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Berufungspraxis bei Juniorprofessuren 2005 bis 2013 - Ergebnisse einer aktuellen Studie

Zusammenfassung von Felix Grigat

Die sich hochschulpolitisch abzeichnende Aufwertung der Juniorprofessur im deutschen Wissenschaftssystem steht in deutlichem Kontrast zu den spärlichen Informationen, die zur Berufungspraxis bei Juniorprofessuren vorliegen. Eine aktuelle Studie der Jungen Akademie ist der Berufungspraxis bei Juniorprofessuren auf den Grund gegangen. Eine Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse.

Berufungspraxis bei Juniorprofessuren 2005 bis 2013© knallgrün - photocase.deEine einheitlichen Praxis der Tenure Track Professuren ist nicht in Sicht
Zwischen den deutschen Universitäten gibt es starke Unterschiede in der Berufungspraxis bei Juniorprofessuren. Von einer einheitlichen Basis für die Einführung von 'Tenure Track'-Professuren, die einen transparenten und national wie international vergleichbaren Karriereweg schaffen könnten, ist die deutsche Universitätslandschaft weit entfernt. Die uneinheitliche Umsetzung betrifft zum einen die zahlenmäßig großen Unterschiede bei der Einführung von Juniorprofessuren an den Universitäten. So machen Juniorprofessoren beispielsweise knapp ein Viertel der Professorenschaft der Freien Universität Berlin aus, aber weniger als fünf Prozent der Professorenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zum anderen betreffen diese Unterschiede den Anteil 'interner' Berufungen. Manche Universitäten besetzen die Hälfte ihrer Juniorprofessuren mit eigenem wissenschaftlichen Nachwuchs, während an anderen Universitäten interne Bewerber- und Bewerberinnen nicht oder nur in Ausnahmefällen zum Zuge kommen. Diese Divergenz ist zum Teil auf unterschiedliche Regelungen bzw. abweichende Auslegungen der Landeshochschulgesetze zurückzuführen. Allerdings zeigt die Studie auch substantielle Unterschiede in der Berufungspraxis zwischen Universitäten im gleichen Bundesland. Dies sind zentrale Ergebnisse der Studie "Berufungspraxis bei Juniorprofessuren in Deutschland 2005 bis 2013" des Arbeitskreises Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie.

Die unterschiedliche Umsetzung der Juniorprofessur zwischen 2005 und 2013 ist nach Ansicht der Autoren der Studie mit der Idee eines neuen Standardwegs einer wissenschaftlichen Hochschulkarriere, wie sie momentan breit gefordert wird, nicht vereinbar. Für den politisch geplanten Zuwachs an Juniorprofessuren mit 'Tenure Track'-Option fehlten vergleichbare Standards bei der Implementierung und Besetzung von Juniorprofessuren. Deshalb fordere die Junge Akademie als ersten Schritt ein generelles, deutschlandweites Hausberufungsverbot für Juniorprofessuren, analog zu anderen Professuren. Ein striktes Hausberufungsverbot für Juniorprofessuren würde nach Überzeugung der Autoren dazu beitragen, eine national wie international transparente Stellenkategorie zu schaffen, die einen Einstieg in eine unbefristete Professur an deutschen Universitäten ermöglicht. Ergebnisse der Studie im Einzelnen:

Einführung von Juniorprofessuren

Im Mittel gibt es 30 Juniorprofessuren pro Universität. Während einige Universitäten jedoch in sehr großem Umfang Juniorprofessuren eingeführt haben, waren andere deutlich zurückhaltender. In absoluten Zahlen sind die beiden Spitzenreiterinnen bei der Schaffung von Juniorprofessuren die Georg-August-Universität Göttingen mit 103 Juniorprofessoren (21 Prozent an den Gesamtprofessuren; 284 Studierende pro Juniorprofessur) und die Freie Universität Berlin mit 100 Juniorprofessoren (23 Prozent der Gesamt-Professorenschaft; 357 Studierende pro Juniorprofessur). Abbildung 1 zeigt einen Überblick über den Anteil der Juniorprofessoren und -professorinnen an der Gesamt-Professorenschaft. Relativ zur Größe der Professorenschaft stehen die Technische Universität Kaiserslautern (57 JuniorprofessorInnen; 34 Prozent der Gesamtprofessuren; 249 Studierende pro Juniorprofessur) und die Universität Mannheim (62 Juniorprofessoren; 33 Prozent der Gesamtprofessuren; 199 Studierende pro Juniorprofessur) noch vor der Freien Universität Berlin und der Georg-August-Universität Göttingen. Weniger als 10 Juniorprofessuren gibt es unter anderem an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, der Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg und der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Ein Problem wird an diesen Zahlen deutlich: Auf der einen Seite stehen Universitäten, die Juniorprofessuren in individuellem Ausmaß schaffen. Auf der anderen Seite steht die Idee, mit der Juniorprofessur einen einheitlichen Weg für die Qualifizierung auf eine Lebenszeitprofessur zu etablieren.

Berufungspraxis bei Juniorprofessuren: Anteil eigener Doktoranden

Erhebliche Unterschiede finden sich auch in dem Anteil der berufenen Juniorprofessoren und -professorinnen, die an der gleichen Universität promoviert wurden. Als 'interne' Kandidaten betrachten wir alle Wissenschaftler, die an derselben Universität, an die sie als Juniorprofessor berufen wurden, auch promoviert wurden. Wir berücksichtigen nicht, an welcher Universität die Juniorprofessoren zum Zeitpunkt ihrer Berufung tätig waren. Formal ist die Berufung von eigenen ehemaligen Doktoranden in einigen Bundesländern ohne Weiteres möglich, weil die Landeshochschulgesetze keine gegenteiligen Vorschriften enthalten; in anderen Bundesländern ist dies nur nach einer zweijährigen wissenschaftlichen Tätigkeit (z.B. als Postdoc) an einer anderen Forschungseinrichtung möglich. Diese Personen zählen wir in unserer Auswertung ebenfalls zu den 'internen' Berufungen, da eine statistische Häufung von Rückkehrenden an die Universität der Promotion auch in diesem Fall erklärungsbedürftig bleibt. Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Postdoc-Phase an eine beliebige andere Universität berufen zu werden, sollte ebenso groß sein wie die Wahrscheinlichkeit, an die Universität der Promotion zurückzukehren. Zudem ist zweifelhaft, ob zwei Jahre ausreichen, um die Eigenständigkeit an der Fakultät zu erlangen, die eine Juniorprofessur mit sich bringen sollte.

Anteil der JPs an den Professuren © Forschung & Lehre Abbildung 1: Anteil der JPs an den Professuren*
Über die erhobenen Universitäten hinweg wird etwa jede fünfte Juniorprofessur mit einem internen Kandidaten oder einer internen Kandidatin besetzt. Auffällig sind die substantiellen Unterschiede zwischen den Universitäten (siehe Tabelle 1). Diese zeigen, dass es stark divergierende hochschulpolitische Konzepte zur Juniorprofessur gibt, die mit den jüngsten wissenschaftspolitischen Überlegungen zur Schaffung eines stärker vereinheitlichten Karrierewegs mit der Juniorprofessur als einem zentralen Einstieg schwer zu vereinbaren sind. Der größte Anteil interner Berufungen findet sich an der Universität Rostock mit 55 Prozent internen Berufungen (12 von 22 Juniorprofessuren) und an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit 44 Prozent internen Berufungen (12 von 27 Juniorprofessuren). Im starken Kontrast dazu wurden an der Georg-August-Universität Göttingen weniger als 5 Prozent der JuniorprofessorInnen intern berufen (5 von 103 Juniorprofessuren). Die Göttinger Universität ist damit im Spitzenfeld sowohl bei der Anzahl der eingerichteten Juniorprofessuren als auch bei der Offenheit für auswärtige Kandidaten.

