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Ausgerechnet nach Heidelberg

VON JOHANNA SCHOENER

Aus aller Welt kommen junge Idealisten in die Neckarstadt, um Straßenpädagogik zu studieren.

Ausgerechnet nach Heidelberg© Eduard Warkentin - Photocase.comJugendtreffpunkt in Berlin - ein möglicher Arbeitsplatz für Absolventen des Heidelberger Studiengangs "Straßenpädagogik"
Für Eduardo muss es ein bisschen so gewesen sein, als wäre er in einem Bilderbuch gelandet, als er zum ersten Mal durch Heidelberg spazierte. Am Neckarufer entlang, vorbei an der alten Brücke, durch die verwinkelten Altstadtgassen bis hoch zum Schlossberg mit seiner weltberühmten, pittoresken Ruine. Doch Eduardo Bacquet-Pérez ist nicht wegen der Romantik von Santiago de Chile nach Heidelberg gekommen, sondern weil er etwas über Schutzlosigkeit lernen wollte, wie er es nennt. Über Kinder und Jugendliche, die schutzlos sind, weil sie unter Armut oder zu wenig Aufmerksamkeit leiden. Der 29 Jahre alte Chilene studiert hier Straßenkinderpädagogik.

Das romantische Heidelberg ist genau wie das gemütliche südbadische Freiburg kein Ort, an dem man einen Studiengang erwartet, der sich mit Jugendlichen beschäftigt, die auf der Straße leben oder herumhängen. Doch die Universitäten und Pädagogischen Hochschulen (PH) der beiden Städte bieten seit gut zwei Jahren gemeinsam einen viersemestrigen Master in Straßenkinderpädagogik an. Von universitärer Seite her ist in Heidelberg das Diakoniewissenschaftliche Institut beteiligt und in Freiburg das Institut für Praktische Theologie.

Mit der Bezeichnung seines Studiengangs ist Eduardo wie viele seiner Kommilitonen nicht ganz einverstanden, der Begriff Straßenkind sei zu eng gefasst, zu skandalisierend. Auch Hartwig Weber, Initiator des Studiengangs und Religionspädagoge an der PH in Heidelberg, möchte ihn eher in Anführungszeichen verstanden wissen: »Wir beschäftigen uns mit Kindern und Jugendlichen, die sozial benachteiligt sind und sich in Risikosituationen befinden.« Dazu können afrikanische Straßenkinder genauso gehören wie deutsche Jugendliche, die von Hartz IV leben oder zu oft sich selbst überlassen bleiben - kurz alle jungen Menschen, die in der Straße einen Lebensmittelpunkt sehen.

»Für diese instabilen und heterogenen Gruppen braucht man besondere Methoden und Projekte«, sagt Weber, der seit Jahren mit Straßenkindern in Kolumbien arbeitet. Der Bedarf für eine Pädagogik für Kinder und Jugendliche auf der Straße wachse. So sieht das auch Eduardo, der in Chile Philosophie und Psychologie studiert und dort bereits zwei Jahre als Oberstufenlehrer unterrichtet hat. Und so sieht das seine Kommilitonin Kathrin Römer, die seit 20 Jah ren in Jugendhilfeeinrichtungen in einer Kleinstadt in der Nähe des Bodensees tätig ist.

Die deutschen Kinder seien aggressiver als die chilenischen, findet Eduardo

Dass Eduardo und Kathrin, beide im zweiten Semester, einen so unterschiedlichen Hintergrund haben, ist Konzept des Studiengangs. Er ist anwendungsorientiert und nicht konsekutiv, richtet sich also sowohl an Interessenten, die gerade ihr Erststudium abgeschlossen haben, als auch an Mitarbeiter von sozialen oder kirchlichen Organisationen, die schon länger im Berufsleben stehen und sich weiterqualifizieren wollen. Darüber hinaus zieht die Thematik auch Studenten aus Ländern an, in denen das Problem der Straßenkinder weit dringender ist als hier. Auf diese Weise lernen Leute, die von Herkunft, Alter, fachlichen und beruflichen Voraussetzungen her völlig unterschiedlich sind, gemeinsam Forschungsmethoden, theoretische Grundlagen, Pädagogik und Didaktik, die sie zur Bildungsarbeit auf der Straße befähigen sollen.


