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Besorgniserregend - zur psychischen Stabilität der heutigen Studierendengeneration

Von Hans-Werner Rückert

Auch wenn Studierende als psychisch gesünder gelten als der Rest der Bevölkerung, steigt die Zahl derer, die sich den Anforderungen nicht gewachsen fühlen. Woran liegt das? Und wie lässt sich dieser Entwicklung entgegensteuern?

Besorgniserregend - zur psychischen Stabilität der heutigen Studierendengeneration© Mehmet Yunus Yesil - iStockphoto.comDie Einführung der Bachelorstudiengänge hat die Nachfrage in den Psychologischen Beratungsstellen um ca. 20 Prozent gesteigert
Die Zeitspanne zwischen Jugend und Erwachsenenalter geht entwicklungsbedingt mit einer erhöhten Krisenanfälligkeit einher. Besonders die Gruppe der Studierenden lebt in einem "psychosozialen Moratorium", in dem einengende Verpflichtungen, aber auch Halt gebende Verbindlichkeiten relativ gering ausgeprägt sind. Ihre Freiräume sind größer als bei gleichaltrigen Berufstätigen, Orientierung und Unterstützung von außen sind jedoch wesentlich geringer. Die Bedingungen, unter denen studiert wird, können zusammen mit den Belastungen der Lebensphase eine brisante Mischung bilden.

Psychische Erkrankungen

Die gute Nachricht: Studierende sind psychisch gesünder als der Rest der Bevölkerung. Daten aus dem Bundesgesundheitssurvey für Deutschland zeigen, dass 31 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 65 Jahren an einer psychischen Störung leiden. Nach der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks sind jedoch nur 11 Prozent der Studierenden psychisch krank. Selbst angesichts der höheren Zahlen früherer Untersuchungen von 20 bis 25 Prozent gestörter Studierender bleibt eine erhebliche Differenz. Erkrankte Studierende leiden insbesondere unter Depressionen, Selbstwertstörungen und Ängsten. Antidepressiva werden Studierenden wesentlich häufiger verschrieben als Jugendlichen vergleichbarer Altersgruppen, und insbesondere die höheren Altersgruppen der Studierenden - und hier vor allem Studentinnen - weisen ein besonders hohes Maß an depressiven Verstimmungen auf. Die Studierfähigkeit, die bei somatischen Erkrankungen durchaus noch erhalten sein kann, reduziert sich im Fall psychischer Erkrankungen dramatisch: 91 Prozent der Betroffenen sind nicht mehr in der Lage, ihr Studium wie geplant fortzuführen. Wie steht es um die psychische Gesundheit der zukünftigen Studierenden?

Die aktuelle Erhebung zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen des Robert-Koch-Instituts ist nicht ermutigend. Psychische Krankheiten sind bei Kindern und Jugendlichen so häufig wie bei Erwachsenen. Psychische Krankheiten des Kindesund Jugendalters neigen unbehandelt dazu, im späteren Leben wiederzukehren. Die Hälfte aller bei Erwachsenen festgestellten Angststörungen begann bereits vor dem elften Lebensjahr. Daten verschiedener Krankenkassen zeigen übereinstimmend, dass Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen überproportional zunehmen, insbesondere unter jungen Menschen zwischen 15 und 29. Immer häufiger werden Störungen wie das Aufmerksamkeits-Defizit-(Hypermotorische) Syndrom (AD[H]S) festgestellt. Dazu passend beklagte kürzlich die Rektorin der Universität Kopenhagen Verhaltensweisen einer "Zapper"-Generation, der es an Durchhaltevermögen mangele. Sie erwarte Unterhaltung und Abwechslung im akademischen Unterricht. Fehle das, verließen die Studierenden das Seminar und zögen auf der Suche nach dem richtigen "Kick" ins nächste weiter.

In Großbritannien schlug die Zeitung The Times bereits 2005 Alarm, nachdem an den führenden britischen Universitäten 20 Prozent mehr Studierende um Psychologische Beratung nachsuchten. "It is estimated that one in four students will experience some form of mental distress during their time at university...mental health is no longer a minority issue", stellte die Zeitung fest. Alarmierend sei insbesondere die Zunahme schwerer seelischer Erkrankungen mit selbstverletzendem Verhalten, Borderline-Störungen und Suizidversuchen.


