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Barrieren einreißen

Von CHRISTIANE GAEHTGENS

Philipp Rösler hat eine Debatte über das Medizinstudium ausgelöst. Dafür hat sich der Ärger gelohnt.

Barrieren einreißen© DNY59 - iStockphoto.comDie Abschaffung des Numerus clausus könnte helfen, mehr Studierende zu gewinnen
Der Vorstoß von Bundesgesundheitsminister Rösler, den Numerus clausus für Medizin abzuschaffen und eine Landarztquote einzuführen, wird den Ärztemangel in Deutschlands ländlichen Regionen nicht mit einem Schlag lösen, dazu ist er zu undifferenziert. Doch schon mehr als einmal hat ein überraschend ins Rollen gebrachter Stein eine Lawine ausgelöst, die neue Wege bahnte. Man denke an den Vorschlag des damaligen Generalsekretärs der SPD Olaf Scholz, der zum Entsetzen der Hochschulen wie der Wissenschaftsministerin mitten in der Weihnachtspause 2003/04 die Einrichtung einer nationalen Eliteuniversität forderte und damit zum Urheber der Exzellenzinitiative wurde.

Eine Abschaffung des Numerus clausus für das Studienfach Medizin wird die Probleme der Ärzteversorgung in Deutschland nicht beheben, aber sie kann einen Beitrag zu einem Umdenken leisten - in einer Disziplin, die wie wenige andere für ihre konservativen Strukturen bekannt ist. Obwohl die schwierige wirtschaftliche Lage vieler Ärzte inzwischen öffentlich diskutiert wird, gilt der Arztberuf immer noch als elitär: zugänglich nur für die besten Schulabgänger, die für ihre Leistungen ein hervorragendes Einkommen und hohes Sozialprestige erwarten. Dem wird die Realität oft nicht gerecht. Eine Abschaffung des Numerus clausus könnte helfen, mehr Studierende zu gewinnen, die für den Beruf des Arztes trotz seiner Belastungen motiviert sind. Allerdings müssen dann auch Ausbildungsalternativen für diejenigen geschaffen werden, die ihre Zukunft anderswo sehen: zum Beispiel in der Grundlagenforschung, in der Verwaltung, der Informatik oder der Medizintechnik. Diese Möglichkeit böte die Einführung einer Bachelor- Master-Struktur, gegen die sich die Mediziner in Deutschland allerdings, anders als etwa unsere Nachbarn in der Schweiz, noch mit Händen und Füßen wehren.

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Eine bessere Vorbereitung auf den Arztberuf verlangt auch die Umstellung der Lehre auf kompetenzorientiertes Lernen und Prüfen, bei dem die Frage, was ein Medizinstudent tatsächlich kann, wichtiger wird als die, was er weiß - und was er im Multiple-Choice-Test ankreuzt. Das ist nicht gleichbedeutend mit dem immer wieder geforderten Praxisbezug, sondern ein didaktischer Perspektiven wechsel vom Lehrenden zum Lernenden, der zu den Kernelementen der Bologna-Reform zählt. Die international anerkannte gute theoretische Grundausbildung der deutschen Mediziner sollte aber mit der Orientierung an Lernzielen und Kompetenzen nicht leichtfertig über Bord geworfen werden. Die Anforderungen der Praxis jedoch werden immer vielfältiger. Universitäten könnten darauf reagieren, indem sie in der ersten Studienphase die Ausbildung von Hebammen, Krankenschwestern und Medizintechnikern ermöglichen - Ausbildungsgänge, die endlich auch in Deutschland akademisiert werden. Schon jetzt werden Hebammen mit ausländischem Masterabschluss an deutschen Universitäten zur Promotion zugelassen. Wenn es gelänge, traditionelle Barrieren vorurteilsfrei und pragmatisch zu überwinden und die Entwicklung von medizinischen Curricula kooperativ zwischen Universitäten und Fachhochschulen anzugehen, wäre viel gewonnen.

In jedem Fall wird eine Öffnung des Medizinstudiums Geld kosten, das die ohnehin unterfinanzierten Hochschulen nicht haben. Ein Medizinstudienplatz ist dreimal so teuer wie der für einen Ingenieur und kostet sogar das Siebenfache der juristischen Ausbildung. Dieses Geld müssen die Länder aufbringen. Der Vorstoß Röslers wird damit auch zum Test für den Föderalismus: Können sich alle Länder auf die Abschaffung des zentralen Numerus clausus für Medizin verständigen? Sind sie bereit, die zusätzlichen Studienplätze zu finanzieren, die nötig sind, damit der zentrale NC nicht einfach durch lokale Zugangsbeschränkungen ersetzt wird, weil den Universitäten das Geld für den Ausbau der Studienkapazitäten fehlt? Oder liegt hier gar eine Chance für die Überwindung unsinniger föderaler Selbstbeschränkungen, wenn Bund und Länder sich auf eine gemeinsame Anstrengung zum Ausbau der Studienkapazitäten verständigten, bei denen natürlich die Ausbildungsplätze in den akademischen Lehrkrankenhäusern nicht vergessen werden dürften? Diese Überlegungen allein, so unwahrscheinlich ihre Umsetzung angesichts der gesetzlichen Restriktionen ist, macht den Vorstoß des Gesundheitsministers zu einem Verdienst.

Aus DIE ZEIT :: 22.04.2010

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