenzial nicht nur an die TUM holen, sondern leistungsabhängig den "Aufstieg im System" ermöglichen. Einstieg als Assistant Professor W2 auf sechs Jahre, im Erfolgsfall Aufstieg zum Associate Professor W3 (Dauerbeschäftigung), und je nach Performance der weitere Aufstieg zum besser bezahlten, noch besser ausgestatteten Full Professor (W3). In den sechs Jahren erfahren die (sehr jungen) Kollegiumsmitglieder eine umfassende Unterstützung: Sie sind nicht - wie viele Junior-Professoren W1 in Deutschland - das "Anhängsel" eines Lehrstuhls. Die Förderung dieser Nachwuchskräfte ist die vornehmste Pflicht von Fakultät und Universität. Wir wissen, dass wir hier einen Kulturwandel zu gestalten haben. Dies ist Sache der ganzen Universität, die sich zum neuen TUM Berufungs- und Karrieresystem bekannt hat.

F&L: Was haben Sie sich von Tenure Track-Modellen anderer Länder abgeschaut - was ist davon "Made in Germany"?

Wolfgang A. Herrmann: Unser Modell entspricht den international besten Standards. Denn nur so sind wir für exzellente Nachwuchskräfte aus aller Welt attraktiv, einschließlich unserer jungen deutschen Landsleute, die sich nach der Promotion an Spitzenuniversitäten im Ausland weiter qualifizieren. Warum sollten sie nach Deutschland (zurück) kommen, wenn sie trotz bester Leistungen auf einer W2-Stelle hängen bleiben? "Made in Germany" sind verfahrensbedingte Einzelheiten, die dem Beamtensystem geschuldet sind, und gewiss auch die besonders frauen- und familienfreundlichen Rahmenbedingungen. Anders als in den USA gibt es bei uns die Einstiegsberufung nur bei nachgewiesener Auslandserfahrung. Alle Neuberufenen sollen am eigenen Beispiel erfahren haben, wie es anderswo in der Welt zugeht. Deshalb verbieten sich "Hausberufungen".

F&L: Frühe Selbstständigkeit und planbare Aufstiegschancen für herausragende Talente: ist das mit dem gegenwärtigen deutschen Berufungssystem nicht - mehr - vereinbar?

Wolfgang A. Herrmann: Es gibt die sehr seltenen Fälle von Juniorprofessuren, die es an derselben Universität zum Lehrstuhl gebracht haben. So tickt aber unser System bisher nicht. Herausragende Nachwuchstalente sind bereit, Karriererisiken auf sich zu nehmen, aber nur wenn frühe Selbstständigkeit und faire Aufstiegschancen diese Risiken rechtfertigen. Es ist doch bekannt, dass es an deutschen Universitäten zahllose Extraordinarien (W2) gibt, die trotz exzellenter Leistungen in der eigenen Universität aufgrund der starren Personalstrukturen nie die Chance auf einen Lehrstuhl haben. Deshalb werden wir künftig dauerbeschäftigte W2-Professoren nicht mehr berufen. Natürlich steht und fällt der Erfolg unseres in Deutschland neuen Modells mit strengen aber transparenten Leistungskriterien, verbunden mit einer möglichst großen Unabhängigkeit und Professionalität der Berufungs- und Tenure- Kommissionen.

F&L: Welche Rolle spielt die Lehrleistung in dem Tenure Track-Modell der TU München?

Wolfgang A. Herrmann: Die Lehrleistung ist in jeder Etappe ein wichtiges Kriterium und deshalb Bestandteil jeder Evaluierung. Für die didaktische Qualifizierung bieten wir seit Jahren professionellen Unterricht an, der sehr bereitwillig angenommen wird, nicht nur von der jungen Kollegenschaft! Es gibt an der TUM nicht nur Freisemester für die Forschung, sondern auch Freisemester für die Lehre. Bei den Assistant Professors ist die Lehrleistung auf fünf SWS reduziert, damit Zeit für Forschungsund Qualifizierungsprogramme bleibt.

F&L: 40 Prozent der neuen Stellen wollen Sie mit Wissenschaftlern aus dem Ausland besetzen. Wie finden Sie diese Wissenschaftler?

Wolfgang A. Herrmann: Wir inserieren international in den einschlägigen Medien sowie online. Die Resonanz auf die ersten zehn TUM Faculty Tenure Track- Professuren ist riesig. Gleichzeitig suchen wir gezielt nach Top-Nachwuchskräften: auf den internationalen Nachwuchsmessen und über unsere Auslandsbüros bzw. TUM-Dependancen. Außerdem halten unsere Kollegiumsmitglieder ihre Augen offen.

F&L: Transparenz ist ein wichtiges Element im Berufungsverfahren und ein Gebot der Fairness gegenüber den Kandidaten. Wie stellen Sie in Verfahren, bei denen keine Ausschreibung erfolgt ist, Transparenz sicher?

Wolfgang A. Herrmann: Alle Tenure Track-Professuren werden ausgeschrieben. Das betrifft auch die 100 neuen Stellen, die wir bis zum Jahr 2020 hochschulweit schaffen (Offensive TUM100), teils mit Mitteln aus der Exzellenzinitiative (Zukunftskonzept). Die Spielregeln bei Ausschreibungen und Berufungsverfahren werden von einem ständigen Ausschuss überwacht, dem auch zwei Experten unseres Kooperationspartners MPG angehören. Wir werden nämlich Nachwuchskräfte der MPG in unser Tenure Track-System integrieren und damit unseren Talentpool erweitern.

F&L: Sie verabschieden sich von der Juniorprofessur, indem Sie mit dem "Assistant Professor" bessere Bedingungen schaffen?

Wolfgang A. Herrmann: Die Juniorprofessur mit ihrer lausigen W1-Besoldung, und dann faktisch auch noch assoziiert mit einem Lehrstuhl: Können wir damit die besten Nachwuchskräfte nach Deutschland bringen? Nein, an die TUM gewiss nicht! Was uns die besten internationalen Schulen seit Jahrzehnten erfolgreich vormachen, muss auch in Deutschland möglich sein. Erste Bewegungen an anderen deutschen Universitäten sind spürbar. Wo aber weiter die Bedenkenträger dominieren, dort soll man beim alten System bleiben ...


Aus Forschung & Lehre :: Januar 2013

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