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Bergen, sichern, stabilisieren und sortieren

Im Gespräch mit Forschung & Lehre äußert sich der Hochschullehrer des Jahres über die Bedeutung der Kunst für die Gesellschaft, seine Berufung als Bewahrer vor dem Untergang bedrohter Kulturdenkmäler und über seinen Einsatz im Krisengebiet Afghanistan.

Bergen, sichern, stabilisieren und sortieren© Erwin Emmerling - TU München
Forschung & Lehre: Wie denkt ein Konservator über Gegenwart und Zukunft?

Erwin Emmerling: Zumindest freue ich mich, dass ich heute leben und arbeiten kann - und das wohl noch einige Jahre tun werde. Ich halte es im Übrigen für selbstverständlich, dass man sich mit zeitgenössischer - gegenwärtiger - Kunst gerade auch als Konservator und Restaurator intensiv auseinandersetzt, Ausstellungen und Galerien besucht und neuen (und neuesten) Strömungen im künstlerischen Schaffen offen gegenüber steht. Es ist spannend zu verfolgen, welche Kunst nach kurzer oder kürzester Zeit aus dem Blickfeld gerät und welche künstlerischen Äußerungen sich über Tage, Monate oder auch Jahre behaupten können. Es erscheint mir bemerkenswert, dass viele künstlerische Äußerungen unserer Zeit - die länger Bestand haben - oft, wenn auch nicht immer - einen Bezug zur Vergangenheit haben oder, genauso häufig, eine Auseinandersetzung mit älterer Kunst bzw. allgemein der Geschichte erkennen lassen. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass nicht jeden Tag ein neues Museum entstehen muss und auch nicht für jeden Künstler ein eigener Bau errichtet werden muss - zumindest staatliche Institutionen sollten vielleicht etwas zurückhaltender mit Millioneninvestitionen bei aktuellsten Werken sein und einige Jahre warten, um das tatsächliche Potenzial entsprechender Werke verantwortlich einschätzen zu können. So wichtig auch künstlerische Aktivitäten vieler sind, nicht alles muss gesammelt und für "die Ewigkeit" aufbewahrt werden.

F&L: Welche Möglichkeiten bietet die Technik für Ihre Arbeit?

Erwin Emmerling: Die zukünftigen Entwicklungen in der Chemie und Physik bieten ungeahnte Perspektiven für einen noch besseren Umgang mit den Kunstwerken unserer Zeit, aber auch denen der Vergangenheit: Stichworte hierzu sind die immer weiter verfeinerte Lasertechnologie, die Nanotechnik und auch die unglaublichen Erfolge in der Biochemie. Es ist absehbar, dass Arbeitstechniken - wie ich sie noch in meiner Studienzeit gelernt habe - in einigen Jahren zu erheblichen Teilen obsolet sein werden und mit sehr viel behutsameren Methoden an den Kunstwerken gearbeitet werden wird.

F&L: Aber die Technik ist nicht alles?

Erwin Emmerling: Im engeren Sinn bin ich auch überzeugt davon, dass die Aspekte der präventiven Konservierung und damit einhergehend zum Beispiel Grabungsschutzzonen und Vergleichbares zukünftig eine noch viel größere Rolle spielen müssten als heute - der Veränderungs- (sprich Ausgrabungs-) druck gerade in der Archäologie ist so gewaltig, dass es ohne solche Grabungsschutzareale keine Chancen gibt, zukünftig noch unberührte Funde zu bergen. Global gesehen müssen sich die entwickelten Staaten in einem sehr viel größeren Umfang als bisher dem kulturellen Erbe derjenigen Länder widmen, deren derzeitige Infrastruktur eine entsprechende Bewahrung der Funde nicht ermöglicht. Deswegen halte ich gerade entsprechende Aktivitäten in der Archäologie für unabdingbar, auch für den Beruf des Restaurators/Konservators.

F&L: Wann ist ein Kulturdenkmal so wichtig, dass man dafür erhebliche Risiken für Leib und Leben eingeht?

