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Betörendes Immunsystem

VON BETTINA GARTNER

Die körpereigene Abwehr bestimmt, wen wir gerne riechen. Die Düfte lassen sich im Labor nachbauen.

Betörendes Immunsystem@ diego cervo - iStockphoto.comAls besonders angenehm wird der Duft empfunden, der sich von der eigenen Immunvariante unterscheidet
Der Aufwand ist riesig: Drei Tonnen Rosenblätter braucht man, um einen Liter Rosenöl herzustellen, bis zu 65 Dollar kostet das Gramm Ambra, obwohl es sich dabei um eine Art Erbrochenes vom Pottwal handelt. Parfümeure kombinieren erlesene Essenzen und scheuen seit je weder Kosten noch Mühen, um Düfte zu kreieren, die betören. Doch jetzt kommt Kunde vom Max-Planck-Institut (MPI) für Evolutionsbiologie in Plön: Die Alchemie der Wohlgerüche sei entzaubert. Auf Rose und Ambra komme es nicht an, sondern auf nüchterne chemische Formeln. Anhand der Gene des Immunsystems glaubt der Evolutionsbiologe Manfred Milinski, sagen zu können, welcher Duft uns gefällt, und was wir an anderen nicht riechen können.

Die Vorstellung, dass unser Immunsystem den persönlichen Körpergeruch bestimmt, galt unter Biologen lange als abwegig. Seine Aufgabe sei es, Krankheitserreger auszuschalten, und nicht, den Körper zu parfümieren, hieß es. Und falls - wie bei manchen Tieren - doch etwas riechen sollte: Wie könnte der Mensch es überhaupt wahrnehmen, ohne das Vomeronasale Organ, dem viele Tiere ihren sozialen Geruchssinn verdanken? Als Milinskis Mitarbeiter vor Jahren Probandinnen an getragenen Männer-T-Shirts schnüffeln ließen, sorgten sie noch rundum für Erstaunen. Aber dabei zeigte sich, dass vom Immunsystem eines Menschen tatsächlich ein persönlicher Geruch ausgeht, den andere Menschen wahrnehmen. Mit ordinärem Schweiß oder der am Vortag verspeisten Knoblauchzehe hat dieser Immungeruch nichts zu tun. Vielmehr wird er davon bestimmt, welche Immungenvarianten wir haben.

Im Kampf gegen Krankheitserreger codiert eine Gruppe von Genen (im sogenannten Human- Leukocyte-Antigen-Komplex) bestimmte Proteine, die in der Lage sind, Eiweißbruchstücke von Viren, Bakterien und Parasiten zu erkennen, sie aufzugreifen und den körpereigenen Killerzellen als Feinde zu präsentieren. Die Aufgabenbereiche der HLA-Proteine sind zwar festgelegt, ihre Form aber ist von Mensch zu Mensch verschieden - jeder hat seine individuelle Mischung. Entsprechend vielfältig sind die von den HLA-Proteinen gekaperten Eiweißstoffe. Dadurch, dass der Körper sie ausscheidet - wahrscheinlich über Drüsen in den Achselhöhlen -, werden sie für all jene wahrnehmbar, die mit dem Menschen auf Tuchfühlung gehen. Der Geruch des Immunsystems ist also nichts anderes als ein sehr individuelles Parfüm.

Den an den T-Shirts schnüffelnden Frauen gefiel vor allem der Duft jener Männer, deren Immunvarianten sich von ihren eigenen unterschieden. Evolutionsbiologisch macht eine derartige Vorliebe durchaus Sinn: Wenn sich bei der Paarung verschiedene Gene zu einem neuen, vielseitiger reagierenden Immunsystem vermischen, erhöht das die Fitness der Nachkommenschaft. Außerdem schützt der Geruchstest vor Inzucht: Ähnliche Immunsysteme finden sich gar nicht sexy.

