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Berufseinstieg im Freestyle

VON PETER WAGNER

Titel und Zeugnisse spielen - besonders in Deutschland - eine große Rolle. Kann eine Laufbahn auch ohne das gelingen?

Berufseinstieg im Freestyle© Thomas K. - Photocase.com
Wahrscheinlich muss man Kinder haben, um zu verstehen, welche Sorgen sich Simones Eltern damals gemacht haben: Simone Grigo, 31, aus Brilon hatte einst erst ihren Realschulabschluss und dann auch ihr Fachabitur bestanden. Doch dann bewarb sie sich nicht, wie all ihre Klassenkameraden, für eine Ausbildungsstelle oder an einer Hochschule. Nein. Sie malte. Ihre Eltern waren irritiert. Sie versuchten, ihre Tochter vom Wert einer Ausbildung zu überzeugen, sie erzählten ihr von Betrieben, die Auszubildende suchten. Aber Simone hatte keine Lust auf Kompromisse. »Ich wollte nicht einfach etwas machen, nur um irgendwas zu machen«, sagt sie heute. Also malte sie weiter.

Die meisten Menschen hierzulande gehen zur Schule, machen eine Ausbildung und suchen dann einen Platz in der Arbeitswelt. Das Wort »Ausbildung« steht in dieser Reihung in der Mitte. Es hat eine Schlüsselfunktion für den weiteren Lebensweg. Viele definieren sich und andere über ihren Beruf und den zugehörigen Titel, manchmal sogar über den Tod hinaus: Es gibt Professoren, Ingenieure und Ofenbaumeister, deren Abschluss in der Todesanzeige steht. »In allen entwickelten Gesellschaften sind die Erwerbstätigkeit und auch das, was man kann, hochgradig identitätsbildend«, sagt G. Günter Voß, Soziologieprofessor an der Technischen Universität Chemnitz. Vor allem in Deutschland, sagt Voß, würden Ausbildung und Beruf von vielen als sinnstiftend angesehen. Einen Grund dafür findet er in unserer ausgeprägten Rechtskultur und in unserem stark regulierten Erwerbssystem, in dem Titel und Zeugnisse als Qualifikationsnachweise eine große Rolle spielen. Doch ein paar Menschen versuchen immer wieder, wie Simone Grigo diesem System zu entkommen. Auch Konstantin Klages ist so ein Beispiel. Der 24-Jährige ist im Mangfalltal nahe München aufgewachsen. Seine Eltern haben dort einen Bauernhof und stellten sich irgendwann drei Kamele in den Stall. Konstantin mochte die Tiere und hatte schon mit 14 Jahren eine Idee: Er bot Kamelausritte an, und den Leuten gefiel das Gewackel. Nach dem Abitur dachte Konstantin an ein Studium der Tiermedizin, hatte aber in Wahrheit keine Lust, seine Kamele zu verlassen. Er blieb zu Hause und baute die Herde aus. Aus drei wurden zwölf, und bald ritten ganze Ausflugsgruppen auf Kamelen durchs Mangfalltal. »Jetzt bin ich vollberuflicher Kameltreiber«, sagt er - und ist auch ohne Zeugnis glücklich.

Ohne Qualifikation wird es selbst in der Kreativbranche eng

Professor Voß wiegt bei solchen Erzählungen den Kopf. Er weiß, dass Do-it-yourself-Berufsbiografien funktionieren können, aber er glaubt, dass Karrieren ohne Ausbildung die Ausnahme sind. Und wenn man Voß von jungen Leuten erzählt, die es ohne Zeugnis zu Kostümbildnern oder in eine Onlineredaktion geschafft haben, sagt er: »Es gibt im Kreativbereich immer Felder, von denen Soziologen sagen, dass sie noch nicht so stark "verberuflicht" sind. Die Erfahrung lehrt aber, dass das meist zeitlich begrenzte Phasen sind.« Voß erinnert an die ersten Programmierer, für die es noch keine Ausbildung gab. Oder an die ersten Webdesigner. Für beide Berufe gibt es heute Studiengänge, und Quereinsteiger haben es schwerer. »Mach erst mal eine ordentliche Ausbildung« - das ist ein Satz, der in der deutschen Wirtschaftsgeschichte erst spät zum Tragen kommt. Nach dem Zweiten Weltkrieg fasste die Massenproduktion in Deutschland Fuß, und an den Fließbändern wurden unqualifizierte Arbeitskräfte gebraucht.

