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Beim Recycling ist vor allem die Chemie gefragt

Interview mit Hans-Joachim Kümpel

Hans-Joachim Kümpel ist Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Die Nachrichten aus der Chemie sprachen mit ihm über die Verfügbarkeit von Rohstoffen und welche Rolle die Chemie bei der Ressourcenschonung spielen kann.

Beim Recycling ist vor allem die Chemie gefragt© Euroforum/Palik - Nachrichten aus der ChemieHans-Joachim Kümpel setzt zur Ressourcenschonung vor allem auf die Chemie
Nachrichten aus der Chemie: Hans-Joachim Kümpel ist der Meinung, Von Rohstoffexperten hört man oft den Satz: Die Ressourcensituation ist unterexploriert. Verfügen wir also in Deutschland und weltweit über wesentlich mehr Ressourcen als gedacht?

Hans-Joachim Kümpel: Für Deutschland wäre ich da verhalten. Zwar gibt es auch bei uns noch etwas zu explorieren, aber wir werden keine Riesenüberraschungen mehr erleben. Weltweit sieht das anders aus: Es gibt noch viele Regionen, deren Rohstoffpotenzial unbekannt ist. Das liegt daran, dass Rohstoffe nur dann exploriert werden, wenn ein Mangel herrscht und die Preise dazu Anreize geben. Wenn aber wie in den 1990er Jahren die Rohstoffpreise sehr niedrig sind, findet sich kaum ein Investor, der neue Erkundungen vornimmt. Viele geologische Kartierungen wurden außerdem erst an der Oberfläche durchgeführt, wir wissen aber nicht, was 50 Meter, was 100 Meter oder auch 1000 Meter tiefer liegt. Und das gilt weltweit von Kanada, über große Teile Afrikas und Südamerikas bis nach Australien.

Nachrichten: Welches sind aktuell die Sorgenkinder unter den Rohstoffen?

Kümpel: Von den mineralischen und den Energierohstoffen müssen wir hinsichtlich der geologischen Verfügbarkeit eigentlich nur beim konventionell geförderten Erdöl sagen, dass es in absehbarer Zukunft nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung steht.

Nachrichten: Immer wieder gibt es aber Befürchtungen über die Verknappung metallischer Rohstoffe - unlängst etwa der Seltenerdmetalle?

Kümpel: Die Seltenerdmetalle sind ein Beispiel für einen marktpolitischen Engpass. Die Verknappung resultiert nicht aus der fehlenden geologischen Verfügbarkeit. Es gibt Seltenerdmetalle nicht nur in China, sondern auch in Kanada, Grönland, Australien, Russland, Indien und anderswo. Nur: China hat so preiswert produziert, dass die Weltgemeinschaft sich zurückgelehnt und von China gekauft hat. Als China beschloss, den Export einzuschränken, sind die Preise gestiegen - und die Alarmglocken angegangen.

Nachrichten: Beim jetzigen Preisniveau müsste es sich doch lohnen, alte Lagerstätten wieder in Produktion zu bringen und neue zu erkunden?

Kümpel: Genau das passiert auch. Wir wissen von über 400 Projekten bei Seltenen Erden weltweit, die analysiert und hinsichtlich ihrer Finanzierbarkeit bewertet werden. Vielleicht werden nur fünf Prozent davon in Produktion gehen, aber es ist absehbar, dass es die starke Abhängigkeit von China in wenigen Jahren nicht mehr geben wird.

Nachrichten: Ist eine ähnliche Situation wie Anfang der 70er Jahre, als ein Ölboykott der arabischen Länder den Westen lahmlegte, heute bei einem anderen Rohstoff vorstellbar?

Kümpel: Momentan ist es so, dass China gut 95 Prozent des Weltmarktes an Seltenen Erden bedient. Diese starke Abhängigkeit sollte baldmöglichst aufgehoben werden, und wir beraten da die Industrie. Wir zeigen, welche Möglichkeiten der Diversifizierung über die gesamte Wertschöpfungskette, angefangen vom Bergbau bestehen.

Nachrichten: Dafür gibt es bei Ihnen an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe die Dera, die Deutsche Rohstoffagentur. Was ist deren Aufgabe?

Kümpel: Die Dera ist eine Gründung des Wirtschaftsministeriums. Sie ist Teil der im Jahr 2010 veröffentlichten Rohstoffstrategie der Bundesregierung und bei uns an der BGR angesiedelt. Die Dera ist eine Informations- und Transferplattform für Hintergrundwissen über mineralische Rohstoffe - in erster Linie solche, deren Marktverfügbarkeit als kritisch angesehen wird.