Psychische Belastungen

Unterhalb des Niveaus von Erkrankungen gaben beim österreichischen Studenten-Sozialbericht 2009 61 Prozent an, unter Stress und psychischen Belastungen zu leiden, 30 Prozent wurden durch Arbeits- und Konzentrationsstörungen in ihrem Studienfortschritt behindert. Auch in der Bundesrepublik sind 27 Prozent aller Studierenden durch psychische Belastungen so stark beeinträchtigt, dass sie vorübergehend nicht studierfähig sind. Einen hohen Anteil daran machen Prüfungsängste aus, die im Laufe der letzten Jahre massiv zugenommen haben. Nach den Ergebnissen des Gesundheitssurveys der Techniker-Krankenkasse für Studierende in NRW werden als besonders belastend zu hohe fachliche Anforderungen im Studium erlebt, die Ballung von Prüfungen am Semesterende und der fehlende Praxisbezug des Studiums. Zeitstress und Hektik, studienorganisatorische Probleme, finanzieller Druck und die Notwendigkeit, für den Lebensunterhalt zu arbeiten, schlagen als negative strukturelle Bedingungen zu Buche. Dazu kommen die sich in Befragungen immer wieder zeigenden Defizite in der Betreuung und Unterstützung, vor allem bei der Lernorganisation, der Abfassung von schriftlichen Arbeiten und im Umgang mit Prüfungsangst.

Besorgniserregend - zur psychischen Stabilität der heutigen Studierendengeneration

Hauptproblem: Orientierungslosigkeit im Studium

Psychische Störungen treten bei Studierenden dann auf, wenn mitgebrachte persönliche Dispositionen auf belastende soziale und strukturelle Gegebenheiten des Umfelds Universität treffen und es an individuellen Bewältigungsstrategien und institutioneller Unterstützung fehlt. Die zukünftigen Studierendengenerationen kommen nach der G8-Reform in jüngerem Alter als bisher an die Hochschulen. Bereits jetzt suchen viele die Studienberatungsstellen zusammen mit ihren Eltern auf; die familiäre Abhängigkeit scheint zuzunehmen, gerade auch in finanzieller Hinsicht. Die Verkürzung der Schulzeit bedeutet auch, dass die Studienanfänger noch weniger auf akademisches Arbeiten vorbereitet werden. Angesichts dieser Faktoren und der tendenziellen Abnahme psychischer Stabilität ist es umso wichtiger, Stressoren aus der Studiensituation zu reduzieren. Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass Orientierungslosigkeit im Studium ein Stressor erster Ordnung ist.

Orientierung ergibt sich für Studierende nicht dadurch, dass Studienverlaufspläne und Modulhandbücher online gestellt werden, sondern indem Ansprechpartner bei fachlichen und überfachlichen Schwierigkeiten vorhanden sind, bevor diese sich zu massiven Problemen entwickelt haben. Auch bereits eingeschriebene Studierende beklagen Orientierungslosigkeit nicht nur bei der Organisation des Studiums, sondern auch bei der Studienfachwahl und den zukünftigen Berufsperspektiven. Die Einführung der Bachelorstudiengänge hat die Nachfrage in den Psychologischen Beratungsstellen um ca. 20 Prozent gesteigert, ohne dass dem eine entsprechende personelle Ausweitung gefolgt wäre. Dringend erforderlich ist also der Ausbau der Studienberatungsstellen und der Psychologischen Beratungsstellen an Hochschulen und beim Deutschen Studentenwerk. Zudem sollten in enger Verzahnung mit Fachbereichen Lernzentren eingerichtet werden, die Studierenden die erforderlichen Bewältigungsfertigkeiten vermitteln, damit sie ihre ambitionierten Studienziele erreichen und ihre eigene Persönlichkeit positiv entwickeln können.


Über den Autor
Hans-Werner Rückert ist Diplom-Psychologe und Psychoanalytiker. Er leitet die Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin.


Aus Forschung und Lehre :: Juli 2010

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