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Berliner Schachzüge

VON JAN-MARTIN WIARDA

Bildungsministerin Schavan möchte sich mit der Einrichtung einer »Bundesuniversität« profilieren. Erhält die altehrwürdige Charité in Berlin als Erste diesen Status?

Berliner Schachzüge© Raimond Spekking/cc-by-sa-3.0Die Charité: Schon bald »Bundesuniversität«?
Es war ein wohlkalkulierter Vorstoß. Das Berliner Universitätsklinikum Charité sei ja eine hervorragende Einrichtung, »international hoch anerkannt«, schmeichelte Annette Schavan im ZEIT-Interview Anfang Mai. Es folgte das Aber: »Allein in Berliner Trägerschaft wird sie sich nicht gut weiterentwickeln können.« Und die Ministerin hatte auch gleich eine Lösung: Eine »dauerhafte gemeinsame Trägerschaft von Bund und Land«, das sei es, was ihr für die Zukunft einiger herausragender Universitäten vorschwebe. Allen voran: die Charité. Das laute Nachdenken der Bundesbildungsministerin hatte den erwünschten Effekt: Schon am Tag danach überboten sich die Berliner Tageszeitungen mit Berichten über die »Bundes-Uni Charité«, der zuständige Senator Jürgen Zöllner (SPD) erklärte, eine solche Chance dürfe sich Berlin nicht entgehen lassen, und die Charité selbst ließ verlautbaren, man sei »stolz, von Ministerin Schavan in dieser für Deutschlands Zukunft so wichtigen Frage« ins Auge gefasst worden zu sein. Kaum jedoch war die erste Begeisterung verhallt, begann das kollektive Spekulieren: Was genau hatte Schavan eigentlich vorgeschlagen? Und vor allem: für wann? Von Schavan ist seit dem Interview kein Wort mehr zu dem Thema zu hören. Für den Moment sei alles gesagt, befindet ihr Sprecher.

Tatsächlich? Kaum ein Wort regt die Fantasie der Bildungsexperten derzeit so an wie der Begriff der »Bundesuniversität«. Zwar wäre die Charité genau genommen nur eine medizinische »Bundesfakultät« und keine Volluniversität, dennoch hat Schavan mit ihren Äußerungen den Geist aus der Flasche gelassen. Denn je näher das Ende der bis 2017 laufenden Exzellenzinitiative rückt, desto lauter wird die Frage: Wie geht es danach weiter?

Schließlich war die Exzellenzinitiative der Versuch, vonseiten des Bundes aus Schwerpunkte in der Hochschulpolitik zu setzen und damit auch das seit 2006 geltende Kooperationsverbot für Bund und Länder zu umgehen. Die in den vergangenen Jahren gekürten Eliteuniversitäten sollten zu Aushängeschildern werden, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Strahlkraft entwickeln und weltweit die besten Köpfe anziehen. Das Problem ist nur: 2017 ist Schluss mit dem Bundeswettbewerb. Will man den Rückfall in die hochschulpolitische Kleinstaaterei vermeiden, muss dringend eine neue Idee her. »Für den Bereich der Universitäten ist Schavans Vorstoß der erste ernst gemeinte Versuch einer Antwort aus der Politik überhaupt«, sagt Wedig von Heyden, ehemaliger Generalsekretär des Wissenschaftsrats und ein Kenner der deutschen Bildungslandschaft.