Die 15 Studenten aus Eduardos und Kathrins Semester kommen aus sechs verschiedenen Nationen, sind unter anderem Religionswissenschaftler, Pädagogen, Künstler und Ingenieure, manche haben keine Berufserfahrung, andere arbeiten schon seit Jahren. »Obwohl wir so verschieden sind, suchen wir alle Lösungen für dieselben Probleme«, sagt Eduardo, »das macht es so spannend.« Er, der ursprünglich vor allem Deutsch lernen wollte, um endlich Habermas im Original lesen zu können, versteht sich eher als der Theoretiker der Gruppe. Wenn er oder andere weniger praxiserprobte Kommilitonen mal wieder übersprühen vor Ideen, kommt manchmal der kritische Einspruch von Kathrin. Die 42-Jährige kennt die finanziellen und organisatorischen Einschränkungen, die im Berufsalltag auftreten, nur zu gut. »Manchmal fehlt sogar den Professoren der Blick für die Realitäten«, sagt sie.

Aus ihren Erfahrungen in der Heimerziehung und als Schulsozialarbeiterin weiß sie aber eben auch, dass viele Jugendliche durch die gängigen Einrichtungen nicht erreicht werden. Sie sieht die Zukunft in einer »aufsuchenden Jugendarbeit«, die raus aus der Schule und auf die Straße geht. Kathrin Römer ist davon so überzeugt, dass sie einige Belastungen für den Studiengang in Kauf nimmt: Jede Woche pendelt sie mit dem Zug vom Bodensee nach Heidelberg, um neben dem Studium weiterhin arbeiten zu können. Ihr Auto teilt sie sich inzwischen mit jemand anderem - ein Kompromiss, den sie eingehen muss, um sich das Masterstudium leisten zu können. 1800 Euro kostet der Studiengang pro Semester. Für die meisten Studenten ist das nur schwer aufzubringen, und sie müssen nebenher arbeiten. Deswegen gefällt vielen von ihnen auch nicht, dass sie für die zweite Hälfte des Studiums nach Freiburg müssen und sie dadurch entweder einen Umzug und die erneute Suche nach einem Nebenjob oder teure Zugfahrten in Kauf nehmen müssen.

Eduardo hat sich dafür entschieden, das ganze Masterstudium in Heidelberg wohnen zu bleiben und zu pendeln. Im Moment versucht er, sich in Chile für ein Stipendium zu bewerben. Schließlich will er nach dem Master zurück nach Santiago gehen und dort eigene Projekte initiieren. Sein Traum ist, dafür mit dem Erziehungsministerium zusammenzuarbeiten, vielleicht eines Tages selbst Pädagogen speziell für die Situation der Straße auszubilden, um so möglichst viele Kinder und Jugendliche erreichen zu können. Seit er in Heidelberg ist, beobachtet Eduardo nämlich etwas, das ihm Sorge bereitet: Die Jugendlichen, denen er abends in der Bahn begegnet, erscheinen ihm viel aggressiver als seine Landsleute - ein Eindruck, der sich für ihn auch bei seinem Praktikum mit schwer erziehbaren Kindern bestätigte. »Mit wachsendem Wohlstand scheinen Kinder und Jugendliche immer einsamer zu werden.« Gegen diese Form der Armut möchte er in Chile möglichst früh ankämpfen. Für das kommende Wintersemester können sich Interessenten übrigens noch bis Ende September in Heidelberg bewerben.

Aus DIE ZEIT :: 09.09.2010

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