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Berufungen an ausländischen Hochschulen

Umfrage von Forschung & Lehre

Ob "Chalk-Talk" oder "Anstellungsgespräch" statt Berufungsverhandlung, ob "Ernennungsverfahren" statt Berufungsverfahren, ob Erlangung der "Qualifikation zum höheren Amt" statt Berufung - wer an eine Universität im Ausland berufen wird, macht ganz eigene Erfahrungen.

Berufungen an ausländischen Hochschulen© olly - Fotolia.comWenn die Uni aus der Ferne ruft, sammeln Professoren Auslandserfahrung

Gerd-Uwe Flechsig

ist Assistant Professor für Analytische Chemie an der University at Albany - State University of NewYork, USA.

Ich habe am 1. September 2014 eine Tenure-Track Stelle als Assistant Professor an der University at Albany, State University of New York angetreten. In den USA erlebte ich vier Campus-Visits, jeweils über zwei volle Tage. Sie beinhalteten stets einen Vortrag über die eigene Forschung, einen sogenannten Chalk-Talk, in dem man seine Forschungspläne in einem Department-Meeting erörtert, sowie ca. ein Dutzend Einzelgespräche mit Fakultätsmitgliedern, dem Dean und dem Department Chair. Professionalität und Wertschätzung sind selbstverständlich.

Hauptkriterien sind Publikationen und Drittmittel, aber auch Passfähigkeit des Forschungsvorhabens sowie Kollegialität. Die letzteren beiden stellen den Zufallsfaktor dar.

So kommt es, dass ein Kandidat aus Rostock mit Kollegen aus Harvard oder dem MIT konkurriert. Mit seinen Bewerbungsunterlagen sollte man sich an die nordamerikanischen Gepflogenheiten halten.

Entscheidende Tipps erhielt ich aus dem Internetforum Chronicle.com sowie aus den Büchern "Tomorrow's Professor" von Richard M. Reis sowie dem "Academic Job Search Handbook" von Julia Miller Vick und Jennifer S. Furlong. Eine Anstellung mit Tenure ist selten. Bei einem Umzug geben Kollegen häufig Tenure auf, zuweilen unter Rückstufung zum Associate bzw. Assistant Professor. Daher ist es kein Problem, sich als Habilitierter zu bewerben.

Michael Szurawitzki

ist Professor für Germanistische Linguistik an der Tongji-Universität Shanghai, China.

Ein Berufungsverfahren im deutschen Sinne hat nicht stattgefunden, man könnte eher von einem Ernennungsverfahren sprechen, da die Universität mich direkt kontaktierte. Die Einstellung erfolgt im Rahmen eines seit 2013 implementierten staatlichen Exzellenzprogramms, in dem 33 Universitäten (u.a. die Tongji-Universität Shanghai) speziell gefördert werden, um sich signifikant in den internationalen Hochschulrankings zu verbessern.

Nachdem die Rahmenbedingungen geklärt waren, wurde ich gebeten, meine Qualifikationsschriften und mind. fünf weitere, im Web of Science (Arts & Humanities Citation Index/Social Science Citation Index) sichtbare Schriften zur Begutachtung (vergleichbar dem deutschen Habilitationsverfahren) einzureichen.

Nach der Begutachtung erfolgen zwei Abstimmungen, zunächst auf der Ebene der School of Foreign Languages, danach stimmt der Senat der Universität ab. Die Aufgaben als Professor sind forschungsbetont: Im Vertrag ist eine konkrete Anzahl jährlich vorzulegender Publikationen fixiert, die im Web of Science verzeichnet sind, da die US-amerikanischen Zitationsindices bei der Evaluierung zu Grunde gelegt werden.

Sabine Seichter

ist Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Paris-Lodron-Universität in Salzburg, Österreich.

Nach meiner Habilitation und Vertretungsprofessuren an den Universitäten Frankfurt a.M. und Erlangen-Nürnberg erhielt ich einen Ruf auf die neu denominierte ordentliche Universitätsprofessur für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Paris-Lodron-Universität in Salzburg, die ich dann zum 1.3.2014 angetreten habe.

