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Berkeley oder deutsche Elite-Universität?

Berufungsverhandlungen in Berkeley mit einer deutschen Elite-Universität zu vergleichen, kann reizvoll und aufschlussreich sein. Markus Pauly erläutert in diesem Interview, wer jeweils die Verhandlungen führte, was verhandelt wurde und wie das gesamte Berufungsverfahren ablief.

Berkeley oder deutsche Elite-Universität?© arturbo - iStockphoto.comDie Elite-Universität UC Berkeley
Forschung & Lehre: Sie sind seit 2009 Associate Professor an der University of California, Berkeley. Wollten Sie unbedingt in den USA arbeiten oder gab es keine attraktiven Angebote aus Deutschland?

Markus Pauly: Grundsätzlich sind potenzielle Angebote aus der Heimat interessant. Nach Annahme meines Rufes an die UC Berkeley hatte ich letztes Jahr einen Ruf an eine deutsche Elite-Universität erhalten. In beiden Fällen (Berkeley und deutsche Uni) wurde ich kontaktiert (Direktor/Rektor), ob ich mich für eine Stelle an dem jeweiligen Institut bewerben würde. An beiden Unis hat mich das ausgezeichnete wissenschaftliche interdisziplinäre Forschungsumfeld gereizt: Pflanzen als Rohstoff für Biokraftstoffe. Vom Einreichen der Bewerbung über das Bewerbungsgespräch an den jeweiligen Unis bis hin zur jeweiligen Ruferteilung vergingen in Berkeley insgesamt sechs Wochen, in Deutschland acht Monate.

F&L: Wer führte mit Ihnen die Berufungsverhandlungen und wie lange dauerten sie?

Markus Pauly: Die Verhandlungsgespräche in Berkeley wurden nur mit dem Department Chair (Plant and Microbial Biology) und dem Energy Biosciences Institute (EBI) geführt, also beides Wissenschaftler. Nach Erteilung des Rufes (zunächst telefonisch) bis zur schriftlichen Vorlage des finalen annehmbaren Angebotes vergingen zwei Wochen. In diesem Zeitraum fanden Verhandlungen über die Ressourcen (Wünsche und Angebot) via E-Mail sowie gezielte Fragen, z.B. Laborplatz und Dual Career Angebot an meine Frau, vor Ort in Berkeley statt. An der deutschen Uni wurden die Verhandlungen hauptsächlich mit dem Kanzler geführt, also mit einer administrativen, juristischen Person und nicht mit einem Wissenschaftler. Dies zeigte sich vor allem in der Art der Verhandlungen: dem Kanzler ging es um Mitarbeiter-Stellen und um das Budget, aber nicht darum, wie ich die Stellen und die Mittel wissenschaftlich einsetze. Von der Erteilung des Rufes (zunächst per E-Mail) bis zu einem ersten schriftlichen Angebot vergingen zwei Monate. Die Verhandlungen wurden dann weitergeführt bis zu einer Absage meinerseits (zunächst mündlich) weitere zwei Monate später. In diesem Verhandlungszeitraum wurden keine "Bleibeverhandlungen mit UC Berkeley geführt, da das Angebot aus Deutschland weit unter meinen Konditionen an der UC Berkeley lag. Als Vergleich: Was mir die deutsche Elite-Universität für Stellen, Geräte, Forschungsmittel (Drittmittel nicht miteingerechnet) auf die nächsten zehn Jahre bot, waren im gleichen Zeitraum nur 32 Prozent meiner Ressourcen an der UC Berkeley.

F&L: Was wurde verhandelt und was war - im Gegensatz zu Deutschland - nicht verhandelbar?

Markus Pauly: Die Themen der Verhandlungen waren in beiden Fällen recht ähnlich. An der UC Berkeley wurde ein "Start-up Package" verhandelt. Dieses Package beinhaltet Geräte, Konsum-Mittel und "Stellen-Mittel". Alle Mitarbeiter werden auf "Soft-Money" eingestellt und repräsentieren daher keine feste Stellen. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter zunächst vom "Start-up Package" bezahlt werden und später nur weiter beschäftigt werden können, wenn Drittmittel vorhanden sind. Daher sind mittel- bis langfristig die einzigen Kosten, die eine amerikanische Elite-Universität zu tragen hat, die Professorenstelle selbst; es gibt auch keinen kontinuierlichen Forschungsetat. Im Gegensatz dazu wurde in Deutschland ein Stellen-Plan mit festen Stellen verhandelt, der es z.B. ermöglichen kann, auch mittel- oder langfristige Projekte durchzuführen. In Berkeley wurde bei den Verhandlungen über Großgeräte darüber diskutiert, wie sinnvoll und notwendig solche Geräte für den Forschungsschwerpunkt, aber auch für das Department sind. Alle Gerätewünsche wurden erfüllt und die Geräte innerhalb der folgenden zwei Monate bestellt. An der deutschen Elite-Universität ging es bei Großgeräte-Verhandlungen nur um die Kosten und den Gerätelistenplatz. Daher hätten die Geräte z.T. erst in zwei bis drei Jahren bestellt werden können. In Berkeley wurden Lehrwünsche (Themen und Lehrdeputat) verhandelt, wobei die Elite-Universität recht flexibel war und allen Wünschen folgen konnte (Jährliches Lehrdeputat: eine fünfwöchige Vorlesung in Biochemie). Zusätzlich ist das erste Jahr lehrfrei, damit der Neuberufene sein Labor und seine Forschung aufbauen kann. Bei den deutschen Verhandlungen war das nicht der Fall: Neun Semesterwochenstunden, die Vorlesungen (3) und die Praktika (2) waren von vornherein festgelegt und konnten nicht verhandelt werden. Bei beiden Verhandlungen ist lobend hervorzuheben, dass eine Dual-Career-Stelle für meine Frau gefunden wurde, auch in Deutschland. Sie ist Psychologin, also nicht von meinem Fach, hatte aber in Berkeley eine Zwei-Jahres-Stelle an der Business-School erhalten, die unlängst verlängert wurde. Auch an der deutschen Elite-Universität wurde ihr eine sehr interessante Vier-Jahres-Stelle angeboten, wenn auch mit einer Gehaltseinbuße von 74 Prozent Netto. Die Professorenstellen waren an beiden Unis von vorneherein auf Lebenszeit, d.h. in Deutschland verbeamtet, in Berkeley "tenured". Beide Unis hatten eine Erstattung der Umzugskosten in Aussicht gestellt. Interessanterweise gab es in Berkeley zusätzlich noch ein "Faculty recruitment allowance" (ungefähr 50 Prozent des jährlichen Gehalts), das z.B. für einen Hauskauf eingesetzt werden konnte, und zusätzlich auch für einen sehr günstigen Uni-Kredit, um einen Hauskauf zu finanzieren. Solche Incentives gab es in Deutschland nicht.

