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Besessen vom Impact-Faktor

Von Rüdiger Görner

Reformen an den Hochschulen gehen meist mit großem Apparat und bürokratischem Aufwand einher, aber ein wirklicher Gedanke und eine geistige Fundierung fehlt meist. Besonders gut zu beobachten ist dies derzeit in Großbritannien bei der nächsten Runde der Forschungsevaluierung.

Besessen vom Impact-Faktor© Mark Evans - iStockphoto.comDer "Impact-Faktor" misst die Häufigkeit des Zitiertwerdens
Einschlägig bis leidvoll bekannt sind die auf die Bewertung der Forschung gemünzten Stichwörter: Relevanz, Kosten-Nutzen-Verhältnis, Nachhaltigkeit. Man hat die Häufigkeit des Zitiertwerdens auf internationaler Basis 'gemessen' und Bewertungskriterien in finanzielle Bemessungsfaktoren überführt. Auszuschließen ist nicht, dass derzeit besonders Beflissene an der Überbietung des "Exzellenten" als Kategorie arbeiten. Nun also 'impact'. In der wissenschaftspolitischen Semantik Britanniens figuriert dieser Begriff mittlerweile an prominentester Stelle. Die nächste Runde der britannienweiten Forschungsevaluierung steht bevor (2014); sie führt nun den Namen Research Excellence Framework (REF) und löst damit begrifflich, aber nicht der Sache nach, den Research Assessment Exercise ab (RAE).

Bewertet werden die Fachdisziplinen der Universities und Colleges nach "research outputs" (65 Prozent), "research environment" (15 Prozent) und eben "impact" (20 Prozent); in künftigen REFs soll diese Ziffer auf 25 Prozent angehoben werden, dann nämlich, wenn man genau zu wissen glaubt, was "impact" denn eigentlich sei. Zur Bedeutung des "impact" als Bewertungskategorie sei David Sweeney zitiert, der Direktor des Higher Funding Council for England (HEFCE): "Die erstmalige eigenständige Bewertung von 'Impact' im REF-Verfahren unterstreicht die Bedeutung, die auf Forschung außerhalb der Forschungslandschaft gelegt wird. Sie soll Universitäten dazu befähigen, den Erfolg ihrer Forschung demonstrativ zu verdeutlichen und deren Beitrag für Wirtschaft und Gesellschaft unter Beweis zu stellen." Das liest sich auch im Original nicht besser.

Definitionsversuche

Die REF-Website versucht sich in einem zu allem Unglück auch noch tautologischen Definitionsversuch von 'Impact'. Das liest sich - zur Abwechslung im Original - wie folgt: "Impact - these will be in the form of case studies which demonstrate that the HEI's research has made a distinctive social, economic or cultural impact outside academia." Da sich HEFCE/REF in einem Definitionsnotstand in Sachen "Impact" befanden, veranlassten sie die HEIs (Higher Education Institutions) ihrerseits, Vorschläge für die Bestimmung von "Impact" zu unterbreiten, und zwar in Form von ersten Fallstudien solcher Wirkungszusammenhänge, ein Probelauf also zu jenem Verfahren, das uns im Vereinigten Königreich 2013/14 bevorsteht. Immerhin hängen 20 Prozent der Gesamtbewertung von solchen Fallstudien ab, die überzeugen sollen, dass der Elfenbeinturm erfolgreich eingerissen wurde, und zwar in allen Forschungsdisziplinen.

Was dabei herauskam, nannte HEFCE "ermutigend" und rechtfertige die 20 Prozent als Bewertungsgrundlage für die Forschungsleistung einer universitären Disziplin - mit allen Konsequenzen; denn, man erinnert sich, die Ergebnisse von RAE/REF schlagen unmittelbar auf die Zuteilung von Forschungsgeldern für die jeweiligen Institute durch. Willkommen also in Absurdistan. Ich möchte behaupten, dass ein Institut, welches sich der Erforschung des Surrealismus verschrieben hat, die mit Abstand größte Chance haben dürfte, unter diesen Bedingungen außeruniversitären "Impact" nachzuweisen; reicht er doch augenscheinlich bis nach Whitehall. Und mehr kann man an Forschungsrelevanz für sein Gebiet nicht erhoffen.

