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Aus dem Büro an die Uni

VON SABRINA EBITSCH

Die Duale Hochschule Baden-Württemberg bietet jetzt den berufsbegleitenden Master.

Aus dem Büro an die Uni© kamirika - Photocase.comDie Masterprogramme der Dualen Hochschule Baden-Württemberg stehen ausschließlich Berufstätigen offen
Reinhold Geilsdörfer sieht es nüchtern: »Die Studenten sind unser Kapital.« Der Präsident der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) hat dafür gesorgt, dass sich dieses Kapital bald vermehren wird. Im Herbst starten an der DHBW, die bisher nur Bachelorstudiengänge angeboten hat, die ersten Masterprogramme. Anders als an anderen Hochschulen stehen sie ausschließlich Berufstätigen offen. Damit betritt man in Baden-Württemberg Neuland in der deutschen Hochschullandschaft: Die DHBW wird bundesweit die einzige Hochschule sein, deren Masterstudiengänge allesamt weiterbildend sind. »Die Ausschließlichkeit des berufsbegleitenden Modells ist einmalig«, sagt Geilsdörfer. Ein Dutzend Masterstudiengänge, die sich derzeit noch im Akkreditierungsverfahren befinden, sollen am 1. Oktober an den drei Fakultäten anlaufen. Weitere könnten in den kommenden Jahren folgen - je nach Nachfrage.

Für die meisten Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland ist die Weiterbildung vor allem ein mehr oder minder lukratives Nebengeschäft. Die große Mehrzahl der über 6000 weiterführenden Studienangebote ist konsekutiv und schließt damit direkt an einen vorausgehenden Bachelor an. Absolventen, die einen Abstecher ins Berufsleben und dann einen Master machen, sind die Ausnahme. Die wollen die Stuttgarter nun zur Regel machen. Das Ungewöhnliche ist aus Sicht der Dualen Hochschule nur logische Konsequenz. Sie ging vor zwei Jahren aus dem Zusammenschluss von acht Berufsakademien hervor und setzt nun als Hochschule fort, was diese mehr als 30 Jahre lang praktizierten: die Zusammenführung von akademischer und beruflicher Ausbildung. Bereits im Bachelor verbringen die rund 26 000 Studenten die Hälfte ihrer dreijährigen Studienzeit in einem der 9000 Kooperationsunternehmen. »Sie fühlen sich eher als Mitarbeiter der Unternehmen denn als Studenten der Hochschule«, sagt Geilsdörfer.

Ähnlich soll es nun im Master weitergehen. Mit der Umwandlung der Berufsakademien in die Duale Hochschule war der Anspruch verbunden, weiterführende Studiengänge anzubieten und Forschung zu betreiben. »Wir wollen uns damit in der akademischen Landschaft endgültig als Hochschule mit Vollprogramm platzieren«, sagt Paul-Stefan Roß, Leiter des Masterstudiengangs der Fakultät Sozialwesen. Das reißverschlussartige Ineinandergreifen von Theorie und Praxis soll im Master noch enger werden. Das Studium ist berufsbegleitend oder vielmehr berufsintegriert, wie man in Stuttgart betont: Die Studenten behalten ihre Stelle in einem der Partnerunternehmen, verbringen aber ihre freien Tage an der Hochschule und ihre Abende mit Lernen. »Auch während der Masterausbildung sollen die Studenten den Unternehmen erhalten bleiben«, sagt Geilsdörfer. Voraussetzung für die Teilnahme an den Programmen ist nicht nur Berufserfahrung, sondern auch ein fester Arbeitsvertrag.

