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Aus zwei mach eins

VON JULIA KIMMERLE

BWL und VWL verschmelzen in den Wirtschaftswissenschaften zu einem Studium mit vielen Möglichkeiten.

CHE Hochschul-Ranking 2011 - Wirtschaftswissenschaften
Ein bisschen himmelhoch jauchzend und gleichzeitig ziemlich betrübt - wären die Wirtschaftswissenschaften ein Mensch, dann müsste man sich fast um dessen Gefühlshaushalt sorgen. Einerseits gibt es in Lehre und Forschung gute Gründe für Sektlaune: Die Wirtschaftswissenschaften zählen seit Jahren zu den beliebtesten Studienfächern. Außerdem stellt man sich selbstbewusster dem internationalen Vergleich: »Deutsche Wirtschaftswissenschaftler haben in der Forschung in den letzten Jahren enorm aufgeholt. Gerade die Nachwuchswissenschaftler stehen in internationalem Wettbewerb - und sind zunehmend erfolgreich«, sagt Dodo zu Knyphausen-Aufseß, stellvertretender Vorsitzender im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft und Mitglied der internationalen Vereinigung akademischer Verbände der Betriebswirtschaftslehre. Andererseits: Die Finanzkrise liegt noch nicht lange zurück. Und die Sinnkrise, in der viele Ökonomen ihr Fach seither sehen, ist noch lange nicht durchgestanden.

»Die Finanzkrise war ein Desaster - für die ganze Disziplin«, sagt Bernhard Herz, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth und Mitglied im wirtschaftspolitischen Ausschuss des Vereins für Socialpolitik. Studierende scheint das kaum abzuschrecken - für sie sind Wirtschaftswissenschaften nach wie vor attraktiv. Im vergangenen Wintersemester waren es rund 69 000, die sich für das Fach eingeschrieben hatten. Damit gehört es, wie in vielen Jahren zuvor, zu den Top Ten der beliebtesten Studiengänge. Auf dem ersten Platz liegt, immerhin schon seit 1986, Betriebswirtschaftslehre. Volkswirtschaftslehre wird weitaus seltener belegt. Mit Studiengängen, die nicht BWL oder VWL im Titel tragen, sondern allgemeiner »Wirtschaftswissenschaften«, versuchen Hochschulen, beiden Disziplinen in der Lehre gerecht zu werden und die oft künstlichen Gräben zwischen den Fachrichtungen zu überwinden. Den alten Spruch »VWLer kommen arm in den Himmel, BWLer reich in die Hölle« können Wirtschaftswissenschaftsabsolventen einfach überhören. Denn sie kommen überallhin - in Unternehmen, Banken, Beratungen, aber auch in internationale Organisationen und die Politikberatung.

»Wir setzen auf eine breite Grundlagenausbildung für das ganze Feld der Wirtschaftswissenschaften, sowohl in BWL als auch in VWL«, sagt Eveline Wuttke, Studiendekanin an der Universität Frankfurt am Main. Eigentlich keine ganz neue Idee. Denn vor der Einführung von Bachelor und Master besuchten BWLer und VWLer viele Vorlesungen gemeinsam - etwa in Finanzierung, Mikro- und Makroökonomie oder Rechnungswesen. Doch während man sich damals auch nach drei Semestern Grundlagenstudium noch recht problemlos für eine von beiden Richtungen entscheiden konnte, ist das beim Bachelor nicht mehr ganz so einfach. Es sei denn, man bewirbt sich erneut um einen Studienplatz. In der fächerübergreifenden Basis sieht Georg Gebhardt, Leiter des Instituts für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Ulm, denn auch einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem spezialisierteren Angebot: »Durch das verkürzte Abitur sind die Studenten heute jünger und wissen es zu schätzen, wenn sie sich nicht sofort zwischen BWL und VWL entscheiden müssen.«

