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Berufseinstieg chemische Industrie: Nicht ohne Master und Promotion

Das Gespräch führte Bärbel Broer

Schon als Jugendlicher wusste er, dass er mal Chemie studieren würde: Sein Chemielehrer machte so spannenden Experimentalunterricht, dass Gerd Romanowski gefesselt war von dieser Naturwissenschaft. Die Begeisterung blieb: Nach dem Studium promovierte er und wechselte dann in die Wirtschaft. Seit 1991 ist er beim Verband der Chemischen Industrie e.V. (VCI). Mit dem Geschäftsführer der Abteilung Wissenschaft, Technik und Umwelt im VCI sprach academics.de über die Berufsfelder und Karrieremöglichkeiten in der Chemie-Industrie.

Berufseinstieg chemische Industrie: Nicht ohne Master und Promotion© Alexander Raths - Fotolia.comDer Master oder die Promotion sind für einen gelungenen Berufseinstieg in die chemische Industrie unverzichtbar
academics.de: Wie gut ist Deutschland in den Naturwissenschaften aufgestellt?

Gerd Romanowski: Sehr gut. Es gibt nur wenige Länder, die in Bezug auf die Qualität des deutschen Studiums und des Abschlusses in Fächern wie Chemie, Physik oder Biologie mithalten können.

academics.de: Warum sollte heute jemand Chemie studieren?

Gerd Romanowski: Es ist das interessanteste und vielfältigste Fach unter den Naturwissenschaften. Und weil die Chemie-Industrie eine starke Branche ist und auch in Zukunft bleiben wird. Zudem hat man in der Chemie allerbeste Voraussetzungen, vielfältige und spannende Berufstätigkeiten auszuüben sowie eine vielversprechende Karriere zu machen.

Das Wichtigste in Kürze: Berufseinstieg in der chemischen Industrie

Die Chemie-Industrie ist eine zukunftsträchtige Branche mit viel Potenzial für qualifizierte Naturwissenschaftler. Grundsätzlich sind der Masterabschluss und eine Promotion für den Einstieg in die Wirtschaft unabdingbar. Ein klassischer Einstieg für Chemiker ist im Bereich Forschung & Entwicklung. Weiterführende Positionen im Unternehmen sind im Marketing, in der Produktion oder in der technischen Anwendung angesiedelt, beispielsweise als stellvertretender Betriebsleiter, Betriebsleiter oder auch Leiter mehrerer Betriebe. Im Vergleich zu Positionen im Hochschulbereich punktet die Industrie mit guten Gehältern und guten Karriereperspektiven.
academics.de: Sollten sich Studierende frühzeitig spezialisieren?

Gerd Romanowski: Besser nicht. Studienanfänger sollten sich gerade im Bachelor-Studiengang möglichst breit ausrichten. Erst während des Masters sollten Studierende sich spezialisieren.

academics.de: Genügt denn auch der Bachelor?

Berufseinstieg chemische Industrie: Nicht ohne Master und Promotion Gerd Romanowski, Vorsitzender des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI)
Gerd Romanowski: In der Regel nicht. Es gibt ein paar Ausnahmen hinsichtlich der Abschlüsse an einigen Fachhochschulen. Grundsätzlich gilt aber: Der Masterabschluss und die anschließende Promotion sind für einen Einstieg in die Wirtschaft unverzichtbar. Rund 90 Prozent der Chemiestudenten promovieren. Diese Fähigkeit, wissenschaftlich, exakt und vertieft arbeiten zu können, ist in der chemischen Industrie unabdingbar.

academics.de: Welche Positionen sind bei Naturwissenschaftlern besonders begehrt?

Gerd Romanowski: Die meisten, die Chemie studiert haben, wollen in die Forschung und Entwicklung. Das ist häufig die Einstiegsposition in den ersten vier bis fünf Jahren. Danach interessieren sich nicht wenige für andere Bereiche des Unternehmens wie beispielsweise Marketing, Produktion oder technische Anwendung. Aufstiegschancen gibt es dann als stellvertretender Betriebsleiter, als Betriebsleiter und später eventuell als Leiter mehrerer Betriebe.

academics.de: Steht die chemische Industrie in Konkurrenz zu den Hochschulen, weil sie bessere Gehälter und Karrieremöglichkeiten bieten kann?

