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Besser denken!

Die Wissenschaft braucht eine Entschleunigungsstrategie, sagt ein Kreis von Experten. Sieben Forderungen für mehr Qualität in der Forschung.

Besser denken!© chribier - Photocase.comEine Entschleunigung der Wissenschaft könnte den Forschenden wieder die Möglichkeit zur kritischen Reflexion verschaffen
Nicht nur die Berichte über Fälschungen und Plagiate haben das Ansehen der Wissenschaft beschädigt, auch der hohe Publikationsdruck und die Veröffentlichung mitunter fragwürdiger wissenschaftlicher Ergebnisse treiben die scientific community um. Auf Einladung der Robert Bosch Stiftung haben rund zwei Dutzend Experten aus Hochschulen und Wissenschaftsinstitutionen beraten, welche Fehlentwicklungen zu korrigieren sind und was zu tun ist, um die Bedingungen für gute Forschung wieder herzustellen. Im folgenden dokumentieren wir Auszüge des Thesenpapiers, das noch vor dem Fall zu Guttenberg verfasst und jetzt veröffentlicht wurde:

»Die in jüngster Zeit bekannt gewordenen Verstöße gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis haben die Aufmerksamkeit auf die womöglich dahinterstehenden strukturellen Probleme des Wissenschaftssystems gerichtet. Dazu gehören der übersteigerte Publikationsdruck, die rasante Ökonomisierung der akademischen Einrichtungen, ein hoher Druck, Drittmittel einzuwerben, sowie die immer stärker geforderte Inszenierung und Vermarktung wissenschaftlicher Ergebnisse. Eine sichtbar ansprechende Darstellung der Forschungsziele wird zum Teil bereits höher bewertet als die kompetente und solide Bearbeitung der Fragestellungen (...) Unser Wissenschaftssystem braucht eine Entschleunigungsstrategie, die den Forschenden wieder die Möglichkeit zur kritischen Reflexion verschafft. Daraus resultieren folgende Vorschläge zur Sicherung der Integrität und Qualität der Wissenschaft:

1.) Eindämmung der Publikationsflut

Die Anzahl der Publikationen sollte weltweit (in Relation zur wachsenden Zahl der Wissenschaftler) reduziert werden und damit - gegen das ökonomische Interesse der Verlage - auch die Zahl der Journale. Nur so können wir erreichen, dass diese wichtige Beurteilungsgrundlage für die Qualität der Forschung wieder aus reflektierten und sorgfältig evaluierten Ergebnissen besteht. Und nur so können Forscherinnen und Forscher relevante Ergebnisse und Erkenntnisse aus ihrem Fachgebiet wieder in ausreichendem Maße zur Kenntnis nehmen.

2.) Grundsätzlicher Erkenntnisgewinn braucht dauerhafte Grundfinanzierung

Die Wissenschaft braucht eine dauerhafte und verlässliche Grundfinanzierung, weil sie auf der Suche nach Neuem und nach dem Verständnis der Natur radikal anderen Gesetzen folgt als ein Wirtschaftsunternehmen. Akademische Einrichtungen müssen zwar mit ihren Mitteln angemessen wirtschaften. Der Erwartung jedoch, dass sie direkten finanziellen Gewinn erzielen oder nach stark ökonomisch ausgerichteten Kriterien zu bewerten sind, müssen wir entschieden entgegentreten. Vielmehr sollten wir uns gemeinsam bemühen, den hohen Eigenwert des Erkenntnisgewinns für die Allgemeinheit noch deutlicher als bisher herauszustellen.

3.) Mehr Gewicht legen auf inhaltliche Beurteilung von wissenschaftlichen Leistungen

Bei der Vergabe von Forschungsmitteln müssen inhaltliche Konzepte und Ziele von Projekten bewertet werden, nicht unreflektierte Erfolgsversprechen zur Umsetzung in die Praxis. Die qualitative Beurteilung der wissenschaftlichen Arbeit eines Forschers oder einer Forscherin sollte zumindest gleichgewichtig neben den quantitativen bibliometrischen Leistungsindikatoren stehen. Die reine Zahl der Publikationen ist kein zulässiges Kriterium.

4.) Ächtung von strategischer Autorschaft

Die Autorschaft für eine wissenschaftliche Publikation bedingt substanzielle inhaltliche Anteile an der zu veröffentlichenden Arbeit. Die Autorschaft ist heute eine Währung der Wissenschaft geworden, die mit Geld belohnt wird. Das System der leistungsorientierten Mittelvergabe sollte daher die tatsächlichen Beiträge eines Autors prüfen und lediglich strategische Autorschaften ohne verantwortliche inhaltliche Beteiligung ächten.

5.) Forschende müssen ihre Forschungsanträge selbst schreiben

Die Drittmitteleinwerbung ist eine wichtige kompetitive Komponente des Wissenschaftssystems. Durch den Trend, sehr hohe Drittmittelanteile zu fordern, ist der Einwerbungsdruck jedoch so stark gestiegen, dass sich ein professionelles Antragswesen gebildet hat, in dem nicht mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst den Forschungsantrag schreiben, sondern Agenturen im Extremfall standardisierte Anträge formulieren. Wissenschaftliche Konzepte müssen jedoch von den Forschenden selbst geschrieben werden. »Ghostwriter« dürfen nicht geduldet werden; auch nicht in Verbundanträgen, in denen die von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geschriebenen Antragsteile oft von Agenturen »geglättet« werden.

6.) Transparenz bei der Darstellung der Datenerhebung

Wissenschaft braucht Transparenz, trotz der steigenden Komplexität. Der schnelle technische Fortschritt in Kombination mit einem überzogenen Wettbewerb führt zu immer komplexeren, schwer überprüfbaren Experimenten. Ohne transparente und sorgfältige Darstellungen der Datenerhebung und der wissenschaftlichen Vorgehensweise kommt es vermehrt zu nicht erkennbaren Fehlern und Unredlichkeiten, die die Substanz der Wissenschaft gefährden.

7.) Gute Forschung braucht Zeit

Die Entwicklung fundierter Projekte und deren Durchführung sind nicht vereinbar mit kurzen Zeitverträgen. Der durch Letztere erzeugte Druck veranlasst die Forscherinnen und Forscher dazu, Kleinstprojekte ohne substanziellen Erkenntnisgewinn durchzuführen und kleinteilig zu publizieren. Nur Vertragslaufzeiten, die durch sinnvolle Begrenzungen die Möglichkeiten zu längeren Projektplanungen (auch für den wissenschaftlichen Nachwuchs) geben, erlauben die im internationalen Wettbewerb unentbehrliche hohe Qualität der Forschung.«

Zu den Unterzeichnern zählen unter anderem: Ulrike Beisiegel, langjährige Ombudsfrau der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und Präsidentin der Uni Göttingen, Wolfgang Frühwald, ehemaliger Präsident der DFG und der Alexander von Humboldt-Stiftung, Stefan Hornbostel, Direktor des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung, Thomas May, Generalsekretär des Wissenschaftsrats, Rüdiger Wolfrum, Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches Recht und Völkerrecht in Heidelberg.

Aus DIE ZEIT :: 14.04.2011

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