Er hält es für »einen klugen Schachzug, dass Schavan ausgerechnet die weltbekannte Charité vorgeschlagen hat«. Auch dass Schavan sich selbst jetzt Stillschweigen in der Sache verordnet hat, gefällt von Heyden. »Sie will das Gesagte arbeiten lassen.« Besonders kräftig arbeitet es bei Jürgen Zöllner, dem scheidenden Berliner Wissenschaftssenator. Nach den Abgeordnetenhauswahlen im Herbst will der 66-Jährige sein Amt abgeben, er hat also nicht mehr viel Zeit. »Ich würde mich freuen, wenn wir das möglichst dieses Jahr noch über die Bühne bringen«, sagt er. Daran zeigt sich, wie gewieft Schavans Vorstoß ist: Nach Gütekriterien hätte sie auch Heidelberg oder die Medizinische Hochschule Hannover nennen können. Doch ihr geht es weniger um Medizin als um Machbarkeit. »Bei der Charité klingt nicht nur der altehrwürdige Name gut, bei der Charité kann der Bund als Retter auftreten«, sagt Anke Burkhardt vom Institut für Hochschulforschung in Wittenberg. Angesichts eines Investitionsstaus an der Charité von geschätzten 1,6 Milliarden Euro greift Berlin dankbar nach jeder Hilfe. Außerdem arbeitet die Charité schon heute eng mit dem größtenteils vom Bund finanzierten Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch zusammen.

Problemlos ließe sich nach dem Vorbild des vor zwei Jahren gegründeten Karlsruhe Institute of Technology ein gemeinsames Dach über die Einrichtungen ziehen, und das ohne Grundgesetzänderung. Die Finanzströme blieben weiter getrennt: Das Land finanzierte die universitäre Lehre, der Bund unterstützte die Forschung an der Charité. Die Sache hat nur einen Haken: Eine echte Bundesuniversität wäre das nicht. Weder kämen die Studenten in den Genuss der Gelder aus Schavans Haushalt, noch würde der Bund in irgendeiner Form Mitträger einer Hochschule. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frau Schavan einen solchen Schnellschuss machen will, der aus Sicht des gesamten Wissenschaftssystems mehr Schaden als Nutzen bringen könnte«, sagt der Ingenieurwissenschaftler Wolfgang Marquardt, der seit vier Monaten Vorsitzender des Wissenschaftsrats ist. »Insofern verstehe ich den Vorschlag der Ministerin nicht wortwörtlich, sondern als Denkanstoß zu einer grundlegenden Befassung.« Der Wissenschaftsrat arbeite gerade einen Bericht zu den Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern im Bereich der Wissenschaft aus; darin werde man »gegebenenfalls eine Verfassungsänderung« vorschlagen.

Drängen lasse man sich aber nicht. Vor 2013 sei mit keinem Beschluss zu rechnen. Es sind die Worte eines gerade neu ins Amt Gekommenen. Schavan hingegen weiß, dass sie nach der nächsten Bundestagswahl 2013 vermutlich nicht mehr im Amt sein wird. Und ihr fehlt ein echtes Vermächtnis als Bundesministerin: Zwar hat sie für die Wissenschaft jede Menge Geld herausgehandelt, doch konzeptionelle Neuerungen verbinden sich bislang nicht mit ihrem Namen. Die Exzellenzinitiative etwa war eine Erfindung ihrer Vorgängerin, der Sozialdemokratin Edelgard Bulmahn. Schavan braucht also jetzt einen sichtbaren Einstieg in das Thema Bundesuniversität - und nicht in drei, vier Jahren. Viel deutet darauf hin, dass sie ihren Vorschlag, bevor sie ihn öffentlich machte, mit dem anderen alten Kämpen Jürgen Zöllner abgestimmt hat. Insofern kann man wohl davon ausgehen, dass er auch für sie spricht, wenn er sagt: »Ich halte die Bildung einer neuen Einrichtung schon jetzt für wünschenswert und möglich. Die Finanzierung muss, die besondere Situation der Charité berücksichtigend, dann natürlich so geregelt werden, dass sie der gegebenen Gesetzeslage entspricht.«

