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Betriebswirtschaftslehre an der Uni? - Ein kleiner Präzedenzfall mit großer Wirkung


VON CHRISTIAN SCHOLZ

Manchmal geschieht es, dass vermeintlich kleine Entscheidungen in einem kleinen Land eine grundlegende Bedeutung für das Ganze einer Sache bekommen können. Ein Beispiel ist der Umgang mit dem Fach Betriebswirtschaftslehre.

Betriebswirtschaftslehre an der Uni?© xy - Fotolia.comDie Betriebswirtschaftslehre bangt um ihre Existenzberechtigung an der Universität
Es wirkt wie eine normale Pressekonferenz. Thema: Umbau der Hochschullandschaft im Saarland entsprechend den Vorgaben des Wissenschaftsrates. Doch warum findet diese Veranstaltung in Berlin und nicht in Saarbrücken statt? Vielleicht weil es sich bei dem, was hier die Vertreter aus dem Saarland - Ministerpräsidentin, Präsident der Universität und Rektor der Fachhochschule - gemeinsam verkünden, um deutlich mehr handelt als um eine Petitesse aus dem kleinen Saarland.

Es geht um die Abschaffung der Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der Universität des Saarlandes und zwar nicht, weil sie schlecht arbeitet oder sich über zu geringes Interesse an Studenten beklagen kann. Nein, es geht um die generelle Frage, ob man überhaupt BWL auf universitärem Niveau braucht und ob sie nicht lieber an Fachhochschulen sowie Berufsakademien verlagert werden sollte.

Liest man das Gutachten des Wissenschaftsrates, so hat er dazu eine klare Meinung: Danach reichen weder gute Input/Output-Relationen noch explodierende Studentenzahlen, um die BWL an der Universität zu halten. Es geht auch nicht um wissenschaftliche Substanz: Der Wissenschaftsrat hat sich überhaupt nicht ernsthaft mit der betriebswirtschaftlichen Forschung und Lehre an der Universität des Saarlandes beschäftigt. Für ihn war die Frage nach der universitären Verankerungsnotwendigkeit der BWL bereits vorher mit einem klaren Nein beantwortet.

Der Wissenschaftsrat hat auch schon einen Vorschlag dafür parat, wie eine solche Ausgliederung stattfinden soll. Er plädiert dafür, BWL-Studiengänge als Teil der Fachhochschule unter der Bezeichnung "Business School" einzurichten. Damit meint er nicht etwa ein Modell wie die Weiterbildungseinrichtung der Universität Mannheim oder wie die Harvard Business School. Ihm schwebt eine als Gesamthochschule ausgelegte "Professional School" vor. Dort wird BWL auf praktische Fächer reduziert: Man lernt Buchführung und Bilanzierung, erfährt wie man Kosten kalkuliert, bekommt einen ersten Eindruck davon, wie viel Eigenkapital man für eine Unternehmensgründung braucht und wofür Unternehmenssteuern anfallen. Alles das sind praktische Dinge, die man in Unternehmen wissen sollte, für die man aber nach Ansicht des Wissenschaftsrates keine Universität braucht.

Jetzt wird es makaber: Diese Reduktion der betriebswirtschaftlichen Wissenschaft auf einige wenige Anwendungsfelder sieht man auch überdeutlich an den überall präsentierten Vorschlägen zu Reorganisationen von Hochschulen. Hier verkürzt sich das Denken mancher Hochschulleitungen oft auf das simple Zeichnen von Organigrammen ("Fakultätsneugliederung") und simple Einsparungsversprechen ("Budgetfestlegung"). Dass zur BWL unter anderem auch Themen wie Commitment, Führung, Globalisierung, High Performance Systeme, Marketing, Motivation, Organisationskultur, Personalmanagement, Medienmanagement, Risikomanagement, Ethik sowie systemisches Denken gehört und dass unter diesen Themen ein umfassendes Theoriegebäude liegt, verstehen offenbar die Lenker von Hochschulen ebenso wenig wie die selbsterklärten Vordenker im Wissenschaftsrat.

