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Betreuer, dringend gefragt

VON FRANZ HIMPSL

Um wie viele Studenten muss sich ein Professor kümmern? Mal sind es 100, anderswo nur 45. Wie kann das sein?

Betreuer, dringend gefragt© Izabela Habur - iStockphoto.comFünf mögliche Ursachen, warum die Betreuungsrelation von Universität zu Universität stark schwankt
In Deutschland studieren derzeit so viele junge Menschen wie noch nie; 2,4 Millionen Studenten sind an den Hochschulen eingeschrieben. Die Zahl hat sich in den vergangenen Jahren stetig nach oben entwickelt - die Zahl der Professoren aber ist nahezu gleich geblieben. Die zusätzlichen Mittel, die im Rahmen des Hochschulpaktes von Bund und Ländern an die Unis gezahlt werden, um den großen Andrang von Studienanfängern zu bewältigen, werden vor allem dazu genutzt, Lehrbeauftragte mit befristeten Verträgen einzustellen und nur wenige Professoren auf festen Stellen.

Das führt dazu, dass sich ein Hochschullehrer um immer mehr Studenten kümmern muss. Im Jahr 2012, aus dem die aktuellsten Zahlen stammen, kamen auf einen Universitätsprofessor gerade mal 64 Studenten. Vier Jahre zuvor waren es 58. Lässt man private und stark spezialisierte Unis beiseite und betrachtet alle anderen, an denen immerhin neun von zehn aller Universitätsstudenten eingeschrieben sind, liegt das Betreuungsverhältnis sogar bei 1 zu 70. Es wird sehr deutlich, wie groß die Unterschiede zwischen den einzelnen Universitäten sind. Die ZEIT hat mit Daten des Statistischen Bundesamtes die Betreuungsrelationen an allen deutschen Universitäten ausgerechnet: Während in Göttingen nur 50 Studenten auf einen Professor kommen, sind es in Flensburg 70 und in Dortmund sogar mehr als 100. Wie ist das möglich? Fünf Erklärungen.

Das Geld der Länder

Nicht alle Unis haben gleich viel Geld zur Verfügung, um damit Stellen zu schaffen. Die Finanzierung von Hochschulen ist in Deutschland Sache der Bundesländer. Und die geben unterschiedlich viel Geld pro Student. Niedersächsische Unis beispielsweise erhalten pro Student 12.000 Euro, in Bayern liegen die Ausgaben bei 9.210 Euro pro Student und in Nordrhein-Westfalen bei 7.550 Euro. Das schlägt sich nieder in den Studienbedingungen. Die Auswirkungen zeigen sich in der Rangliste der Unis: Niedersächsische Universitäten wie die in Göttingen und Osnabrück bieten ein vergleichsweise gutes Betreuungsverhältnis. Die Uni Bochum oder die TU Dortmund schneiden eher schlecht ab. Allerdings trägt gerade Nordrhein-Westfalen eine besondere Last: Jeder vierte Student studiert in diesem Bundesland.

Betreuer, dringend gefragt © ZEIT-GRAFIK/Quelle: Statistisches Bundesamt Studierende pro Professor

Das Fächerspektrum

Doch es gibt auch Unterschiede innerhalb eines Bundeslandes. Warum ist das Betreuungsverhältnis an der Uni Köln so viel schlechter als jenes an der nur wenige Kilometer entfernten Uni Bonn? Der Kölner Uni-Rektor Axel Freimuth erklärt dies vor allem mit dem Fächerangebot. Das Fach Betriebswirtschaftslehre etwa, für das in Köln über 2.500 Studenten eingeschrieben sind, schlage besonders negativ zu Buche: Hier müsse ein Professor mehr als 150 Studierende betreuen. Dass die Betreuungsrelationen in Massenfächern wie BWL, Jura oder Germanistik schlechter sind als in Mineralogie, Äthiopistik und Keilschriftkunde, dürfte kaum überraschen. Damit lassen sich die Unterschiede zwischen einzelnen Unis aber nur zum Teil erklären. Unabhängig von der Studierendenzahl ist nämlich für zulassungsbeschränkte Studiengänge in der sogenannten Kapazitätsverordnung von vornherein festgelegt, in welchem Fach den Studenten welche Betreuungsverhältnisse zuzumuten sind. Dabei definiert der vom Ministerium festgesetzte Curricular-Normwert (CNW), wie viele Lehrveranstaltungsstunden notwendig sind, um einen Studenten auszubilden. In Nordrhein-Westfalen liegt er beispielsweise bei 1,9 für BWL, bei 3,6 für Informatik und bei 7,6 bei Tiermedizin. Bei Fächern mit einem hohen CNW geht man von einem großen Betreuungsaufwand aus - beispielsweise weil der Studienplan viele Seminare und wenige Vorlesungen vorsieht. Die Kapazitätsverordnung ist ein Überbleibsel aus den siebziger Jahren, aus der Zeit der großen Bildungsexpansion, als die Universitäten für die Massen geöffnet wurden. Sie soll dafür sorgen, dass die Kapazitäten der Universitäten maximal ausgereizt werden, sie ist aber auch Ursache eines frustrierenden Nullsummenspiels: Selbst wenn an einer Universität mehr reguläre Professuren für einen stark frequentierten, zulassungsbeschränkten Studiengang geschaffen würden, würde sich die Betreuungsrelation nicht verbessern - denn dann müsste die Universität auch mehr Studenten aufnehmen.