Milinski interpretiert auch den Griff zur Parfümflasche vor diesem Hintergrund. »Der Mensch will nach etwas riechen - und zwar nach sich selbst.« Bereits in den 1930er Jahren kam unter Wissenschaftlern die Vermutung auf, Parfüms würden gar nicht dazu verwendet, unangenehme Ausdünstungen zu überdecken, sondern den natürlichen Körpergeruch zu verstärken. Dies bestätigten die MPI-Forscher, nachdem sie Probanden natürliche Parfüm-Ingredienzien zur Bewertung vorgelegt hatten: Menschen mit den gleichen Immungenvarianten bevorzugten dieselben Gerüche. Wer die Genvariante HLA-A1 trug, rümpfte bei Moschus, Patschuli und Kardamom die Nase, während für HLA-A2-Typen diese Gerüche sehr angenehm waren.

Auf die Frage, ob die Düfte für den Partner infrage kämen, schlugen die Meinungen plötzlich um: Gruppe 1, die sie für sich selbst ablehnte, fand sie für den Partner passend, Gruppe 2 hingegen wollte davon nichts wissen. Offensichtlich, schlossen die Wissenschaftler, stecken in den Parfüm-Ingredienzien Aromen, die Immungerüche widerspiegeln. Finden sie Entsprechungen im eigenen Körper, werden sie akzeptiert, andernfalls werden sie abgelehnt und dafür anderen zugesprochen. »Das erklärt, warum wir Parfüms am besten selbst aussuchen«, sagt Milinski, »und warum sich manches Geschenk als Missgriff erweist.«

Die Probe aufs Exempel machten die Forscher gemeinsam mit Thomas Boehm. Der Forscher vom Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg im Breisgau hatte vor einigen Jahren entdeckt, wie das Geruchssystem von Mäusen die Struktur der Immungene wahrnimmt. Sie synthetisierten verschiedene menschliche Immungerüche, füllten sie in Fläschchen ab und baten 22 Probandinnen, sich jeweils unterschiedliche Tropfen davon in die Achselhöhlen zu reiben. Anschließend sollten sie schnüffelnd bewerten, ob sie die Gerüche wahrnahmen und wenn ja, welche Achselseite nach ihnen selbst roch oder nach einem Parfüm, das sie gerne tragen würden.

Das Ergebnis der Beurteilungen publizieren die Wissenschaftler in dieser Woche in den Proceedings of the Royal Society. Sie fallen für den nachgeahmten körpereigenen Immunduft einhellig positiv aus, während der Fremdduft keinen Anklang fand. Der Mensch ist also in der Lage, Eiweißbruchstücke aus dem Immunsystem zu erriechen und zu bewerten. Er nimmt die Immungerüche sogar auf besondere Weise wahr. Forscher der Universität Dresden steckten Milinskis Probandinnen in den Magnetresonanztomografen und beobachteten - während sie ihnen ihre synthetisierten eigenen oder fremden Immungerüche in die Nase sprühten - die Reaktion des Gehirns. Dort passierte etwas Ungewöhnliches. Anstatt der klassischen Geruchszentren wurde der rechte, mittlere, frontale Kortex aktiv - ein Areal, das für die Eigenwahrnehmung verantwortlich ist.

Bei der Analyse von Immungerüchen konzentriert sich das Gehirn offenbar darauf, ob diese mit dem eigenen Körper zu tun haben. »Im Parfüm, das wir gern riechen, muss also nicht unbedingt die chemische Struktur eines körpereigenen Immungeruchs stecken«, sagt Milinski. »Es genügt, dass es Ingredienzien enthält, die dieselben Rezeptoren anregen - unsere eigenen synthetisierten Immungerüche.« Um ein Parfüm zu kreieren, das bei möglichst vielen Trägern ankommt, fange Milinski mit ein paar Tropfen HLA-A2-Peptid an. Diese Genvariante ist überdurchschnittlich häufig vertreten: bei rund 40 Prozent der Bevölkerung. »Fast jedem Zweiten würde ein solches Parfüm gefallen.«

Aus DIE ZEIT :: 24.01.2013

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