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Beim Zeus! Der Stammbaum der griechischen Götterwelt

Von Urs Willmann

In 33 Jahren Arbeit hat der Privatgelehrte Dieter Macek den ersten vollständigen Stammbaum der griechischen Götter- und Heroenwelt zusammengetragen. Das Dokument ist 52 Meter lang.

Beim Zeus! Der Stammbaum der griechischen Götterwelt© Marisa Allegra Williams - iStockphoto.com
Es begann im Chaos. Unübersichtlich wurde die Sache erst danach. Aus der blubbernden Basisbrühe, für die der alte Grieche das Wort Chaos (formlose Materie oder endloser Raum) benutzte und die der moderne Naturwissenschaftler als Ursuppe interpretiert, entstand im ersten Akt der Schöpfungsgeschichte Gaia - die Erde. Das Chaos pflanzte sich asexuell fort. Es entwickelte sich Tartaros, die Unterwelt. Und Eros, die Liebeskraft. Dann gediehen Erebos, die Finsternis, und Nyx, die Nacht. Genauso wie Chaos trieb es Gaia. Sie produzierte aus sich selbst heraus den Sternenhimmel: Uranos.

Noch handelte es sich bei dieser Besetzung um sogenannte Urkräfte. Richtige Götter entstanden erst, als sich Gaia mit Sohn Uranos vereinte und Titanen zeugte, in einer inzestuösen Vorform der sexuellen Beziehung. Man kann also sagen: Fast ganz im Anfang schufen Erde (Gaia) und Himmel (Uranos) die Götter.

Spätere Religionsgemeinschaften pflegten diesen Sachverhalt umzudrehen. Der Allmächtige war noch nicht an der Reihe: Und doch ist der Stammbaum der griechischen Götterwelt schon an dieser Stelle, lange bevor Zeus geboren oder geschaffen wurde, vollgestopft mit Namen. Dieter Macek hat sie mit dicken Filzstiften auf einen riesigen Bogen Papier geschrieben. In vielen Abzweigungen schließen sich lange Listen von Namen an: von Chaos zu Nyx zu Hypnos. Letzterer zeugte Morpheus, Phantasos, Ikelos, Epiphron (und - glaubt man dem Dichter Ovid - 996 weitere Söhne). Das Geäst verzweigt sich zu filigranen Büscheln. Die Schrift wird von Generation zu Generation kleiner, damit das Sammelsurium der vielen Tausend Namen auf den Papierbahnen Platz finden konnte. "Alle Götter, alle Helden", sagt Macek und schreitet an den vollgeschriebenen Bögen entlang, die er auf dem Boden im Kuppelsaal der Vorarlberger Landesbibliothek in Bregenz ausgebreitet hat. 5639 Namen, 52 Laufmeter Stammbaum, 33 Jahre Arbeit.

Dieter Macek hat die erste Gesamtgenealogie der Götter und Helden aus der griechischen Mythologie geschaffen. Er sagt: "Es ist das Herz unserer geistigen Welt." Die ungeheure Kollektion lässt erahnen, welche Fülle an Geschichten die altgriechische Geisteswelt zu bieten hat. Denn bevor Zeus endlich seinen Thron beziehen konnte, stockte die Schöpfungsgeschichte mehrmals. Erst tyrannisierte Uranos Gattin und Kinder, indem er alle Sprösslinge (einäugige Kyklopen, hundertarmige Riesen, den Blitz Steropes, den Donner Brontes) wieder tief im Schoß von Mutter Erde verschwinden ließ. Diese, Gaia, war mit dem untragbaren Zustand nicht einverstanden. Sie rüstete den Sohn Kronos in ihrem Innern mit einer Sichel aus - worauf dieser dem bösen Vater Uranos beim nächsten Beischlaf mit der Mutter das Geschlecht abschnitt. Allein diese Entmannung (von Sigmund Freud später als Angstmotiv dankbar aufgenommen) bescherte den Chronisten erneut eine Vielzahl von Namen. Aus den verspritzten Blutstropfen entstanden zum Beispiel die Göttin des Gerüchts (Pheme, römisch Fama) und die Protagonistinnen des Wahnsinns, Lyssa und Mania. Der Penis fiel ins Meer, begann zu schäumen. Der Schaum wurde Göttin: Aphrodite.

