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Besser bezahlt und weniger arbeitslos? - Akademiker im Vergleich zu beruflich Ausgebildeten auf dem Arbeitsmarkt

VON MARTIN NEUGEBAUER, HEIKE SPANGENBERG

Die Warnungen vor einer Überakademisierung wollen nicht verstummen. Es stellt sich die Frage, welche Chancen die Absolventen von Bachelorstudiengängen auf dem Arbeitsmarkt haben. Lohnt sich ein Bachelorabschluss gegenüber einer Berufsausbildung?

Besser bezahlt und seltener arbeitslos?© David-W- - photocase.deKönnen sich Bachelorabsolventen angesichts der steigenden Akademisierung auf dem Arbeitsmarkt behaupten?
Der seit einigen Jahren ungebrochene Ansturm auf die Hochschulen und die Einführung der gestuften Studienabschlüsse Bachelor und Master haben unsere Hochschullandschaft verändert. Angesichts dieser grundlegenden Veränderungen fragen sich nicht nur Hochschullehrer, ob sie Zeuge einer Fehlentwicklung werden. Auf der einen Seite fehlen dem Arbeitsmarkt beruflich ausgebildete Fachkräfte, auf der anderen Seite gibt es ein Überangebot an Akademikern, so eine gängige These. Kann der deutsche Arbeitsmarkt so viele Akademiker überhaupt aufnehmen? Welche Arbeitsmarktaussichten haben die Absolventen von Bachelorstudiengängen, die bisweilen als Schmalspur-Akademiker bezeichnet wurden? Ist es nicht naheliegend anzunehmen, dass diese Menschen ohne Weiterbildung kaum Chancen auf eine gute Anstellung haben (was auch die hohen Übergangsquoten in den Master erklärt) und dass viele von ihnen - angesichts der doppelten Konkurrenz mit Masterabsolventen auf der einen und Facharbeitern auf der anderen Seite - mit schlecht bezahlten Tätigkeiten ins Berufsleben starten müssen?

Nun weisen Arbeitsmarktforscher seit Jahren darauf hin, dass die Lebenseinkommen von Akademikern deutlich über denen der Facharbeiter liegen, während die Arbeitslosigkeitsrisiken niedriger sind. Gäbe es zu viele Akademiker, dann müssten diese Vorteile sinken, das Gegenteil ist jedoch der Fall. Allerdings basieren diese Indikatoren auf Personen, die das Erwerbsleben bereits durchlaufen haben und folglich in einer Zeit gearbeitet haben, die von relativ niedrigen Akademikerquoten und langen Diplomabschlüssen geprägt war. Über die aktuelle Situation können sie keine Auskunft geben. Haben die kritischen Stimmen also doch recht? Führen Hochschulexpansion und Bologna-Reform zu einem akademischen Prekariat? Ist der Vorteil einer akademischen Ausbildung durch Verkürzung und Überfüllung weggeschmolzen?

Aktuelle Analysen, die wir hier vorstellen, bringen Licht ins Dunkel. Sie stammen von verschiedenen Autoren, basieren auf Daten ganz unterschiedlicher Provenienz, und sie kommen - das ist beruhigend - zu ganz ähnlichen Befinden.

Einkommensunterschiede

Die erste Analyse basiert auf Aussagen von Studienberechtigten des Jahres 2010, die viereinhalb Jahre später vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zu ihrem Werdegang befragt wurden. Zu diesem Zeitpunkt ist knapp ein Drittel bereits mit einem Bachelor- oder Berufsausbildungsabschluss erwerbstätig und kann untersucht werden. Die zweite Analyse fußt auf den Mikrozensen der Jahre 2010 bis 2013, eine Art Mini-Zensus, in dem jedes Jahr ein Prozent aller Haushalte befragt wird. Darin enthalten sind die ersten Bachelor- und Masterabsolventenkohorten, die auf den Arbeitsmarkt gelangt sind.

Besser bezahlt und weniger arbeitslos? © Forschung und Lehre Einkommensunterschiede (in %) im Vergleich zu Bachelorabsolventen von Universitäten
Zunächst zeigt sich in den Daten der bereits bekannte Befund, dass Absolventen mit einem Masterabschluss - wenig überraschend - höhere Einkommen erzielen als Absolventen mit Bachelor. Wie Abbildung 1 ausweist, liegen die Monatsnettoeinkommen durchschnittlich 15 Prozent höher. Interessanter ist der Vergleich mit den beruflich Ausgebildeten. Ihre Einkommen liegen wiederum 8 bis 15 Prozent unterhalb derer mit Bachelorabschluss, bei einer vergleichbaren Ausbildungslänge von drei Jahren. Das entspricht einer Differenz von etwa 250 Euro netto. Erst nach einer Phase der Erwerbstätigkeit und einer anschließenden Fortbildung zum Meister oder Techniker erreichen beruflich Ausgebildete ähnliche Einkommensregionen wie Bachelorabsolventen.

