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Ausgebrannt

VON CHRISTIAN HEINRICH

Ein drohendes Burn-out wird oft nicht erkannt. Wer ist besonders gefährdet?

Ausgebrannt - Burnout© -steve- - Photocase.de
Es ist nicht leicht, alles richtig zu machen, wenn man am Abgrund steht. Vor Ralf Rangnick lag die völlige Erschöpfung, hinter sich spürte der Trainer des FC Schalke 04 den Druck des Fußballbetriebs und der Öffentlichkeit. Er hat es noch rechtzeitig geschafft. »Mein derzeitiger Energielevel reicht nicht aus, um erfolgreich zu sein und insbesondere die Mannschaft und den Verein in ihrer sportlichen Entwicklung voranzubringen«, ließ Rangnick am vergangenen Donnerstag erklären. Und trat ab - trotz steiler Karriere. Er tat es für sich und seine Gesundheit.

»Dass bislang kaum ein Trainer einen solchen Schritt gegangen ist, hat mich schon lange gewundert«, sagt Hans-Dieter Hermann, Psychologe der deutschen Fußballnationalmannschaft. Ottmar Hitz feld fällt ihm auf Anhieb ein, sonst niemand. »Dabei sind die Trainer 24 Stunden im Einsatz. Sie tragen im Grunde die Verantwortung für alles«, sagt Hermann. »Auch für das, was sie kaum beeinflussen können.« Was auf dem Platz geschieht. Was in den Medien geschrieben wird. Was die Spieler belastet. Als Rangnick vergangene Woche zurücktrat, entledigte er sich eines Großteils jener Verantwortung, die ihn zu ersticken drohte. Inzwischen wird er dafür gelobt und bewundert. »Ein mutiger Schritt«, sagt Hermann, »der leider immer noch viel zu selten gegangen wird.« Nicht nur von Menschen, die in der Öffentlichkeit stünden. »Fußballtrainer erleben nur im Extrem, was jedem von uns in anderer Form auch widerfährt«, sagt Hermann.

Wie der Einzelne mit dem Arbeitsstress umgeht, ist abhängig von der Situation und der Persönlichkeit. Psychologen haben eine Reihe von Faktoren identifiziert, von denen sich sechs Grundtypen ableiten lassen, aus denen sich das individuelle Burnout-Profil zusammensetzt. Nicht bei allen denkt man auf den ersten Blick an Burn-out-Gefährdung.

1. Der Soziale

Es ist gut, Kollegen zu helfen und ihnen Arbeit abzunehmen. Der Soziale aber treibt es zu weit. Immer hilfsbereit und verfügbar, schlägt er kaum eine Bitte ab - selbst wenn er konzentriert an einer eigenen Aufgabe sitzt und dabei unter starkem Zeitund Leistungsdruck steht. Der eine handelt so, weil er sich dabei gut fühlt; der andere hat vielleicht von Natur aus Schwierigkeiten, Nein zu sagen. Die Konsequenz ist die gleiche: Der Soziale kommt mit seiner eigenen Arbeit ins Hintertreffen. Es kann sogar so weit gehen, dass er auch privat seine eigenen Bedürfnisse immer wieder zurückstellt - was ihm die Möglichkeit nimmt, einen Ausgleich von den Belastungen im Beruf zu finden.

2. Der Perfektionist

Für ihn ist »gut« nie gut genug. Es muss, so der häufig zwanghafte Gedanke, vollkommen sein. Der Perfektionist arbeitet sorgfältig, delegiert nur ungern, und es fällt ihm schwer, seine Arbeit zu beenden. Er versucht, aus allem das Optimum herauszuholen. Das bringt ihn beruflich schnell nach oben. Ab einem gewissen Level aber hält der Perfektionist zu viele Fäden in der Hand. Er muss lernen, ein paar Aufgaben abzugeben und andere weniger aufwendig durchzuführen. »Sonst kann er seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden, wird unzufrieden und setzt sich unter Druck«, sagt Mazda Adli, Psychiater an der Berliner Charité. »Wenn man merkt, man kann das Pensum nicht mehr selbst bewältigen, sollte man lernen zu delegieren und sich dort, wo es möglich ist, Gelassenheit antrainieren.«

3. Der Idealist

Nicht alles im Detail richtig machen, sondern aus moralischen Gründen das Richtige tun - darum geht es dem Idealisten. Er setzt sich langfristige Ziele und denkt an die Zukunft. Das Ideal am Horizont, das weiß er, erfordert den ganzen Einsatz. Also ist der Idealist mit großem Engagement bei der Sache - was zunächst einmal gut ist. Doch es besteht die Gefahr, dass der Idealist über den hehren Zielen das eigene Wohlbefinden vernachlässigt. Unter Krankenschwestern, Pflegern, Ärzten und Sozialarbeitern etwa finden sich viele Idealisten. In diesen Berufsgruppen kommt es auch überdurchschnittlich oft zum Burn-out.