Die Gefangenen in Gaias Unterleib verließen ihr Gefängnis, und so kam die zweite Dynastie an die Macht, die Titanen. Deren Namen konnte Macek noch in relativ großen Buchstaben auf seine Blätter malen. Denn es vergingen Jahre und Schlachten, bis endlich Zeus und Konsorten mit dem nächsten Umsturz die Titanen abgesetzt hatten und die Basis für die reichhaltige Götterwelt legten, die wir aus der Schullektüre kennen (mit dem zwölfköpfigen Aufsichtsrat im Olymp).

Von da an ist die Datenfülle schwindelerregend. Auch Macek musste ab und zu passen. Bei 2047 Namen bleiben die Verwandtschaftsverhältnisse unklar, vor allem bei vielen Kriegern der Schlachten um Troja. Macek hat den Hesiod geplündert, der vor über 2700 Jahren in seinem Werk Theogonie eine Inventur der Götterclans anfertigte, er hat Homers Ilias und Odyssee durchforstet, Ovid gelesen, Nachschlagewerke gewälzt und im Internet gesurft. Und in dieser Woche wird Macek in Bregenz sein "Werk der Aufklärung" erstmals der Öffentlichkeit präsentieren. Nie zuvor ist das Heroen- und Göttergeflecht derart umfangreich dargestellt worden. Aus einem einfachen Grund: weil niemand sich daranwagte.
Forscher, die schon vorab einen Blick auf die achtzig Quadratmeter Stammbaum werfen konnten, traf im ersten Moment fast der Schlag angesichts der Datenfülle, die der wissenschaftliche Laie aus Lauterach in Österreich zusammengetragen hatte. "Ein reines Kunstwerk, hochspannend, herrlich!", jauchzt der Archäologe Raimund Wünsche, Direktor der Staatlichen Antikensammlung und Glyptothek in München. "Allein diese tollen Namen!", sagt er und segelt einmal querbeet von Klytämnestra, der Gemahlin Agamemnons, über Phylakos zur Liste der Okeaniden: Kokytos, Lamus, Dipsakos, Porpax. Und er räumt schließlich ein, zahllose Namen entdeckt zu haben, die auch einem Experten bislang nicht geläufig sind.

Macek war Bahnhofsvorstand in Dornbirn. Nach 35 Dienstjahren ließ er sich 1998 pensionieren. Heute ist er 66. Aber schon als Angestellter hatte er sich dem Namens- und Sagenrausch hingegeben. "Im Nachtdienst konnte ich in Ruhe arbeiten." Er las Platon und Vergil und die Reisebeschreibungen des Pausanias. Und irgendwann fing er damit an, die Protagonisten und Nebenakteure auf helles Pergamentpapier zu schreiben. Erst den Stammbaum der Nymphe Io, dann die Genealogie der Tantaliden. Er verknüpfte die Figuren aus Aischylos' Orestie verwandtschaftlich mit denen aus Euripides' Iphigenie in Aulis und Iphigenie bei den Taurern. Und so entstand auf dem Wohnzimmerteppich seines Altbaus über Jahre ein genealogisches Geflecht, das nur an den Tagen zur Seite geräumt wurde, wenn Besuch kam. Die Urplanen dieser Arbeit hat er aufbewahrt; es sind mit Post-it-Zettelchen übersäte Fahnen, mit Klebstreifen stabilisiert, die Tinte ist verblasst. Schließlich übertrug er in den vergangenen zwei Jahren das gesamte Wirrwarr von Chaos bis Alexander dem Großen auf die weißen Bahnen und hob dabei Schnittstellen und wichtigste Akteure mit leuchtendem Rot und Gelb aus dem Dickicht heraus. Der Bogen spannt sich von prägöttlichen Zeiten bis zu irdischen Kriegsherren. Wie Alexander hatte auch der römische Kaiser Augustus seinen Stammbaum bis in den Olymp verlängert, via Aineias und Dardanos zu Aphrodite und Zeus.