Das gesamte Berufungsverfahren (von der Ausschreibung bis zur Rufannahme innerhalb ca. eines Jahres) war geprägt von zeitnahen Rückmeldungen einzelner und transparenter Verfahrensetappen. Von einem ersten informellen Treffen mit der Fachbereichsleiterin nach Erteilung des Rufes bis zu der abschließenden Verhandlung mit Rektor und Rektorat waren alle Besprechungen geprägt von einer hohen fachlichen Professionalität, einer wissenschaftlichen Anerkennung meines Profils und einer personalen Wertschätzung, welche sich am Ende in einem äußerst attraktiven Angebot der Universität zeigte.

So erschien und erscheint mir die Universität Salzburg als der ideale internationale Ort, um in den kommenden Jahren meine geplanten Projekte in Lehre und Forschung verwirklichen zu können.

Daniel Bogner

ist Professor für Allgemeine Moraltheologie und Ethik an der Universität Fribourg, Schweiz.

Das Verfahren um schriftliche Bewerbung und Probevortrag unterschied sich kaum vom Prozedere an einer deutschen Hochschule. Statt "Verhandlungen", die es im eigentlichen Sinne in der Schweiz gar nicht gibt, findet ein "Anstellungsgespräch" mit Rektor, Verwaltungsspitze, Dekan und Fachvertretern statt.

Ich bereitete mich gut auf dieses Gespräch vor und kommunizierte im Vorfeld meine Pläne zu Projekten und Profil des Lehrstuhls. In Detailfragen mag daraus ein Vorteil entstanden sein. Mein Eindruck war aber, dass zentrale Fragen (z.B. der Anstellungsstatus), zu denen ich mich frühzeitig geäußert hatte, bereits im Vorfeld universitätsintern besprochen werden und beim Anstellungsgespräch dann ein "fertiger" Vorschlag auf den Tisch gelegt wird.

Berufungsverhandlungen sind eben auch geprägt vom kulturell-mentalen Rahmen des Landes, in dem sie stattfinden - und in der Schweiz werden wichtige Fragen oft im Konkordanzverfahren und nicht konfrontativ-diskursiv geklärt. Mein genereller Eindruck war durchweg positiv: Der Universität gelang es, Wertschätzung und Gewinnabsicht klar und transparent zu kommunizieren. Mein Vertrauen in die zukünftige Wirkungsstätte ist dadurch gewachsen.

Stephan Steingräber

ist Professore di Etruscologia e Antichità italiche an der Università degli Studi RomaTre.

Im Unterschied zu früheren Praktiken wurde 2012 vom Ministero dell' Istruzione, dell' Università e della Ricerca die "Abilitazione Scientifica Nazionale" eingeführt, welche die Bewerbung von "Ricercatori" (Assistenten mit fester Stelle) und "Professori Associati" um eine Höhereinstufung als "Professori Associati" und "Professori Ordinari" ("di prima fascia") vorsieht.

Ich bewarb mich im November 2012 um die "Idoneità" (Qualifikation) als "Professore Ordinario" und erhielt Anfang Februar 2014 einen positiven Bescheid. Eine Kommission aus fünf renommierten Wissenschaftlern (davon vier Italiener und ein Ausländer) hatten innerhalb eines guten Jahres mehrere Hundert Bewerbungen schriftlich gemäß diverser Kriterien und Parameter zu bewerten und mehrheitlich über "abilitato" oder "non abilitato" zu entscheiden. In meinem Fall fiel die Entscheidung einstimmig positiv aus.

Wie nicht zuletzt aus der italienischen Presse zu erfahren war, stieß dieses Verfahren auf diverse Kritik. Zudem garantiert eine positive Bewertung lediglich die Qualifikation zum höheren Amt, aber keinesfalls eine automatische Höhereinstufung bzw. Berufung. Die hierfür notwendigen finanziellen Mittel fehlen leider derzeit weitgehend im krisengeplagten und politisch unstabilen Italien, weshalb auch die Gehälter für alle staatlichen "impiegati" seit Jahren nicht mehr erhöht worden sind.

Aus Forschung & Lehre :: Oktober 2014

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