Auch an der Charité rechnet man offenbar mit einer baldigen Entscheidung. Gerüchten zufolge wird bereits die Stellenausschreibung für einen Koordinator in Sachen Fusion der Charité mit dem Max-Delbrück-Centrum vorbereitet. Die Leitung des Uni-Klinikums dementiert dies zwar, lehnt jedoch jeden weiteren Kommentar ab mit dem Hinweis auf den aktuellen Schwebezustand. Für Schavan und Zöllner hätte eine schnelle Charité- Lösung viele Vorteile: Nicht nur, dass dadurch zusätzliche Fördermittel des Bundes nach Berlin flössen. Die Hoffnung ist, dass mehr Geld die Charité gemeinsam mit dem Max-Delbrück-Centrum in den internationalen Forschungsrankings nach vorn bringt. Es ließe sich demonstrieren, dass deutsche Hochschulen ganz oben mitspielen können - vorausgesetzt, die bisherige Trennung zwischen Hochschule und außeruniversitärer Forschungseinrichtung wird aufgehoben. Es wäre der Beweis, dass ein solches Bundeskonstrukt machbar ist. Der Präzedenzfall würde eine Grundgesetzänderung vorbereiten, die echte Fusionen von Bundeseinrichtungen möglich macht. Der nächste Schritt: eine Verfassungsreform und die Vorbereitung eines »Bundesuniversität-Wettbewerbs« für die Zeit nach 2017.

Fragt man Experten, welche Hochschulen für den neuen Status infrage kämen, hört man oft dieselben Namen: RWTH Aachen, Universität Heidelberg, TU München, vielleicht eine der Berliner Universitäten. Ihre Gemeinsamkeit: Sie alle haben vom Bund finanzierte, herausragende Forschungseinrichtungen in ihrer Nähe, mit denen sie die Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren ohnehin verstärkt haben. Vor allem aber sind sie Sieger im Exzellenzwettbewerb und haben damit bereits eine gewisse Legitimation für den Bundestitel. Natürlich steht und fällt ein solches Projekt mit der Akzeptanz aller Beteiligten - vor allem auch jener Bundesländer, die bei der Auswahl von vier, fünf Bundesuniversitäten vermutlich leer aus gehen werden. Daran machen sich auch die Vorbehalte jener fest, die jetzt vor einem Vorpreschen in der Charité-Frage warnen. »Man muss sich davor hüten, eine Spezialkonstruktion nach der anderen zu schaffen, die nur Frustrationen erzeugt«, warnt Wolfgang Marquardt. Erst einmal sollte man sorgfältig ein tragfähiges Konzept im Konsens zwischen dem Bund und allen Ländern erarbeiten.

Die offenen Fragen beginnen schon bei der Studentenauswahl für die etwaigen Bundesuniversitäten: »Ist die bundesweit geregelt? Dann müsste man die jeweiligen Länder für die Studienplätze kompensieren, die dem lokalen Umfeld verloren gehen«, sagt die Hochschulforscherin Anke Burkhardt. Doch bei aller Skepsis: Der Faszination Bundesuniversität können sich selbst jene nicht entziehen, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht von ihr profitieren würden. Ulrich Radtke ist Rektor der Universität Duisburg-Essen, die in den vergangenen Jahren zwar einen enormen Sprung nach vorn gemacht hat, aber bei der Exzellenzinitiative mit ihren Anträgen gescheitert ist. Er sagt: »Ich finde ein paar wenige wirklich exzellente Bundesuniversitäten besser als zehn oder zwölf Eliteuniversitäten, die jede für sich in einen ruinösen Wettbewerb um die besten Köpfe einsteigen.« Bei drei, vier Geförderten bleibe zumindest die Chance, dass die große Mehrheit der Universitäten nicht automatisch zu Verlierern würden. »Die Stärke unseres deutschen Systems ist, dass wir an vielen Universitäten überall im Land führende Fachbereiche haben. Erste Priorität muss sein, die in der Breite zu erhalten. Wenn dann noch ein paar wenige Universitäten als Ganzes zur internationalen Spitze aufschließen, kann das für die übrigen nur gut sein.«

Aus DIE ZEIT :: 16.06.2011

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