Durch Maceks Recherche sind einige Stammbäume breiter und länger geworden. Allein Poseidon hat, gegenüber dem Großen Pauly, dieser 84-bändigen Realencyclopädie der classischen Alterthumswissenschaft, dreißig Söhne hinzugewonnen. "Der Schlimmste aber war Triopas", sagt Macek. Keiner hat ihm beim Eintragen ins Geflecht mehr Kummer bereitet als der König von Argos, der König in Thessalien, der König von Rhodos - eine vielköpfige Hydra. Niemand taucht so häufig in so vielen verschiedenen Genealogien und Zusammenhängen auf wie Triopas und mit ihm Phorbas 1 und Periphas. "Sie kommen abwechselnd als Brüder, Väter oder Söhne mit unterschiedlichen Eltern, Frauen und Kindern in verschiedenen Sagenkreisen und 16 Genealogien vor." Macek vermutet, dass hinter dem häufigen Namen Triopas nur eine, gar reale "überdurchschnittlich begabte und berühmte Einzelperson" steht, die in vorhomerischer Zeit die Länder durchwandert und überall Spuren ihres Wirkens hinterlassen habe - "auch in Form von Spermien". Das alles sei aber noch nicht überprüft. Die einzige Gewissheit sei, sagt Macek, dass griechische und römische Schriftsteller diese "vielen Triopasse gründlich durcheinandergebracht" hätten.

Der Altorientalist Robert Rollinger von der Universität Innsbruck ist überzeugt, dass in einem institutionellen Wissenschaftsbetrieb die Anfertigung eines solch akribischen Werks nicht möglich gewesen wäre. "Man wäre belächelt worden." Er kennt "in dieser Monumentalität nichts Vergleichbares" und bewundert den "Forscherdrang", der Macek getrieben habe: "Das ist ein schönes Beispiel, dass Wissenschaft nicht nur im Elfenbeinturm gemacht wird." Rollinger weist aber auch auf ein Problem hin: "Das ist ein Konstrukt." Der Privatgelehrte habe eine Vielzahl von Quellen, die sich nicht nur ergänzen, sondern auch konkurrieren, zu einem Gebilde zusammengebaut. Das Werk suggeriere, dass es eine einheitliche Griechenkultur und einen kanonisierten Glauben gegeben habe. "Aber wir kennen etwa tausend Poleis; jeder dieser Stadtstaaten hatte eine eigene Götterwelt", sagt Rollinger. Jeder, der diese schiere Masse an Inventaren kombinieren wolle, sei gezwungen, "mit gewisser Willkür Entscheidungen" zu treffen. Auch Walter Burkert, emeritierter Altphilologie der Universität Zürich, mahnt an: "Macek rekonstruiert nicht, sondern konstruiert etwas, was es so nicht gegeben hat."
Trotzdem hält der Münchner Archäologe Wünsche die Gesamtgenealogie für eine "gigantische Form der Wissens speicherung"; dieser "ungeheure Polytheismus": Das sei »die vorchristliche Seele". Altorientalist Rollinger will das "unschätzbare Hilfsmittel" im Unterricht einsetzen, weil es trotz seiner kühnen Konstruktion Orientierung bietet - außer demjenigen vielleicht, der keine Vorbildung hat. Denn für Laien, sagt Wünsche, sei diese Sammlung "so exotisch wie die Kultur der Karibik". Dass sich die ganze Fülle der damaligen Geisteswelt nur dem Experten erschließt, hängt mit der gigantischen Anzahl der Namen zusammen. Nur wer die Geschichten dahinter kennt, behält die Übersicht. Jede menschliche Laune, jede meteorologische Erscheinung ist personifiziert und vergöttlicht worden: Die Hexe Achlys 2 ist eine Personifizierung des Elends, Eunaie eine Personifizierung des Nicht- Seienden und der daraus resultierenden Ruhe. In Galaxaure sind die zarten Wolken, in Kairos ist der günstige Augenblick, in Limos der Hunger, in Oknos das Zaudern und in Thoosa 4 die Geschwindigkeit verewigt.