Nachrichten: Haben Sie das Gefühl, dass die Politik die BGR stärker wahrnimmt und auch stärker schätzt als früher?

Kümpel: Über mangelnden politischen Rückhalt konnten wir uns eigentlich noch nie beklagen. Aber das Thema Rohstoffe hat eindeutig an Bedeutung gewonnen. Noch vor fünfzehn Jahren lag der Barrel-Öl-Preis unter 20 US-Dollar. Unvorstellbar heute. Auch andere Rohstoffe wie Blei oder Lithium waren vergleichsweise billig. Wir haben seither Preissteigerungen um den Faktor fünf, zehn oder noch höher erlebt.

Nachrichten: Und das hat wohl einige in der Politik aufgerüttelt.

Kümpel: Nicht nur in der Politik. Früher nahm der Rohstoffeinkauf für große und mittlere Unternehmen oft nur einen relativ kleinen Anteil am Gesamtbudget ein. Heute ist es ein signifikanter Anteil von manchmal 20 bis 30 Prozent. Da gewinnt das Interesse an den Rohstoffen automatisch.

Nachrichten: War das eine Entwicklung, die Sie in den 1990er Jahren vorhergesehen hatten?

Kümpel: Uns in der BGR hat das nicht überrascht. Wir wussten: Irgendwann wird das Thema wieder sehr wichtig. Wir sind froh, dass wir unsere Rohstoffexperten während der Phase geringen Rohstoffinteresses haben halten können. Mehrere Universitäten haben allerdings ihre Studiengänge in Mineralogie, Lagerstättenkunde, Geophysik und Geologie zurückgefahren, so dass die Nachwuchssituation begann, problematisch zu werden.

Nachrichten: Wie groß ist die Gefahr, dass die Rohstoffpreise sich von der realen Wirtschaft entkoppeln und nur noch zu Wettobjekten in der Finanzwirtschaft werden?

Kümpel: Wir können nicht verhindern, dass mit Rohstoffen spekuliert wird. Das war schon immer so und wird auch in Zukunft so bleiben. Die Einkäufer von Unternehmen müssen lernen, damit umzugehen und Absicherungsstrategien zu entwickeln.

Die Rolle der Chemie

Nachrichten: Was kann die Chemie tun, um die Rohstoffversorgung zu sichern?

Kümpel: Ein wichtiges Stichwort ist Recycling. Wir werden nicht zu hundert Prozent in eine Kreislaufwirtschaft hineinkommen; aber man kann einiges mehr tun als heute. Zwar sind wir im Recycling schon gar nicht so schlecht, es ist aber noch viel mehr möglich. Und da ist vor allem die Chemie gefragt.

Nachrichten: Bis zu 95 Prozent der Autos werden recycelt. Wie sieht es bei Smartphones und Handys aus?

Kümpel: Deutlich schlechter - denn da besteht ja die Herausforderung, dass immer nur sehr kleine Mengen von bestimmten Rohstoffen, Seltenen Erden oder auch Gold, in diesen elektronischen Bauteilen drinstecken, man sagt ja auch scherzhaft Gewürzmetalle. Nehmen wir Tantal in Kondensatoren: Das in wirtschaftlich vernünftiger Menge zu extrahieren, können nur wenige Unternehmen. Das Potenzial, das im Urban Mining steckt, ist aber enorm.

Nachrichten: Wo kann die Chemie noch helfen?

Kümpel: Bei der Substituierung von knappen und teuren Rohstoffen. Denn wir brauchen für industrielle Prozesse niemals per se einen Rohstoff, sondern eine bestimmte Funktion, beispielsweise die Informationsübertragung oder die Energiespeicherung. Die Funktion liefern aber manchmal auch andere als die herkömmlichen Wertstoffe. Alternativen zu finden, neue Wertschöpfungsketten zu etablieren und dadurch einseitige Abhängigkeiten zu reduzieren - das ist eine Aufgabe der Chemie. Das gleiche gilt für Miniaturisierung. Eine Möglichkeit, um Rohstoffe zu sparen, ist effizienter mit ihnen umzugehen. Der Eiffelturm könnte heute in der gleichen Stabilität mit bis zu zwei Dritteln weniger Stahl gebaut werden. Um einen Anreiz zu einem sparsameren Umgang mit Rohstoffen zu bieten, vergibt das Wirtschaftsministerium beispielsweise mit Unterstützung der Dera jährlich einen Rohstoffeffizienzpreis.