4. Der Unzufriedene

Was nützt aller Erfolg, wenn er nicht gewürdigt wird? Der Unzufriedene ist frustriert. Die Arbeitsumgebung passt nicht, die Kollegen, der Chef, womöglich gibt es auch Mobbing. Die Unzufriedenheit kann aber auch elementare Ursachen haben: Nicht jeder ist an seinem Arbeitsplatz richtig eingesetzt. »Viele kommen zu mir, weil sie unzufrieden sind mit der Arbeit, die sie machen müssen. Das kann daran liegen, dass in großen Unternehmen mancher Angestellte auf eine Position versetzt wird, die er nie angestrebt hat«, sagt die Karriereberaterin und Psychologin Madeleine Leitner. »Selbst wenn man das normale Pensum bewältigen kann, ist die Unzufriedenheit häufig wie ein Mühlstein, der den ganzen Arbeitsalltag verlangsamt.« Die meisten seien froh, wenn sie ihr Soll erfüllten, und beließen es dabei. In stressigen Arbeitsphasen drohe die Situation dann außer Kontrolle zu geraten.

5. Der Überforderte

»In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.« Dort bleibe er. Das besagt das Peter-Prinzip, aufgestellt in den 1960er Jahren von dem US-amerikanischen Lehrer Laurence Peter. Der Überforderte steht demnach auf jener Sprosse der Karriereleiter, die qualitativ zu viel von ihm verlangt. Vieles kostet ihn mehr Zeit als andere. Das weiß er, und häufig setzt es ihn nur noch mehr unter Druck. Er bleibt länger, investiert seine Energie in die Arbeit und kämpft jeden Tag. Von da ist es nicht mehr weit bis zur Erschöpfung.

6. Der Leistungsträger

Anders als der Überforderte kommt der Leistungsträger mit den qualitativen Anforderungen seines Jobs zurecht. Im Umfeld von Verantwortung und großen Aufgaben fühlt er sich wohl. Damit der Leistungsträger in Bedrängnis gerät, braucht es dennoch kein spezielles Vorkommnis - er ist bereits aufgrund der häufig exponierten Position gefährdet. Er mag jahrelang die Arbeitslast bewältigen, aber irgendwann stößt er doch an seine natürliche Leistungsgrenze. »Gefährlich wird es für den Einzelnen genau dort: an der Schwelle zum Burn-out«, sagt der Psychologe Hermann. Wer sich ständig gerade so über Wasser halte, den könne eine einzelne zusätzliche Belastung aus dem Gleichgewicht bringen. »Sorgen in der Familie, ein Todesfall, manchmal reicht schon ein Streit, damit alles zusammenbricht.« Wenn das geschieht, ist es oft schon zu spät: Man ist für längere Zeit außer Gefecht gesetzt, viele gehen in eine Klinik. Selbstreflexion schütze vor der Eskalation, sagt Hermann, reiche aber allein nicht aus. Zwei Schritte seien notwendig. »Am Anfang steht die Einsicht: Ich kann bald nicht mehr! Darüber muss man sich erst einmal klar werden.« Wichtig ist es dann, aus der Erkenntnis eine Konsequenz zu ziehen. Ein schwieriger Schritt: »Indem man eine Pause macht, erfahren auch die anderen, was los ist. Viele haben Angst davor, dass sich verändert, wie sie von anderen wahrgenommen werden.« Es ist daher gut, dass in den vergangenen Jahren über das Thema so intensiv informiert wird wie noch nie. Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel reflektierte über ihre Burn-out- Erkran kung, Matthias Platzeck, der 2006 als SPD-Vorsitzender zurückgetreten ist, und nun Ralf Rangnick. Mehr Menschen erkennen ihre eigenen Belastungen und haben den Mut, die Konsequenzen daraus zu ziehen. So kommen sie dem Burn-out zuvor.

Aus DIE ZEIT :: 29.09.2011

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