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Berufungspraxis

Von Wiltrud Christine Radau

Weil sich die hochschulrechtlichen Rahmenbedingungen vielfältig ändern, verschärft sich auch der Wettbewerb um die besten Wissenschaftler. Daraus folgt ein immer stärkeres Konkurrenzverhalten der Hochschulen untereinander. Dies hat Vor- und Nachteile für das Berufungsgeschäft. Ein Überblick.

Berufungspraxis© MAK - Fotolia.comWie gestaltet sich die Berufungspraxis heutzutage?

Wettbewerblicher Markt

Die Berufungspraxis ist in den vergangenen Jahren wesentlich kompetetiver geworden als noch zu Zeiten der C-Besoldung. Dies hängt weniger mit der Einführung der W-Besoldung zusammen als mit dem voranschreitenden Autonomiezuwachs der Hochschulen als maßgebliche Ruferteilungs- und Verhandlungsinstanz. Hinzu tritt die fortschreitende Internationalisierung des Berufungsmarktes. Diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass Wissenschaftler immer häufiger über Parallelrufe verfügen und mit mehreren Hochschulstandorten in Berufungsverhandlungen eintreten können. Auf der einen Seite entstehen in der Berufungspraxis daraus durchaus positive Effekte für den einzelnen Wissenschaftler, denn Parallelverhandlungskonstellationen wirken sich regelmäßig erhöhend auf den Marktwert des Rufinhabers aus und stärken seine Verhandlungsmacht. Auch werden im Rahmen von Bleibeverhandlungen vermehrt Ergebnisse erzielt, die das externe Berufungsangebot - insbesondere im Hinblick auf die Besoldung - nicht selten übertreffen. Kehrseite des Wettbewerbs ist jedoch die Tendenz vieler Hochschulen, den Rufinhaber mit individualvertraglichen Sperrklauseln für drei Jahre an die Hochschule zu binden. In einzelnen Bundesländern besteht sogar die Möglichkeit, die Bleibefrist mit Rückzahlungsverpflichtungen für den Fall der vorzeitigen Weiterberufung zu sanktionieren, etwa bezüglich der gewährten Ausstattung (Niedersachsen) oder sogar im Hinblick auf die ausgehandelten Berufungs- oder Bleibeleistungsbezüge (Bayern). Während niedersächsische Hochschulen derzeit von der Ausstattungsrückzahlungsklausel - noch - keinen Gebrauch machen, nutzen einige bayerische Hochschulen die gesetzliche Möglichkeit einer Besoldungsrückzahlungsklausel inzwischen ausgiebig und implementieren sie immer häufiger in die Berufungspraxis.

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Kürzere Verhandlungsphase

Eine weitere Folge des wettbewerblichen Berufungsmarktes ist die starke Verkürzung der Verhandlungsphase. Dadurch kann der Rufinhaber, wenn er über mehrere Rufe verfügt, in arge zeitliche Bedrängnis gebracht werden. Mehr als 60 Prozent der Verhandlungen werden inzwischen innerhalb von drei Monaten beendet. Die ruferteilenden Stellen (Ministerium, Hochschulleitung) erreichen dies nicht selten mittels enger Fristsetzungen. Gängig ist etwa ein Zeitrahmen von drei bis sechs Monaten, innerhalb dessen der Ruf aufrecht erhalten bleibt. Darüber hinaus werden oft kurze Fristen (z.B. vier Wochen) für die Annahme des Berufungsangebots gesetzt.