Keine starke Differenzierung nach U15/TU9 und Fächergruppen

Es zeigt sich, dass die in den U15 zusammengeschlossenen Universitäten im Anteil interner Berufungen nur wenig vom Durchschnitt abweichen. So ist der Anteil interner Berufungen an Universitäten der U15 mit 17 Prozent (121 von 696 Juniorprofessuren) und der TU9 (Zusammenschluss von neun führenden Technischen Universitäten) mit 23 Prozent (56 von 239 Juniorprofessuren) durchaus vergleichbar mit dem durchschnittlichen Anteil interner Berufungen an allen Hochschulen. Über Fächergruppen hinweg finden sich nur geringe Unterschiede in dem Anteil interner Berufungen auf Juniorprofessuren. In den Geistes- und Sozialwissenschaften, in denen mit Abstand die meisten Juniorprofessuren eingerichtet wurden, wurden 19 Prozent (155 von 816 Juniorprofessuren) intern berufen. Ähnlich hoch ist der Anteil interner Berufungen bei den Naturwissenschaften (18 Prozent; 69 von 386 Juniorprofessuren) und den Lebenswissenschaften (21 Prozent; 37 von 180 Juniorprofessuren). Etwas höher liegt der Anteil interner Berufungen bei den Ingenieurwissenschaften (26 Prozent; 47 von 179 Juniorprofessuren). Die jeweiligen Landeshochschulgesetze (LHGs) regeln die Berufung von Juniorprofessoren und -professorinnen unterschiedlich. Diese unterschiedlichen Regelungen können die Divergenzen in der Berufungspraxis allerdings nicht vollständig erklären. In fünf Bundesländern existieren explizite Vorschriften, die eine Berufung von internen DoktorandInnen auf Juniorprofessuren nur in bestimmten Fällen erlauben (Baden-Württemberg, Hessen, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen). Aber auch zwischen Universitäten des gleichen Bundeslandes gibt es teils deutliche Unterschiede. In Hessen etwa wurden 29 Prozent der an die Philipps-Universität Marburg berufenen Juniorprofessoren und -professorinnen ebenda promoviert. An der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Technischen Universität Darmstadt dagegen lag der Anteil bei 8 Prozent bzw. 11 Prozent. Zudem ist der Durchschnitt der internen Berufungen in Bundesländern, deren LHGs keine expliziten Vorschriften kennen (z.B. Niedersachsen), zum Teil geringer als in Bundesländern mit solchen Vorschriften (z.B. Sachsen, Thüringen).

Zusammengenommen machen die Ergebnisse nach Ansicht der Autoren deutlich, dass die Ausgestaltung der Juniorprofessur über Universitäten hinweg stark variiert. Die substantielle Variation in der Berufungspraxis lasse sich nicht allein mit Unterschieden zwischen einzelnen Bundesländern oder Fächergruppen erklären. Es stelle sich deshalb die Frage, ob die Wahrscheinlichkeit über Universitäten hinweg systematisch variiere, die besten Kandidaten bereits an der eigenen Universität vorzufinden, oder ob nicht vielmehr unterschiedliche wissenschaftspolitische Konzepte in Bezug auf Juniorprofessuren ausschlaggebend für diese Unterschiede zwischen den Universitäten seien. Eine solche divergierende Auslegung der Stellenkategorie Juniorprofessur wäre, so die Autoren, an sich nicht problematisch, würde der Juniorprofessur nicht in der jüngsten wissenschaftspolitischen Diskussion eine besondere Bedeutung als ein zentraler Karriereweg zur Professur und als Einstieg in eine Hochschulkarriere an der berufenden Universität zugemessen.