Gerd Romanowski: Gute Gehälter und hervorragende Perspektiven sind die Faktoren, mit denen die chemische Industrie bei Berufseinsteigern punkten kann. Die Hochschulen können beim wissenschaftlichen Personal nur nach festgelegten Tarifen des öffentlichen Dienstes bezahlen und selbst bei einigen Professuren ist bei W2 Schluss. Deswegen gibt es manche, die auch im Laufe ihrer Habilitation in die Wirtschaft gehen, weil hier die Faktoren wie Gehalt und Aufstiegsmöglichkeiten besser sind.

academics.de: Wenn das viele Wissenschaftler machen würden, hätte die Industrie aber irgendwann nicht mehr hervorragend ausgebildete Berufseinsteiger, weil es nicht genügend qualifizierte Lehrkräfte gäbe ...

Gerd Romanowski: Das ist auch nicht in unserem Interesse. Deshalb fördern wir ja auch den Hochschullehrernachwuchs mit unseren Stipendienprogrammen.

academics.de: Sie sind promovierter Chemiker. Was gab bei Ihnen persönlich den Ausschlag, in die Wirtschaft zu gehen?

Gerd Romanowski: Vor allem der Anwendungsbezug. In der wissenschaftlichen Forschung steht der Erkenntnisgewinn im Vordergrund. In der Wirtschaft dagegen der konkrete Nutzen, das Arbeiten mit Produkten.

academics.de: Welche Fähigkeiten sollte ein idealer Berufseinsteiger für die chemische Industrie mitbringen?

Gerd Romanowski: Neben sehr guten Fachkenntnissen in Chemie oder anderen Fachdisziplinen sind Soft Skills wie Teamfähigkeit und soziale Kompetenz ganz wichtig. Darüber hinaus sind Wirtschafts- und Sprachkenntnisse wünschenswert.

academics.de: Hat die Chemie den Stellenwert, den sie verdient?

Gerd Romanowski: Wir müssen noch deutlicher machen, welchen Nutzen die Chemie und chemische Verfahren für unseren Alltag haben. Kein Handy, kein Computer, kein Auto würde ohne Chemie funktionieren. Wenn das jedem klar ist, erreichen wir auch viel mehr Akzeptanz für die Chemie. Denn grundsätzlich ist die Bevölkerung nicht misstrauisch gegenüber neuen Technologien. Ganz im Gegenteil: Die meisten Menschen sind eher technikaffin.

Stipendien des VCI

Die Stiftung Stipendien-Fonds des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) hat das Ziel, den besten Nachwuchs im Chemiebereich zu fördern. Jährlich vergibt die 1965 gegründete Stiftung Stipendien für Lehramtskandidaten, Doktoranden und den Hochschullehrernachwuchs.
Folgende Stipendien wurden 2012 vergeben:
Chemiefonds-Stipendien für Doktoranden: 62
Kekulé-(Mobilitäts-)Stipendien für Doktoranden: 24
Liebig-Stipendien für Hochschullehrernachwuchs: 9
Dozentenstipendium: 2
Lehramtskandidaten-Stipendien (1. Staatsexamensarbeit): 15
Hoechst Doktorandenstipendium: 1
Hoechst Dozentenstipendium der Aventis Foundation: 1
Die finanziellen Mittel für das Hoechst Doktorandenstipendium sowie das Dozentenstipendium stellt die Aventis Foundation zur Verfügung. Auswahl und Vergabe erfolgen über den Fonds.

Weitere Informationen:
www.vci.de/fonds/stipendien/Seiten/Startseite.aspx»

Daten und Fakten zur chemischen Industrie

In Deutschland arbeiteten Ende 2012 rund 437.000 Beschäftigte in etwa 2.000 Unternehmen der chemischen Industrie. Mit einem Umsatz von 184 Milliarden Euro ist sie die drittgrößte Branche Deutschlands.

Rund 9 Milliarden Euro gibt sie jährlich für die Forschung & Entwicklung aus. Das sind fast 17 Prozent der gesamten Aufwendungen der deutschen Industrie im Bereich Forschung & Entwicklung.

Rund 40 Prozent der Chemieunternehmen, die in den vergangenen drei Jahren neue Produkte auf dem Markt eingeführt haben, haben Forschungskooperationen mit Hochschulen.

2010 wurden forschungsintensive Chemiewaren (ohne Pharmaprodukte) im Wert von 57 Milliarden Euro ausgeführt. Das entspricht einem Anteil von 62 Prozent aller Chemieausfuhren.

Die Chemie-Branche bildet derzeit rund 20.000 junge Menschen aus, zwei Drittel davon in MINT-Berufen. Bei durchschnittlich 52.500 Euro brutto im Jahr lagen die Gehälter der Chemie-Beschäftigten 2011.


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academics :: März 2013

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