Das Treiben der geschaffenen Götter beschleunigte noch diese Inflation. Die Hormone inspirierten Zeus und Konsorten zu zügellosen Ausschweifungen, was sich in Maceks Namensgebirgen deutlich, unter anderem in multiplen Vaterschaften niederschlug. "Wunderbar, alle sind sie da, die sich schlecht benommen haben", sagt Wünsche. Dieser Niederschlag alles Menschlichen in göttlichen Charakteren fasziniert die Kulturschaffenden bis heute. "Orpheus schlägt alles", sagt Macek. Kein Jahr vergehe ohne neue Aufführung. Sogar als religiöser Bezugspunkt ist die Bande vom Olymp noch präsent: 2006 legalisierte ein Richterspruch in Griechenland eine skurrile Gemeinschaft, den Heiligen Verband der Griechen antiken Glaubens Ellinais.

Aber gerade weil die alten Mythen sich losgelöst vom Entstehungsort in den Köpfen niedergeschlagen haben, leben sie als universeller Teil der Kultur weiter. "Den Homer kann ich genauso gut in Südafrika lesen", sagt Wünsche. Im Unterschied zu den jüngeren Schriftreligionen "ist die griechische dichterisch. Ein poetisches, künstlerisches Bild bleibt für viele und immer neue Deutungen offen."

All diese Deutungen wird Dieter Macek im Auge behalten. Die Visualisierung des Stammbaums war nur der erste Schritt. Jede Orpheus-Aufführung kommt in einen der vielen Ordner Sekundärliteratur, die sich durch seine Stube schlängeln. 10 600 Seiten hat er schon. Das alles wird er veröffentlichen. Noch weiß er nicht, in welcher Form. Nur, dass es "noch ein paar Jahre dauern wird".

Forschende Laien

Er habe "gesammelt und kombiniert" und enthalte sich kühner Deutungen. Dieter Macek versteht seine Genealogie nicht als Wissenschaft. Aus reiner Vorsicht. Denn der Vorarlberger kennt die Fallstricke, die ambitionierte Laien stolpern lassen. Winzige Ungenauigkeiten zerpflückt die etablierte Forschung zu gern und ist schnell mit Kritik und Häme zur Stelle. Vor allem in Archäologie und Paläontologie gelten Arbeiten von Laien als umstrittene "Hilfeleistungen", ist mit deren Sammelwut doch oft die Zerstörung der wissenschaftlichen Grundlage verbunden.

Am ehesten freuen sich Astronomen über Entdeckungen von Laien - wer jahrelang mit dem Privatteleskop den Himmel be obachtet, macht nichts kaputt. Die Zoologie verdankt den Hobby forschern die Entde ckung mancher Art; außerdem liefern Birdwatcher - etwa in deren Hochburg Großbritannien - zuverlässige Bestandeswerte. Die Umweltorganisation Reef Check erforscht Korallenriffe - und zählt auf die Mithilfe von Hobbytauchern.

Einen interpretatorischen Ausflug gönnt sich Freizeitphilologe Macek abseits seines Stammbaums aber doch: Er glaubt, Obelix sei nichts anderes als ein gallischer He rak les. Das Original trank als Kleinkind Milch der Hera, die Kopie fiel in den Zaubertrank. Beide erreichten übermenschliche Kräfte. Beide sind jähzornig, der eine verspeist ganze Rinder, der andere Wildschweine. Beide erledigen europaweite Aufträge und kehren stets als Sieger heim. Beide haben einen treuen Begleiter, der eine Iolaos, der andere Asterix. Und beide gaben einem Land das Gefühl nationaler Stärke.

Aus DIE ZEIT :: 15.01.2009

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