Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Ausnahmsweise Eins mit Sternchen

von ANDREAS SENTKER

Der Wissenschaftsrat lobt klinische Forschung - was steckt dahinter?

Ausnahmsweise Eins mit Sternchen© Ingo Rappers - HIHDas Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen erhält eine druchweg gute Bewertung
Er ist als nüchternes Gremium bekannt. Seine Stellungnahmen strotzen vor Sachlichkeit, oft durchsetzt mit einem Hauch politischer Rücksichtnahme. Und nun das: Der Wissenschaftsrat lobt die klinische Forschung in einer einzelnen Einrichtung in den höchsten Tönen. Schwärmt von »einer in Deutschland einmaligen Organisationsstruktur« mit Modellcharakter. Euphorisch klingt das Gutachten des Rats, fast überschwänglich. Dabei hatten die Gutachter seit Jahrzehnten keinen Anlass zur Begeisterung. Die klinische Forschung in Deutschland erhielt von ihnen immer nur eine Zeugnisnote: Sechs.

Sein Lob teilt der Rat just in dem Moment aus, da Medizinerausbildung und Medizinforschung wieder einmal heftig kritisiert werden (ZEIT Nr. 39/15). Häufiger und schärfer als dieser ist kaum ein anderer Forschungbereich öffentlich gerügt worden. Schon 1979 kam die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zum Urteil: »Situation unbefriedigend«. Der Wissenschaftsrat selbst schrieb 1986: »Leistungsstand unbefriedigend«. 1999 mahnte die DFG dann einen Abschied von der medizinischen »Proforma-Forschung« an. »Eine Verschwendung von Ressourcen an Geld, Zeit und Personal durch pseudowissenschaftliche Dissertationen und Habilitationen sowie Publikationen ohne weitreichende wissenschaftliche Relevanz und Wirkung« müsse vermieden werden. Deutliche Worte, die wenig Wirkung zeigten. Eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung werde »durch die derzeitige Organisation des Studiums der Medizin nicht gewährleistet«, klagte die DFG noch 2010, »ein trauriger Befund!«.

Dagegen nun das Gutachten zum Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen: Der Wissenschaftsrat lobt die »beeindruckenden Publikationsleistungen mit zahlreichen hochrangigen, zum Teil herausragenden Publikationen« und »eine enge Verknüpfung von Grundlagenforschung und Klinik«. Nachwuchsförderung und Lehre, sagen die Gutachter, seien vorbildlich, die Anzahl der klinischen Studien sei beeindruckend und die Versorgung der Patienten sehr gut organisiert.

Was kann die klinische Forschung in Deutschland von dieser Ausnahmeeinrichtung lernen? Was sind die Faktoren des Erfolgs? Das Institut ist in fünf gleichberechtigte Departments aufgeteilt. Es bietet große Freiheiten - inhaltlich und finanziell. Die Schwelle zwischen Krankenstation und Labor ist niedrig, junge Ärzte werden zum Forschen ermuntert, junge Naturwissenschaftler richten ihren Blick vom Mikroskop häufiger aufs Krankenbett - und stellen dann ganz andere Fragen.

Aufgebaut hat das vorbildliche Institut Johannes Dichgans, just einer der Autoren jener harschen DFG-Denkschrift von 1999. Ausgestattet wurde es mit öffentlichen und privaten Mitteln, Letztere von der namensgebenden Stiftung, die es noch immer jährlich mit rund 3 Millionen Euro fördert - bis 2020.

Dann wird der Staat zuschießen müssen. Das, urteilt der Wissenschaftsrat jetzt, würde sich auszahlen. Die politische Botschaft im jubelnden Gutachten: Bund und Länder sollen sich darauf einigen, solche Orte der Spitzenforschung an Universitäten gemeinsam zu finanzieren. Das hatte der Rat übrigens schon 2013 gefordert.

Aus DIE ZEIT :: 22.10.2015

Ausgewählte Stellenangebote