Erwin Emmerling: Wenn irgend möglich, vermeide ich Risiken nicht nur für Kunstwerke, sondern auch für mich. Zum Beispiel: Ich halte nichts davon, wenn die Entscheidung über den Abbruch eines Baudenkmales z.B. in Deutschland getroffen ist, diesen Bau mit "Leib und Leben" zu verteidigen - sehr viel sinnvoller und zielführender erscheint mir, im Vorfeld solcher Entscheidungen alles Erforderliche zu tun, damit eben diese Entscheidung nicht getroffen wird. Dies setzt nicht nur ein dauerndes Engagement des Einzelnen, sondern auch das der Gesellschaft voraus, die ständig und dauerhaft zu sensibilisieren ist für die Bedeutung von Denkmälern oder, ganz allgemein, die Bedeutung von Kunst. Bei allen Reisen, die ich je unternommen habe, informiere ich mich sehr genau, wann ich wohin gehe. Immer arbeite ich mit den Menschen vor Ort, die sich gut auskennen, und stimme alle Arbeiten und Arbeitsschritte mit den vor Ort Verantwortlichen ab. Weder in Afghanistan noch in irgendeinem anderen Land wäre ich bereit, z.B. in verminte Regionen zu gehen: man sollte seine Grenzen kennen. Ich glaube, es gehört zu einem professionellen Arbeiten, dass man auch persönliche Risiken einschätzen kann, sie bewertet und dann entscheidet, ob man eine gewisse Unsicherheit in Kauf nimmt. So wichtig und für so bedeutend ich die Buddha-Figuren in Bamiyan - und andere Denkmäler - auch halte: für alle an der Konservierung und Restaurierung dieser Figuren Beteiligten muss gelten, dass eine Gefährdung der Gesundheit ausgeschlossen ist. Diese Sorge gilt gleichermaßen für alle lokalen Mitarbeiter oder Kollegen der internationalen Organisationen vor Ort.

F&L: Was ist Ihre Bilanz und Erkenntnis des bisherigen Afghanistaneinsatzes?

Erwin Emmerling: Den Begriff "Einsatz" halte ich nicht für zutreffend - es handelt sich um das Bergen, Sichern, Stabilisieren und Sortieren von Bruchstücken historischer Monumente oder von historischen Anlagen. Alle Afghanen, mit denen ich bisher gesprochen habe, erwarten, dass die Sicherung und Stabilisierung der Buddha- Figuren durchgeführt wird - die Zerstörung der Buddha-Figuren wird einhellig abgelehnt und verurteilt. Wenn ich die letzten Jahre und die zahlreichen Reisen nach Afghanistan überdenke, ist vor allem präsent, dass dieses Land außergewöhnlich schön ist - die afghanische Hochgebirgslandschaft ist spektakulär. Zum anderen sind die Bedingungen, unter denen die Afghanen noch immer leben müssen, unsagbar: Eine auch im europäischen Verständnis ehemals vorhandene Mittelschicht ist überwiegend aus dem Land gegangen, weil die Sicherheitslage ein normales Leben mit Familie unmöglich macht. Nach wie vor gibt es in großen Teilen des Landes keinen Strom, Wasser- und Abwasserversorgung sind ebenso problematisch wie die soziale Grundversorgung der Bevölkerung. Kabul ist immer noch großteils zerstört und die Slumgebiete um Kabul spotten jeder Beschreibung. Dies ist besonders bitter, da Kabul bis in die 1960er Jahre eine prosperierende, moderne, relativ weltoffene Stadt gewesen ist. Auf dem Land sind traditionelle Stammesstrukturen und Clanverbünde nach wie vor dominierend und werden das noch Jahrzehnte sein. 30 Jahre lang unter sowjetischer Besatzung, unter Talibanregierung oder mit hunderttausenden ausländischen Soldaten zu leben - zu überleben - ist schwer: Nahezu jeder Afghane hat in der Familie unsägliche Grauen miterlebt - oder verursacht. Dass trotz dieser jahrzehntelangen Barbarei überhaupt noch soziale Strukturen erhalten geblieben sind, ist bewundernswert.

F&L: Hat Afghanistan eine Zukunft?

Erwin Emmerling: Ich bin der festen Überzeugung, dass der afghanische Staat nur eine ernsthaft und umfassend so zu bezeichnende Zukunft hat, wenn er in entscheidendem Maße das Land selber aufbaut und so wieder zu einer Nation wird. Je länger und dauerhafter die ausländische Einmischung, insbesondere durch militärische Aktionen, andauern wird, desto komplizierter wird die Entwicklung eines "normalen" Staates. Dass die Staatengemeinschaft Afghanistan auch zukünftig auf diesem Weg unterstützt, erwarte ich. Je "ziviler" diese Unterstützung erfolgt, desto größer erscheinen mir die Erfolgsaussichten. Nicht das "Helfen" ist das Entscheidende, sondern die Unterstützung zur Selbsthilfe. Nicht die "Helfer" brauchen eine Arbeitsstelle/Aufgabe in Afghanistan, sondern die Afghanen brauchen genug Geld und eine Perspektive, um von ihrer Hände Arbeit leben zu können.


Über den Wissenschaftler
Prof. Erwin Emmerling hat einen Lehrstuhl für Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft an der Technischen Universität München inne und ist "Hochschullehrer des Jahres 2011".


Aus Forschung und Lehre :: April 2011

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