Alter bei Berufung auf eine Juniorprofessur

Mit der Einführung der Juniorprofessuren verband sich die Erwartung, Qualifikationswege zur Lebenszeitprofessur zu verkürzen. Diese Hoffnung hat sich mit der Juniorprofessur laut Studie bisher nicht erfüllt. Das durchschnittliche Alter bei der Berufung auf eine Juniorprofessur liegt derzeit bei 35 Jahren. Die erfolgreich bestandene Zwischenevaluation, die im Allgemeinen als Voraussetzung für die Berufbarkeit auf eine Lebenszeitprofessur gilt, ist dementsprechend mit 38 Jahren zu erwarten. Bei der Habilitation als traditionellem Qualifikationsweg liegt das Alter derzeit durchschnittlich bei 41 Jahren. Über alle Qualifizierungswege hinweg ist das Alter bei der Berufung auf die erste Lebenszeitprofessur in Deutschland weiterhin hoch und liegt bei durchschnittlich 41 Jahren.

Geschlechterverhältnis

Der Anteil von Frauen bei Juniorprofessuren liegt bei 37,4 Prozent. Das Geschlechterverhältnis variiert nicht systematisch mit der Anzahl der Juniorprofessuren an einer Universität, dem Anteil interner Berufungen oder dem Alter bei der Berufung auf die Juniorprofessur. Im Vergleich zu Habilitierten (24,9 Prozent Frauen) und zur Lebenszeit-Professorenschaft (17,6 Prozent) ist der Anteil der Frauen unter den Juniorprofessoren hoch. Dies deutet auf eine positive Entwicklung bei der Schaffung eines ausgeglichenen Geschlechterverhältnisses in der Professorenschaft hin, sofern sich dieser Trend fortführt und auch bei der Entfristung erhalten bleibt.

Kaum 'Tenure Track'

Dass die Juniorprofessur bisher nicht zu einer wesentlichen Verjüngung bei der Berufung auf eine Lebenszeit-Professur beigetragen hat, ist auch der Tatsache geschuldet, dass ein Großteil der Juniorprofessuren ohne formales 'Tenure Track'-Modell geschaffen wurde. Unter den von uns erfassten 1.561 Juniorprofessuren ließen sich nur in 13 Prozent der Fälle (201 Juniorprofessuren) Hinweise auf 'Tenure Track'-Verträge finden. Leider ist hier keine Differenzierung nach Geschlechtern möglich. Umso erstaunlicher ist, dass auch ohne dieses Modell ein substantieller Anteil der JuniorprofessorInnen an der gleichen Universität auf eine Lebenszeitprofessur wechselt, wie sich am Beispiel der Freien Universität Berlin zeigt, an der ohne 'Tenure Track'-Modell etwa 20 Prozent der Juniorprofessoren auf eine Lebenszeitprofessur an ebendieser Universität wechseln.

Die Studie

Die Studie der Jungen Akademie beruht auf einer Erhebung zur Berufungspraxis bei Juniorprofessuren an Universitäten in Deutschland. Die deutschen Universitäten wurden angeschrieben mit der Bitte um Informationen zur Anzahl der Juniorprofessuren, zum durchschnittlichen Alter bei deren Berufung, zum Anteil weiblicher Juniorprofessoren, zum Anteil der Juniorprofessoren, die an der Universität, an die sie berufen wurden, auch promoviert wurden, und zur Anzahl von 'Tenure Track'-Verträgen. Die Daten wurden, nach Fächergruppen aufgeschlüsselt, gespeichert. Fehlende Informationen wurden über eigene Recherchen mithilfe des Internet-Auftritts der Universitäten ergänzt. Die Studie stützt sich auf eine breite Datenbasis mit Informationen von 52 Universitäten mit insgesamt 1.561 Juniorprofessuren aus allen Bundesländern.

Quelle: "Berufungspraxis bei Juniorprofessuren in Deutschland 2005 bis 2013" des Arbeitskreises Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie.


*Die Abbildung zeigt Informationen, die von den Universitäten bereitgestellt wurden. Bei unvollständigen Informationen der Universitäten wurden diese auf Basis des Internetauftritts der jeweiligen Universität nachrecherchiert.

Aus Forschung & Lehre :: November 2015

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