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Ausländer raus! Deutsche Professoren sind nicht überall willkommen

Von Peer Teuwsen

Die Schweizer Rechte hat ein neues Feindbild entdeckt: die deutschen Professoren.

Der Angriff kam erstaunlich spät. Schon seit Jahren übersiedeln immer mehr Deutsche in die Schweiz, angezogen von guten Lebensbedingungen und vielen freien Stellen. In der Schweiz gilt seit 2007 die sogenannte »volle Personenfreizügigkeit« mit den alten Ländern der Europäischen Union. Wer einen Arbeitsvertrag hat, kann kommen. Über eine Viertelmillion meist gut ausgebildeter Deutscher arbeiten heute in der Eidgenossenschaft. Die Schweizer Volkswirtschaft ist froh darüber. Das komfortable Gesundheitswesen etwa würde ohne Deutsche zusammenbrechen.

Aber erst letzten November sagte Christoph Blocher, Übervater, abgewählter Bundesrat und 69-jähriger Chefstratege ad infinitum seiner Schweizerischen Volkspartei (SVP): »Es kann doch nicht sein, dass jetzt - mitten in der Rezession - immer noch jeden Monat tausend Deutsche in die Schweiz kommen.« Damit war das Thema gesetzt. Und die Diener folgten dem Herrn. Denn einen braucht ein rechter Schweizer zum Treten. Und Wahlen sind in der Schweiz immer irgendwo. Zum Beispiel die zum Zürcher Stadtrat, im März. Mitte Dezember erschienen in der Tagespresse die ersten großflächigen Inserate: »Deutscher Filz macht sich breit: Denn Deutsche stellen vor allem Deutsche an - an der Uni und in den Spitälern.«

Dieter Imboden© Presse- und Informationsdienst SNFWiderstand gegen Fremdenfeindlichkeit: Dieter Imboden, Präsident des Nationalen Forschungsrates des Schweizerischen Nationalfonds
Dann aber passierte etwas, was es so noch nie gegeben hatte. In einem Inserat in der Neuen Zürcher Zeitung wehrte sich eine Zweihundertschaft von Professoren der Universität und der ETH Zürich gegen die Vorwürfe: »Die rassistische und fremdenfeindliche Rhetorik, Ideologie und Politik der SVP torpediert die Ausbildung unserer Jugend und setzt unsere Zukunft aufs Spiel.« Unterschrieben hatten vor allem Schweizer Professoren, darunter so klingende Namen wie der Germanist Peter von Matt oder Dieter Imboden, Präsident des Schweizer Forschungsrates. Ein Bann war gebrochen. Anders als bei der erfolgreichen Anti-Minarett-Initiative, in deren Vorfeld die Muslime die rechte Propaganda fast stillschweigend über sich ergehen ließen, hatte sich Widerstand gegen die Fremdenfeindlichkeit formiert.

Aber natürlich liebt die SVP nichts mehr, als wenn man auf ihre Provokationen eingeht. Keine Partei beherrscht die Instrumentalisierung der Medien so perfekt. Also legte sie vergangene Woche in einem höhnischen Inserat nach: Sind die Deutschen eine Rasse? Dazu Statistiken, die den Anstieg deutscher Professoren an der Universität Zürich belegen sollen. Kleiner Schönheitsfehler: Die Zahlen von 2009 blieb die Partei schuldig, weil sie eine Abnahme der Berufungen von Deutschen zeigen. Das wiederum beweist, dass es ihr um die Sache zuletzt geht. Das Erstaunlichste aber ist, dass sich die Debatte um ein Problem dreht, das keines ist. Schweizer und Deutsche, sie können eigentlich gut miteinander. Natürlich gibt es Reibereien, die gerade aus der Nähe des Kleinen zum Großen resultieren. Aber das liegt in der Natur der Sache. Bloß, gerade diese Kleinigkeiten kann die Rechte immer wieder zur Staatsaffäre aufblasen. Warum gelingt ihr dies?

Man muss dazu wissen, dass in der Alpenrepublik die Statusangst umgeht. Auch wenn es dem Land ökonomisch immer noch besser geht als all seinen Nachbarn, stehen die Zeichen auf Veränderung. Spätestens seit dem vergangenen »annus horribilis« (Bundespräsident Hans-Rudolf Merz), als die alles dominierende Großbank UBS wegen krimineller Machenschaften in den Vereinigten Staaten schier zusammenbrach und das Land sowie sein Bankgeheimnis fast mit in den Abgrund riss, dämmert's dem Schweizer: Die guten alten Zeiten sind vorbei. Der schleichende Souveränitätsverlust des kleinen Landes in einer zunehmend suprastaatlichen Welt wird einhergehen mit einem Abbau des Lebensstandards. Der Wohlstand wird weniger werden. Nur sagt das kein Politiker laut und deutlich. Aus schierer Angst um seine Wählerstimmen. In dieses Vakuum der Ehrlichkeit stößt die SVP. Die Pointe aber ist eine andere. Die Nationalkonservativen wollen mit ihrer Rhetorik einer anderen Diskussion permanent ausweichen. Nicht die Deutschen sind das Problem. Denn sie nehmen sich vor allem die Stellen, die die Schweizer nicht mehr wollen.

Nein, im Zentrum der Diskussion müssten die Schweizer selbst stehen. Erstens hat man, gerade an den Hochschulen, die Nachwuchsforschung »sträflich vernachlässigt«, wie der Zürcher Kunst-Professor Philip Ursprung selbst sagt. Viele Schweizer Professoren haben sich vor allem um ihre Publikationslisten gekümmert. Zweitens ist eine Karriere an der Uni für einen Schweizer nicht mehr sonderlich attraktiv. Die Gefahr, im Mittelbau stecken zu bleiben, ist zu groß. Da gehen die Besten lieber in die Privatwirtschaft. Und drittens ist da das Unvermögen, die neue Konkurrenz aus dem Ausland als das zu begreifen, was sie ist: als eine Chance, sich selbst zu beweisen.

Es ist deshalb nicht genug zu loben, dass die Professoren sich dem Kampf gegen die SVP stellen. Sie planen eine »Aufklärungskampagne«. Sie wollen informieren über die Hochschulen und ihre Berufungspolitik, die Probleme bei der Schweizerischen Nachwuchsförderung thematisieren und generell, wie Philosophie-Professor Lutz Wingert von der ETH Zürich sagt, »dem unwidersprochen Sagbaren der SVP die Analyse der gesellschaftspolitischen Probleme im schweizerischen Gemeinwesen entgegenstellen«. Für ihr Engagement bezahlen einige Professoren schon jetzt einen Preis. Die anonymen Drohungen gegen ihre Person haben zugenommen. Umso befremdender ist die Tatsache, dass die Uni-Leitungen sich nur zaghaft hinter ihre Arbeitnehmer stellen. Die Schweizer Medien glänzen derweil in meist lavierenden Kommentaren. »Das dröhnende Schweigen der Liberalen irritiert mich sehr«, sagt Wingert. Man kann nur hoffen, dass sich die Eidgenossen nicht entschlossen haben, die neue Konkurrenz durch eine Art helvetische Omertà auszuschalten.

Aus DIE ZEIT :: 14.01.2010

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