Nachrichten: Seit Oktober 2010 hat die Bundesregierung eine Rohstoffstrategie. Der Markt ist aber sehr dynamisch. Gilt noch alles, was diese Rohstoffstrategie forderte?

Kümpel: Die Rohstoffstrategie der Bundesregierung ist ein dynamisches Instrument mit mehreren Elementen. Ein Teil der Rohstoffstrategie sind bedeutende Investitionen in die Forschung, beispielsweise in die Gründung des Freiberger Helmholtz-Instituts für Ressourcentechnologie. Für die an der Rohstoffexploration interessierte Industrie gibt es ungebundene Finanzkredite. Mit der Deutschen Rohstoffagentur orientieren wir uns am jeweils aktuellen Bedarf und haben ein offenes Ohr für die Wirtschaft und die Verbände. Ich war beispielsweise kürzlich in Kasachstan, um die Rohstoffpartnerschaft, welche die Bundesregierung mit Kasachstan geschlossen hat, auf der Arbeitsebene weiter zu bringen.

Nachrichten: Wie ist denn die Rohstoffstrategie der deutschen Bundesregierung in die EU-Rohstoffstrategie eingebunden?

Kümpel: In enger Abstimmung mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie sind wir als Bundesanstalt hier stark involviert. Die EU hat beispielsweise eine Liste von 14 Rohstoffen aufgestellt, die sie als besonders wichtig erachten. Das deckt sich mit unseren Einschätzungen. Auch die Schwerpunkte der EU-Rohstoffstrategie entsprechen unseren Schwerpunkten.

Nachrichten: Und die wären?

Kümpel: Einmal geht es um die Ausschöpfung und Nutzung heimischer Rohstoffe. Hier müssen wir aufpassen, dass wir die Regionen, die noch Rohstoffe enthalten, nicht durch konkurrierende Ansprüche verplanen und uns den Zugang versperren. Ein zweiter Punkt sind Technologie- und Forschungsförderung sowie Effizienz. Und der dritte Punkt sind faire Wettbewerbsbedingungen. Wir wollen Zöllen und Exportbeschränkungen entgegen wirken. Denn das sollte man sich noch einmal in Erinnerung rufen: Die deutsche Industrie importiert die von ihr verarbeiteten Metallrohstoffe zu 100 Prozent. Wir haben keine heimische Förderung von Metallrohstoffen, außer Recycling. Und daher sind wir angewiesen auf einen fairen und freien Wettbewerb.

Problem: Akzeptanz

Nachrichten: Wird nicht auch die Akzeptanz der Rohstoffförderung durch die Bevölkerung zunehmend zum Problem?

Kümpel: Ein wichtiger Punkt. Jeder freut sich über ein gut ausgebautes Straßen- und Schienensystem oder über eine schön gepflasterte Fußgängerzone. Dazu brauchen wir aber Kiesgruben und Steinbrüche. Oder nehmen wir als aktuelles Beispiel das Fracking zur Gewinnung nichtkonventioneller Energierohstoffe. Wir stellen fest, dass die meisten Leute, die sich über Fracking zu Wort melden, ich darf das mal so offen sagen, erstaunlich wenig Ahnung haben, was Fracking wirklich bedeutet. Es ist aber sehr leicht, die Bevölkerung mit verzerrten Darstellungen zu verängstigen und es ist dann sehr schwer, verlorenes Vertrauen wieder zurückzugewinnen.

Nachrichten: Was werden in 15 Jahren die knallhart benötigten Rohstoffe sein?

Kümpel: Wir sehen weiterhin eine wachsende Nachfrage nach fossilen Energierohstoffen, da ist noch keine Sättigung absehbar. Die Weltbevölkerung nimmt weiter zu, die Volkswirtschaften in vielen Schwellenländern entwickeln sich enorm, insbesondere in den Brics-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Auch der Bedarf an Seltenen Erden wird steigen, da ein Ende der Nachfrage bei Hightech-Produkten nicht absehbar ist und diese Rohstoffe nach derzeitigem Kenntnisstand dringend für eine Zukunft mit regenerativer Energieversorgung benötigt werden.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Oktober 2012

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