Verhandlung vor Ruferteilung

Aktuell zeichnet sich an manchen Hochschulen die unheilvolle Tendenz ab, mit potenziellen Rufinhabern bereits vor der eigentlichen Ruferteilung in Vorverhandlungen zu treten. Nach außen wird dies oftmals mit dem Ziel begründet, das Verfahren so zügig wie möglich zu gestalten. Überzeugend ist dieses Argument nicht. Denn in der Berufungspraxis können Berufungsverhandlungen auch nach Erteilung des Rufes (schließlich ist der Ruf keine Einstellungsgarantie) an den Erstplatzierten abgebrochen und der Zweitplazierte kurzfristig berufen werden, sobald sich abzeichnet, dass mit dem Erstplazierten kein konsensuales Ergebnis erzielbar ist. Die Verhandlungen vor Ruferteilung dienen in Wahrheit oftmals dazu festzustellen, ob sich die Ausstattungs- und Vergütungsvorstellungen des potenziellen Rufinhabers in die finanziellen Gegebenheiten der Fakultät einfügen lassen. Mancherorts wird inzwischen sogar zeitlich parallel mit allen drei Listenkandidaten vor der ersten Ruferteilung verhandelt. Die Hochschulleitungen nutzen dabei etwa bestehende Verhandlungsungleichgewichte - z.B. in der Erstberufungskonstellation - durchaus gezielt aus und setzen die potenziellen Rufinhaber indirekt unter Zugzwang, sich mit ihren Gehalts- und Ausstattungswünschen zu bescheiden. Zwar mag dies aus Sicht der Hochschule als Reaktion auf einen zunehmenden Wettbewerb verständlich sein, doch steht diese Entwicklung im deutlichen Gegensatz dazu, dass Rufinhaber sensibler für die spezifischen Gegebenheiten des jeweiligen Hochschulstandortes sind als je zuvor.

Neue Verhandlungsgegenstände

In jüngster Zeit haben sich die Verhandlungsgegenstände erweitert. Neben die klassischen Aspekte der personellen, sächlichen und räumlichen Ausstattung treten nunmehr häufiger auch Angelegenheiten, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf betreffen. Die Bandbreite ist vielfältig und kann etwa von der Hilfestellung bei der Suche nach Kinderbetreuungsmöglichkeiten bis hin zur Schaffung und Besetzung einer zweiten Professur für den Partner des Rufinhabers reichen. Dass dies möglich ist, hängt zu einem großem Teil auch mit den neueren Entwicklungen im Hochschulrecht zusammen, wonach in speziellen Fällen auf die öffentliche Ausschreibung einer Professur verzichtet werden kann. Freilich kann selbstverständlich nicht jedes Doppelkarrieren- Anliegen mit der Schaffung oder Besetzung einer zweiten Professur realisiert werden. Nicht selten wird Wissenschaftler- Paaren - als kleine Lösung - auch eine wissenschaftliche Mitarbeiterposition an der jeweiligen Hochschule angeboten. In Ballungsräumen bestehen darüber hinaus inzwischen - eine gute Vernetzung der Hochschule vorausgesetzt - immer häufiger Möglichkeiten, eine berufliche Perspektive auch außerhalb der Hochschule zu realisieren.

Heterogenität der Professuren

Durch vielfältige gesetzliche Veränderungen im Statusrecht der Universitätsprofessoren wird die dienstrechtliche Stellung immer heterogener. So ist vor allem in Erstberufungskonstellationen immer häufiger damit zu rechnen, dass ein zeitlich befristetes Beamtenverhältnis begründet wird. Neuerdings ist zudem eine Zunahme von privatrechtlichen Dienstverhältnissen zu verzeichnen. Diese Entwicklung hat ihre Ursache insbesondere darin, dass in einigen Bundesländern, etwa in Hessen, einige große Hochschulen mit eigenständiger Dienstherreneigenschaft ausgestattet wurden und ihre Professoren nach dem Willen des Gesetzgebers in Angestelltenverhältnissen beschäftigen sollen. In anderen Bundesländern werden die beamtenrechtlichen Altersgrenzen überaus restriktiv gehandabt. In NRW etwa besteht zwar durchaus die Möglichkeit, Professoren auch jenseits der geltenden Altersgrenze zu verbeamten, doch müssen die Hochschulen in diesem Falle an das Land regelmäßig eine hohe Einmalzahlung leisten, um sich an den Pensionslasten zu beteiligen. Dies wirkt sich in Zeiten begrenzter finanzieller Ressourcen in vielen Fällen als echtes Berufungshindernis aus. Das Angestelltenverhältnis birgt Nachteile, die im Verhandlungswege in der Berufungspraxis nur selten ausgeglichen werden können. Insbesondere ist das sog. Nettodefizit zu nennen, das entsteht, weil im Anstellungsverhältnis Sozialversicherungsbeträge abzuführen sind. Um eine Nettogleichstellung zu erreichen, muss der Rufinhaber eine höhere Bruttovergütung mithilfe höherer Berufungsleistungsbezüge verhandeln. Lediglich einige wenige Hochschulen sind von vornherein bereit, eine bestimmte Summe als Ausgleich des Nettodefizits zu leisten.

Aus Forschung und Lehre :: September 2011

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