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Bierdeckel-Bologna

VON STEFAN KÜHL

Stutzt die Reform auf ein Minimum zusammen! Ein provokanter Vorschlag.

Bierdeckel-Bologna© suschaa - photocase.comDie Idee: Gekürzt passen die staatlichen Vorgaben für Bologna auf einen Bierdeckel
Die Idee: Die staatlichen Bologna-Vorgaben für die Hochschulen werden auf einen einzigen Satz beschränkt, der ohne Probleme auf einen Bierdeckel passt: »Das Studium an einer europäischen Hochschule ist grundsätzlich zweistufig mit einem ersten Abschluss nach frühstens drei Jahren zu gliedern.« Alles andere ist Sache der Hochschulen.

Der Grund: Die Bologna-Erklärung hatte eine Kernidee: die Einführung eines zweigliedrigen Studiums mit einem ersten Abschluss und einem darauf aufbauenden zweiten Abschluss. In der Umsetzung ist es vor allem in Deutschland zu einer Explosion von Regeln gekommen, die - weil man sie verpflichtend gemacht hat - den Hochschulen erheblichen Handlungsspielraum genommen haben. In der Bologna-Erklärung waren etwa folgende Verpflichtungen nicht enthalten: die Modulstruktur, in die alle Seminare, Prüfungen und Selbststudiumsphasen gebracht werden müssen; die Kompetenzbeschreibungen inklusive Lernzieldefinitionen, die für jedes Modul anzufertigen sind; die ECTS-Punkte, die zwar als Möglichkeit für den Transfer von Studienleistungen genannt wurden, jetzt aber Grundlage für die Studiengangsplanung aller Studierenden geworden sind.

Das Problem: Bei der Wahl der Veranstaltungen dominieren nicht mehr inhaltliche Fragen, sondern Überlegungen, wie die für den Studiengang nötige Punktzahl erreicht werden kann. Um die Studierenden durch das Gestrüpp der Regelungen zu lotsen, haben die Stellen in der Studienberatung und in den Prüfungsämtern erheblich zugenommen - und fehlen jetzt in der Lehre. Die Hochschulen erleben eine bis dato nicht gekannte bürokratische Verregelung ihrer Lehre.

Bierdeckel-Bologna Prof. Dr. Stefan Kühl
Die Umsetzung: Die durch die Reform angestrebten positiven Effekte - mehr Studienmobilität und weniger Studienabbrecher - werden allein durch die Einführung eines zweigliedrigen Studiums mit einem ersten Abschluss nach drei Jahren erreicht. Auch wenn die jetzigen Vereinbarungen in über 40 Staaten umgesetzt sind: Der Vorschlag lässt sich einfach verwirklichen, weil die Verpflichtungen auf ein gemeinsames Minimum reduziert werden. Ob darüber hinaus mit Modulen oder ECTS-Punkten gearbeitet werden soll, kann den einzelnen Staaten - besser noch - den einzelnen Hochschulen überlassen werden.

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Über den Autor
Prof. Dr. Stefan Kühl ist Professor für Soziologie in Bielefeld und Verfasser des Buchs »Der Sudoku-Effekt. Hochschulen im Teufelskreis der Bürokratie.«

Aus DIE ZEIT :: 10.05.2012

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