Wirkung von Projekten

Was also ist gefordert? Eine Wirkungsfallstudie auf je zehn Akademiker. "Wirkung" soll nachgewiesen werden für Forschungsprojekte, die bis zu fünfzehn Jahre zurückliegen können und die zwischen dem 1. Januar 2008 und dem 31. Juli 2013 nachweisbar über die Collegemauern hinaus gewirkt haben. Zulässig ist jede Form von "social, economic or cultural impact, or benefit beyond academia". Wohlgemerkt: mit "impact" ist nicht das Wirken eines Einzelnen gemeint, sondern die Nachhaltigkeit eines Projekts, seine Medienpräsenz etwa oder Attraktivität für Handel und Gewerbe. (Die Ironie des Schicksals will es, dass ausgerechnet jener Zweig der Arts & Humanities in Britannien, der in dieser Richtung nachweisbar erhebliche Wirkung hat(te), die Neuphilologien nämlich, durch die neue Studiengebührenpolitik am drastischsten beschnitten wird.)

Das Ganze ist so verschroben wie es nur sein kann. Das belegt die Erfahrung, die wir derzeit mit der Rubrik "Impact" bei Anträgen auf Forschungsmittel bereits machen. Jeder einschlägige Antragssteller muss nachweisen, welche prospektive Wirkung seine Forschung haben wird, wie sie überprüfbar gemacht werden kann, möglichst auch, wie sie sich ökonomisch oder gesellschaftlich umsetzen lässt. Für manche Projekte mag dies sinnvoll sein, zumal für jene, die über soziale Faktoren verfügen. Aber wie steht es mit einer Arbeit über poetologische Diskurse um 1750 in Europa oder - wenn man es etwas aparter möchte - Nudismus um 1900? Man könnte an Letzteres freilich dadurch anschließen, dass man behauptet: der Utilitarismus/Funktionalismus im hochschulpolitischen Diskurs hat sich mit der ganzen "Impact"-Diskussion in den Zustand der Selbstentblößung versetzt. Wie man sieht: "Wirkungen" sind überall. Vor lauter "Wirkung" werden wir bald kaum noch Ursachen und Grundlagen sehen; von deren Erforschung zu schweigen. Man kann nicht umhin, an die Zeiten der Rezeptionsästhetik zu denken, als die Rezeptionstheoretiker sich selbst den Blick für die Analyse des zu Rezipierenden trübten. Freilich: Rezeptionstheorie war im Vergleich zum "Impact"-Gerede geradezu ein Höhenflug der Geistigkeit. Denn was ist von alledem zu halten, wenn gerade jener Bereich, in dem forschend Lehrende "Wirkung" zeigen, in der Lehre nämlich, vom "Impact"-Verfahren ausgenommen bleibt?

Sinnresistent

Man sollte dem derzeitigen Staatssekretär für Universitäten und Wissenschaft im britischen Handels- und Innovationsministerium, David Willetts, eines zugute halten: Er interessiert sich (inzwischen sogar lebhaft) für das Modell der Fraunhofer Institute, überhaupt für das Prinzip Forschungsinstitut als Mittlerorganisation zwischen Grundlagenforschung und industrieller Auswertung. Er hatte zunächst auch Bedenken wegen der 20 Prozent "Impact"-Regel für REF. Aber die politischen Zugzwänge in Whitehall entfalten nun einmal ihre eigene "Wirkung", die im Bereich der Wissenschaftspolitik zunehmend sinnresistenter wird. Zumindest das dürfte gewiss sein: An den Auswirkungen dieser "impact"-Besessenheit werden - wieder einmal vorrangig - die Geisteswissenschaften noch lange zu laborieren haben. Aber in Albion scheint auch diese Art "Nachhaltigkeit", perfide genug, beabsichtigt.


Über den Autor
Rüdiger Görner ist Professor für Neuere Deutsche Literatur am Queen Mary College der University of London. Er ist dort Gründungsdirektor des Centre for Anglo-German Cultural Relations.


Aus Forschung und Lehre :: Mai 2011

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