Bisher wurden Wirtschaftswissenschaften im CHE-Ranking entweder der BWL oder der VWL zugerechnet. Jetzt werden 27 Studienangebote separat aufgelistet. »In den letzten Jahren hat sich ein stärkeres Selbstverständnis des Faches herausgebildet, das mit einem Zuwachs an Studienangeboten einherging. Deshalb haben wir dieses Jahr ein eigenes Ranking eingeführt«, erklärt Petra Giebisch vom CHE. Besonders gut studieren lässt sich das Fach nicht nur in Frankfurt und Ulm, sondern auch in Bielefeld, Passau, Witten/Herdecke und Wuppertal. Bei der Bewertung der Forschungsleistung wurden BWL und VWL separat berücksichtigt und sowohl die Forschungsgelder als auch Publikationen bewertet. Trotzdem sollten sich Studieninteressierte nicht nur das Ranking genau ansehen, sondern sich auch im Internet über das Studienprogramm informieren und vielleicht auch einen Tag der offenen Tür nutzen, rät die Frankfurter Studiendekanin Wuttke. Dort können angehende Studenten am ehesten erfahren, was im Studium auf sie zukommt.

Dass die Grenzen zwischen BWL und VWL in weiten Teilen verwischen, ist auch einem Trend der letzten Jahre zu verdanken: In beiden Fächern wird heute mehr und mehr eine gemeinsame Sprache gesprochen, nämlich die der Mathematik. Quantitative Methoden zu beherrschen wurde in den vergangenen Jahrzehnten in fast allen Teilbereichen wichtiger, und die Wirtschaftswissenschaften entwickelten sich immer mehr zu einem mathematischen Fachgebiet. Zur weiteren Annäherung habe auch die Exzellenzinitiative beigetragen, sagt der Ulmer Wirtschaftswissenschaftler Gebhardt. Denn sie förderte gezielt die interdisziplinäre Zusammenarbeit: »Die großen Erfolge bei der Exzellenzinitiative im Bereich der Wirtschaftswissenschaften - etwa die Graduiertenschulen in Mannheim oder Bonn - wurden möglich durch die dortige Zusammenarbeit zwischen den Bereichen Mathematik, Finanzmärkte und VWL.« Für die Studierenden bedeutet das: Wer ein guter Wirtschaftswissenschaftler sein will, kommt um Mathe matik nicht herum. Rausmogeln über Teilgebiete wie Marketing oder strategische Unternehmensführung ist in den Studiengängen Wirtschaftswissenschaften nicht drin.

Dennoch gibt es seit der Finanzkrise auch Zweifel an den stärker an Zahlen und Formeln ausgerichteten Methoden. Nach der Finanzkrise konnte man sich durchaus die Frage stellen: Was hat die ökonomische Theorie, was die BWL und was die VWL, eigentlich geleistet, um vor einer solchen Entwicklung zu warnen? Volkswirtschaftliche Modelle, in denen der Finanzsektor schlicht nicht vorkam, die starke Orientierung am Shareholder-Value, auch die Verbreitung von Anreizsystemen - eine unschuldige Wissenschaft ist das Fach nicht. Doch die Krise könnte jetzt einem Teilbereich zum Aufschwung verhelfen, der bisher in den Wirtschaftswissenschaften keine große Rolle spielte. Viele Hochschulen wollen Ethik und Nachhaltigkeit einen größeren Platz in den Lehrplänen einräumen. Bayreuth etwa bietet einen Master in Philosophy and Economics nach englischem Vorbild an - in Oxford oder an der renommierten London School of Economics ein beliebtes Angebot. An der TU Berlin wird über einen neuen Studiengang Nachhaltige Unternehmensführung nachgedacht.

Doch dass diese Initiativen auch Erfolg haben, wird jetzt schon angezweifelt. »Ich glaube, dass die Kollegen sehen, wie wichtig es wäre, die Curricula zu ändern«, sagt Harald Dyckhoff von der RWTH Aachen, der sich seit Jahren mit nachhaltiger Produktion und endlichen Ressourcen beschäftigt. »Nur ist die Motivation bei den meisten eher die, zu Standardthemen zu forschen, da Nachhaltigkeitsthemen von den internationalen Topzeitschriften bislang kaum aufgegriffen werden.« Welche Lehren das Fach aus der Krise zieht, ist also noch nicht abzusehen. Doch auch das lehrt die Wirtschaftswissenschaft: Nachhaltiger Erfolg braucht meistens mehr Zeit.

Aus DIE ZEIT :: 26.05.2011

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