Diese Zahlen beziehen sich auf Personen, die alle eine schulische Hochschulzugangsberechtigung haben und die mit Blick auf die Arbeitszeit und andere konfundierende Faktoren vergleichbar gemacht wurden. Schließt man beruflich Ausgebildete ohne Abitur oder Fachhochschulreife mit ein, fallen die Einkommensnachteile der beruflich Ausgebildeten noch höher aus, wie eine dritte Studie vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) zeigt. Die IAB-Studie zeigt darüber hinaus, dass die Einkommensunterschiede mit steigendem Alter größer werden. Bachelorabsolventen können sich zunehmend von Arbeitnehmern mit beruflichen Fortbildungsabschlüssen absetzen. Diese Ergebnisse lassen im Grunde nur ein Deutungsmuster zu: Die Nachfrage der Wirtschaft nach Akademikern bleibt hoch, trotz Akademikerschwemme, trotz Kurzstudium.

Natürlich variieren die Einkommen deutlich nach Fachrichtung. Die Mikrozensen können diese Variation aufgrund der großen Fallzahlen gut abbilden. Ein staatlich geprüfter Betriebswirt erzielt fast immer ein höheres Einkommen als ein Kulturwissenschaftler mit Bachelorabschluss. Berücksichtigt man aber Fächer, für die es Äquivalente in beiden Bildungsbereichen gibt, Betriebswirtschaft, IT, Design, zeigt sich in jedem Fach die gleiche Abstufung: Bachelorabsolventen erzielen höhere Einkommen als beruflich Ausgebildete.

Interessant ist auch: Bachelorabsolventen von Fachhochschulen erzielen ein um 5-13 Prozent höheres Einkommen als diejenigen von Universitäten. Dazu beitragen mag das etwas längere Bachelorstudium an Fachhochschulen, vor allem aber ist es die stärkere Verbindung mit Arbeitgebern vor Ort, die die Integration in den Arbeitsmarkt erleichtert.

Besser bezahlt und weniger arbeitslos? © Forschung und Lehre Arbeitslosigkeit im Vergleich zu Bachelorabsolventen von Universitäten

Arbeitslosigkeitsrisiko

Ein anderes Muster zeigt sich beim Thema Arbeitslosigkeit, wie Abbildung 2 zeigt. Innerhalb der ersten sechs Jahre nach Ausbildungsabschluss haben Uni-Bachelorabsolventen mit einer Arbeitslosigkeitsquote von 6,2 bis 7,4 Prozent das größte Risiko, arbeitslos zu werden. Das ist nicht übermäßig hoch, aber beruflich Ausgebildete liegen 2,6 bis 4 Prozentpunkte darunter, solche mit Fortbildungsabschluss sogar 4,4 bis 4,6 Punkte. Dass dies kein grundsätzliches Problem des Bachelorabschlusses ist, zeigt der Blick auf die Fachhochschulen. Laut DZHW-Daten, die sich auf das erste Jahr nach Erwerbseinstieg beziehen, liegt die Arbeitslosigkeitsquote von FH-Bachelorabsolventen 1,5 Prozentpunkte unter derjenigen von Uni-Bachelorabsolventen. Laut Mikrozensen haben FH-Bachelorabsolventen sogar vergleichbar geringe Arbeitslosigkeitsrisiken wie beruflich Ausgebildete.

Uni-Bachelorabsolventen befinden sich häufiger zunächst in einer Übergangsphase, in der sie Praktika absolvieren, jobben, sich neu orientieren. Schließt man daher die frischgebackenen Absolventen aus den Analysen aus und beschränkt sich auf diejenigen, bei denen der Abschluss zwei bis sechs Jahre zurückliegt, unterscheiden sich die Arbeitslosigkeitsrisiken von beruflich Ausgebildeten und Uni-Bachelorabsolventen nicht mehr signifikant.

Angesichts unserer Befunde scheinen die Warnungen vor einer Überakademisierung ebenso verfehlt wie solche, die Bachelorabsolventen pauschal die berufliche Eignung absprechen. Akademische Bildung wird nachgefragt und sie lohnt sich - auch unter den neuen Rahmenbedingungen. Klar ist aber auch: Statistiken ermöglichen nur den Blick in die Vergangenheit. Was die globalisierte und digitalisierte Zukunft bringt, vermag niemand mit Sicherheit zu sagen. Es spricht aber vieles dafür, dass die beste Absicherung gute und breite Bildung ist, solche, die Menschen flexibel auf veränderte berufliche Herausforderungen und neue Konkurrenzsituationen durch Robotik und Künstliche Intelligenz reagieren lässt.


Über den Autor
Martin Neugebauer ist Juniorprofessor für Empirische Bildungs- und Hochschulforschung an der Freien Universität Berlin.

Dr. Heike Spangenberg ist Projektleiterin im Projektbereich "Studienberechtigtenpanel" am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW).

Aus Forschung & Lehre :: September 2017

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