Plötzlich war es nicht mehr so wichtig, einen bestimmten Beruf zu lernen. Doch die Zeiten änderten sich. Gerd Bucerius schrieb 1977 in der ZEIT einen sorgenvollen Artikel mit dem Titel Die Technik zerstört die Arbeitsplätze für Ungelernte. Damals ging jene Zeit zu Ende, in der man bei Siemens als Datentypist anheuern konnte, um dann in der Unternehmenshierarchie nach oben zu klettern. In den Achtzigern lagerten erste Unternehmen ihre Produktion in Niedriglohnländer aus, und noch mehr »einfache Jobs« verschwanden. Die Arbeitsmärkte wurden seitdem, sagt Professor Voß, »anforderungsreicher«. Es begann die Zeit, in der ohne Ausbildung nicht mehr viel geht. Simone Grigo hatte nach der Schulzeit auch ohne geregelten Job arbeitsreiche Tage. Sie malte viel, sie verkaufte Bilder an Freunde, bekam ein paar Aufträge. »Ich habe einfach rumprobiert und geschaut, was ich selbst auf die Beine stellen kann.« So vergingen einige Jahre, doch dann gab es ein Problem: Die Krankenkasse teilte ihr mit, dass sie, damals 23-jährig, nicht mehr bei ihren Eltern mitversichert sei. Plötzlich wurde ihr Leben teurer, und der Druck, Geld zu verdienen, stieg. Sie machte einige Praktika, und diese Praktika brachten die Wende. Simone Grigo arbeitete unter anderem bei einem Zahntechniker und fühlte sich zum ersten Mal »angekommen«. Fünf Jahre nach dem Fachabitur begann sie ihre Ausbildung zur Zahntechnikerin. »Wenn ich zurückschaue, finde ich, dass es richtig war, auf das Richtige zu warten«, sagt Grigo heute. Manchmal erlebt sie im Betrieb Praktikanten, die gelangweilt wirken. »Dann denke ich: Vielleicht müsst ihr noch weitersuchen.« Simone bereut ihre Suche nicht, meint aber, dass sie viel Mut erforderte. »Ich musste mich häufig rechtfertigen, warum ich keine Ausbildung mache.«

"Ich will mich nicht über meinen Beruf definieren lassen"

G. Günter Voß scheint sich zu freuen, wenn er Simones Geschichte hört. »Suchphasen können sehr wichtig sein. Nur muss man irgendwann die Kurve kriegen«, sagt er. Seiner eigenen Tochter wird Voß, ganz herkömmlich, eine solide Ausbildung empfehlen. Er wird ihr aber auch raten, nach einem Beruf zu suchen, bei dem sie, wie Simone, ein »Kribbeln« spüre. Und er wird ihr sagen, dass die erste Ausbildung wohl nicht ihre letzte sein werde. Der Soziologe sieht eine Arbeitswelt kommen, in der Menschen einen »Individualberuf« haben: Die berufliche Identität hänge dann nicht mehr nur mit dem zuerst erlernten Beruf zusammen, sie forme sich aus dem Mix an Qualifikationen und Erfahrungen, der sich im Laufe des Lebens ansammele. Simone übrigens antwortet Menschen, die wissen wollen, was sie beruflich macht, dass sie »Zahnfee« sei. »Ich mache das absichtlich«, sagt sie. »Ich lasse es im Ungefähren, weil ich mich nicht über meinen Beruf definieren lassen will.«

Aus DIE ZEIT :: 16.12.2010

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