Ob allerdings Wissenschaftsrat, Wissenschaftsbeauftragte, IHK sowie diverse andere Protagonisten bis hin in die Universitätsspitze mit der Eliminierung einer universitären BWL wirklich im Interesse von Unternehmen und Gesellschaft handeln, muss bezweifelt werden: Denn ohne eine universitäre Bachelorausbildung fällt auch die universitäre Masterausbildung) in sich zusammen, da diese eine spezielle universitäre Bachelor-Grundlage voraussetzt, die etwas anderes (aber nicht "besseres") ist als das, was eine Fachhochschule liefert.

Spätestens dann bricht die Basis für den Führungsnachwuchs im oberen Management weg, wo man gerade gut ausgebildete Manager für Strategie, Nachhaltigkeit und Unternehmensplanung braucht. Die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland hängt demnach nicht nur von Mathematikern, Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und Technikern ab. Unternehmen brauchen auch Unternehmensführung und Mitarbeiterführung - und zwar nicht irgendeine, sondern eine, die sich auf dem internationalen State-of-the-art bewegt, aber zugleich auch die deutschen Besonderheiten kennt und nutzen kann. Genau das aber wird durch die Vernichtung der universitären BWL nachhaltig gefährdet.

Es gibt aber noch ein weiteres Argument, dass bereits bei der Auslagerung von BWL-Bachelor-Studiengängen ansetzt. Denn was passiert in diesem Fall mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs an der Universität? Eine wissenschaftliche Laufbahn im betriebswirtschaftlichen Bereich ist ohne universitären Bachelor und ohne universitären Master nicht machbar. Es kollabiert also auch die Promotionsstufe.

Genau deshalb jubeln Fachhochschulen über diese Initiative des Wissenschaftsrates: Denn wenn praktisch die ganze BWL nur mehr auf Fachhochschulniveau stattfindet, gibt es wenig Argumente, die Fachhochschule nicht auch mit Promotionsstudiengängen und Promotionsrecht auszustatten. Ob das alles angesichts internationaler Tendenzen in Richtung einer Verschärfung der Promotionsbedingungen vertretbar ist, muss bezweifelt werden.

Der Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft hat massiv gegen das geplante Vorgehen in Saarbrücken protestiert. Denn es geht hier um einen Präzedenzfall und bei weitem nicht nur um Saarbrücken: Denn wenn die Abschaffung einer echten BWL auf universitärem Niveau in Saarbrücken Wirklichkeit wird, jubeln weitere Universitätspräsidenten, weil ihnen die Kürzungsentscheidungen abgenommen werden, können sie doch die im Regelfall sehr große BWL als vorgegebenes Einsparpotenzial akzeptieren und "schlachten". Fächer wie Buchführung oder Controlling werden dann an die Fachhochschule "verschenkt", Studentenzahlen radikal reduziert und zukunftsweisende Forschungsfelder wie verhaltensorientiertes Management aufgelöst.

Natürlich muss gespart werden und jenseits der Pläne von Wissenschaftsräten sowie Hochschulleitungen bieten sich auch beachtliche Einsparalternativen an: Sie könnten an den explosionsartig anwachsenden zentralen Steuerungsstellen mit Ineffizienzgarantie ansetzen und bis zu einer Transparenzstrategie reichen, die über echte dezentrale Kostenverantwortung Betroffene zu Beteiligten macht. Aber das würde betriebswirtschaftliches Wissen zu Anreiz- und Steuerungssystemen bei denjenigen voraussetzen, die hierzu die Entscheidungen treffen, also auch im Wissenschaftsrat.

Zum Glück zeigen die geballten Proteste zumindest etwas Wirkung: So plant die Universitätsleitung in Saarbrücken jetzt statt "Business School auf Fachhochschulniveau" eine "Kooperationsplattform mit der Fachhochschule" sowie ein Zusammenlegen von BWL unter anderem mit Linguistik und Sport. Der Kampf um die Existenzberechtigung der BWL an der Universität ist damit zwar noch nicht gewonnen, aber auch noch nicht verloren. Er geht weiter.


Über den Autor
Univ.-Prof. Dr. Christian Scholz, Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, von 2010 - 2012 Dekan der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, Gründungsdirektor des MBA-Programms am dortigen Europa Institut/European Institute for Advanced Behavioural Management (EIABM) und Mitglied des Forschungsschwerpunktes Wissenschaftsökonomie des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung (BMBF).

Aus Forschung & Lehre :: Juli 2014

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