F&L: Die University of California gilt als erfolgreichste öffentliche Hochschule der Welt. An welchen Punkten im Berufungsverfahren wurde Ihnen das bewusst?

Markus Pauly: Zunächst war die Hauptattraktion von Berkeley, aber auch der deutschen Elite-Universität, dass in beiden Fällen mein Fachgebiet, der Bereich Pflanzen als Rohstoffe für Biokraftstoffe, ausgebaut werden sollte. Des Weiteren bot in beiden Fällen das Umfeld vor allem in den Ingenieurwissenschaften eine anwendungsorientierte Umsetzung der Ergebnisse an. Ein weiterer Pluspunkt von Berkeley war auf jeden Fall der Lebensraum: auf der einen Seite die Großstadt San Francisco, auf der anderen Seite die abwechslungsreiche Natur wie Küste und Berge, und natürlich die milden Winter. Dass die UC Berkeley die erfolgreichste öffentliche Hochschule der Welt ist, wurde mir erst so richtig bewusst, als ich zum Bewerbungsgespräch kam. Die Studenten (undergraduates und graduates =Doktoranden) haben ein überaus hohes fachliches Bildungsniveau und eine unglaubliche Motivation. Sie hinterfragen vieles und sind damit eine konstante Herausforderung für einen Professor, wodurch die Arbeit nicht nur sehr viel Spaß macht, sondern auch überaus produktiv ist. Das schlägt sich dann in Ergebnissen, Publikationen und Patenten nieder. Rückblickend ist dieser Punkt auch nach dem Laborumzug nach Berkeley nur bestätigt worden, und es überrascht mich jedes Jahr wieder, welches Kaliber an Doktoranden und auch Postdocs man nach Berkeley ziehen kann.

F&L: Seit Jahren kürzt der Staat Kalifornien die Mittel: steigende Studiengebühren und mehr Geld - und damit Einfluss - aus der Wirtschaft für die Forschung sind die Folge. (Wie) wirkte sich das auf Ihre Berufung und die Verhandlungen aus?

Markus Pauly: Es ist richtig, dass der Staat Kalifornien mal wieder die Mittel für die Universitäten gekürzt hat. Aber die kalifornischen Mittel machen derzeit nur 16 Prozent des jährlichen Bugdets von UC Berkeley aus. Der Rest wird durch Studiengebühren, Stiftungsgelder und Drittmittel bestritten. Daher haben diese Kürzungen bei den Berufungsverhandlungen keine Rolle gespielt. Aber der administrative Zwischenbau wurde auf Grund der Kürzungen vom Department-Level auf das College Level zentralisiert. Beunruhigender ist, dass die staatlichen Forschungsprogramme der US-Ministerien im Zuge der zukünftigen Budgetkürzungen wahrscheinlich auch eingeschmolzen werden, so dass der Drittmittelerwerb kompetitiver werden wird. Dagegen hat sich Deutschland der Exzellenzwissenschaft verschrieben; davon ist nach den Diskussionen des Kongresses hier in den USA nichts zu hören. Als amerikanischer Professor ist man genau wie ein deutscher Professor in seiner Forschungsfreiheit ungebunden und unterliegt daher keinen besonderen Zwängen aus der Industrie. Wenn man jedoch industrielle Forschungsdrittmittel erzielen will, ist es notwendig, eine ausführliche Diskussion über Forschungsziele mit der Wirtschaft zu führen und diese auch zu erreichen.

Markus Pauly ist Professor für Pflanzenbiologie und Programm-Manager am Energy Biosciences Institut an der University of California, Berkeley. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Strukturanalyse und die Biosynthese der pflanzlichen Zellwand, einer erneuerbaren Ressource zur Entwicklung von Biokraftstoffen.

Aus Forschung und Lehre :: September 2011

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