»Der Master ist für diejenigen gedacht, die sich spezialisieren wollen«

Dahinter steht auch die Auffassung, dass bereits der Bachelor ein berufsqualifizierender Abschluss und der Master eher der Ritterschlag als karrieristische Notwendigkeit ist. »Das Grundprodukt ist der Bachelor. Der Master ist für diejenigen gedacht, die sich weiterentwickeln, sich spezialisieren oder Führungsaufgaben übernehmen wollen. Und die sind nicht der Regelfall, sondern eine Teilgruppe«, sagt Roß. Gerade einmal 8,5 Prozent aller DHBW-Absolventen hängen derzeit direkt einen Master an - im Gegensatz zu 77 Prozent der Universitätsstudenten. In Sozialwesen sind es immerhin zehn Prozent. An dieser Fakultät sind die Vorbereitungen für den Master am weitesten fortgeschritten. Seit Mitte März liegt das Akkreditierungsgutachten vor.

»Es werden kleinere Nachjustierungen gefordert, aber wir haben grünes Licht«, sagt Roß. 15 bis 30 Erstsemester werden im Master »Governance Sozialer Arbeit« für 1500 Euro pro Semester auf Führungsaufgaben im sozialen Bereich vorbereitet - nach dem Prinzip Governance, das nicht nur wirtschaftliche, sondern auch rechtliche, gesellschaftliche und sozialstaatliche Aspekte mit einschließt. »Alles sehr motivierte Leute, die in Leitungsaufgaben wollen«, sagt der Studiengangsleiter über seine künftigen Studenten, die nach dem Wochenendunterricht wieder an den Schreibtischen sozialer Einrichtungen sitzen werden. Der Nähe zur Wirtschaft, die den Studenten weitgehende Jobsicherheit und den Unternehmen maßgeschneidertes Personal beschert, wird jedoch auch Skepsis entgegengebracht. Kritiker fürchten um die akademische Unabhängigkeit. Stephanie Odenwald vom Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft etwa möchte duale Ausbildungen wegen der Vorteile der Studenten am Arbeitsmarkt zwar nicht verteufeln, moniert aber, dass kritisches Studieren zu kurz komme: »Die Freiheit von Forschung und Lehre ist hier in Gefahr. Ich gehe davon aus, dass die Unternehmen einen sehr starken Einfluss ausüben.« Tatsächlich wählen die Kooperationspartner der DHBW die Studenten mit aus und reden auch bei den Studieninhalten mit.

Eine »ausgelagerte Berufsschule« wolle man jedoch nicht sein, betont Roß: »Den Vorwurf, die Unternehmen gäben die Themen vor, halten wir für nicht zutreffend. Niemand diktiert uns die Ausrichtung.« Er gesteht aber auch ein, dass Spannungen zwischen den Ansprüchen der Praxis und denen der Hochschule existierten. Denn letztlich war es auch der Wunsch der Unternehmen nach höher qualifizierten Mitarbeitern und passgenauer Forschung, der die Einrichtung der Master mit angestoßen hat. Man verstehe dies auch als personale Entwicklungsmaßnahme für die Unternehmen, deren Nachfrage man derzeit nicht befriedigen könne, sagt Präsident Geilsdörfer. Bis zum Wintersemester 2014/15 will er die Studentenzahlen auf rund 34 000 wachsen sehen.

Befriedigt wird auch Nachfrage von anderer Seite - der der Studenten. Es bestehe nun einmal die Meinung: je höher der akademische Grad, desto besser die Karrierechancen, sagt Geilsdörfer. Künftig soll gut die Hälfte derjenigen Absolventen, die einen Master anhängen, dafür an die DHBW zurückkehren. Es sind solche ökonomischen Prinzipien von Angebot und Nachfrage, von Markt und Kapital, die an der DHBW neben der Zusammenarbeit mit Unternehmen auch die Ausbildung der Studenten begleiten. Eine Gratwanderung, die mit den Masterprogrammen nicht leichter wird. Roß sieht das gelassen: Das Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Bildung, Praxis und Theorie sei nun mal seit vielen Jahren »unser täglich Brot«, sagt er: » Das können wir, und das können wir auch im Master.«

Aus DIE ZEIT :: 12.05.2011

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