Die Personalstruktur

Das Betreuungsverhältnis ist auch ein Ergebnis der Personalstruktur und der Organisation einer Universität. Dass etwa die Leuphana Uni in Lüneburg, die als Stiftungsuniversität besondere Freiheiten genießt, mit einer Betreuungsrelation von 1 zu 45 gut abschneidet, hängt auch mit ihrem besonderem Studienmodell zusammen: Bachelorstudenten studieren dort an einem »College«, alle absolvieren gemeinsam ein Grundlagensemester und entscheiden sich danach für ein »Major«- und »Minor«-Fach. Hervorgegangen ist die Leuphana 2005 aus einer Fusion von Uni und Fachhochschule. »Wir hatten damals die Möglichkeit, eine Modelluniversität zu schaffen«, sagt der Präsident Sascha Spoun. Die Universität habe sich bewusst vom klassischen Lehrstuhlmodell abgewandt und sei eher angelsächsischen Vorbildern gefolgt, betont Spoun. »Wir haben verhältnismäßig viele Professoren, weil es für uns Priorität hat, in die Lehre zu investieren statt in Sekretariats- und Verwaltungsstellen.«

Die Universitätsmedizin

In Deutschland gibt es Einrichtungen, die heute den Rang einer Universität innehaben, aber ursprünglich im wahrsten Sinne des Wortes um ein Krankenhaus herum errichtet wurden. Die Universität Lübeck etwa hat sich von der Medizinischen Akademie zu einer Hochschule mit Universitätsstatus gewandelt, an der neben Medizin nun auch einige weitere Studiengänge wie Informatik oder Psychologie angeboten werden, oft in einem engen fachlichen Bezug zur Medizin. Zwei Drittel der Professoren sind nicht an der Uni, sondern am Klinikum beschäftigt.

Der Gesundheitsbereich ist ein sehr personalintensiver Bestandteil von Unis, zumal die Mitarbeiter nicht nur in Forschung und Lehre tätig sind, sondern auch Patienten behandeln. Die Betreuungsrelation ist hier außerordentlich gut. Deshalb stehen kleine Universitäten, bei denen die Medizin innerhalb des Fächerspektrums stark ins Gewicht fällt, besonders gut da. Die Universität in Ulm ist ein ähnlicher Fall: In den 1960er Jahren als Medizinisch-Naturwissenschaftliche Hochschule konzipiert, verbreiterte sich ihr Fächerspektrum erst nach und nach; die Medizinische Fakultät mit ihren mehr als 3.000 Studierenden hat auch hier nach wie vor eine besonders wichtige Bedeutung.

Die Stiftungsprofessuren

In Deutschland wächst die Zahl der Professuren, die von externen Geldgebern finanziert werden. Diese fallen nicht unter die Kapazitätsverordnung; sie kommen also on top. Nach einer Studie des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft gibt es die meisten Stiftungsprofessuren in Berlin und den südlichen, wirtschaftsstarken Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. Allein die Universität in der Finanzmetropole Frankfurt am Main zählt 30 für mindestens fünf Jahre gestiftete Professuren und 15 Stiftungsgastprofessuren, die eine kürzere Laufzeit haben.

Solche gesponserten Professuren sind eine Möglichkeit, die Betreuungsrelation zu verbessern. Sie sind allerdings kein Allheilmittel, um das Problem schlechter Betreuung dauerhaft zu lösen. Zum einen wird etwa ein Drittel der Stiftungsprofessuren nach Ablauf der privaten Förderung nicht von den Hochschulen übernommen und aus eigenen Haushaltsmitteln fortgeführt. Zum anderen sind nicht alle Fächer für außeruniversitäre Stifter gleich interessant. Besonders beliebt sind Stiftungsprofessuren in Wirtschaftsfächern. Da können sie dazu beitragen, in Massenfächern die Studienbedingungen etwas zu verbessern.

Aus DIE ZEIT :: 20.02.2014

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