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Bierfest auf dem Friedhof

von Urs Willmann

Kein Ende der Spekulationen: Ein englischer Forscher glaubt, in Stonehenge die Grabstätte einer Führungsclique entdeckt zu haben.

Bierfest auf dem Friedhof© Gooseman - Fotolia.comStonehenge gibt auch Archäologen immer wieder Anlass zu neuen Spekulationen
Heutzutage ist jeder Felsbrocken flugs überall. Ein Anruf, und man bekommt für seine Küche eine Arbeitsplatte aus brasilianischem Sedimentgestein. Wer aber in der Bronzezeit Felsstücke kilometerweit durch die Gegend rollte, muss mit seinem Werk Besonderes beabsichtigt haben. Warum zerrten Menschen im dritten vorchristlichen Jahrtausend vier Tonnen schwere walisische Blausteine an einen 380 Kilometer entfernten Ort und arrangierten sie zu einem auffälligen Monument namens Stonehenge?

Ein ungeheurer Aufwand, geschätzt mehr als 22 Millionen Mannstunden. Auch aus diesem Grund bietet die in mehreren Phasen entstandene Anlage endlos Nahrung für Spekulationen. Hatten sich hier (Erich von Däniken) Außerirdische auf irdischer Spritztour verewigt? Köchelten Druiden ihre Zaubercocktails? Erfuhren Malade göttliche Heilung? Oder feierten gar Frühbriten wilde Orgien? Gewissen Konsens gibt es immerhin bei der Annahme, Stonehenge sei ein groß geratener astronomischer Kalender. Denn die 83 erhaltenen Brocken stehen etwa so in der Gegend von Amesbury in Wiltshire herum, dass man daraus die Zeitpunkte von Sommer- und Wintersonnenwende, von Frühlings- und Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche ableiten könnte.

Andere Archäologen vermuten, die zentrale Bedeutung erschließe sich aus der Geologie: Weil es sich bei den herbeigeschafften Blausteinen um Eruptivgestein, bei den ortstypischeren Sarsensteinen jedoch um das Produkt von Sedimentation handele, sei die Freiluftskulptur ein politisches Symbol. Zwei unterschiedliche Kulturen hätten sich zusammengefunden, ein Friede sei besiegelt und von Steinmetzen monumental symbolisiert worden. Andere Möglichkeit: Die Megalithen symbolisierten statt Harmonie Dissonanz: Dargestellt sei die Überlegenheit über einen vernichteten Feind.

Da Ahnen nie Gegendarstellungen schicken, ist jede Behauptung möglich. Archäologen und Hobbyexperten denken seit Jahrhunderten über die »hängenden Steine« (so lautet die Übersetzung des altenglischen Namens) nach. In Erinnerung an die bronzezeitlichen Pioniere schlugen Freiwillige im Jahr 2001 einen Brocken aus dem Gelände, zogen ihn über Land, verluden ihn auf ein Boot. Der experimentalarchäologische Kahn soff jedoch bei rauer See im Bristolkanal ab.

Der exakte Weg der Steine bleibt Geheimnis. Die jüngsten Spekulationen handeln von der Funktion der Anlage vor 5.000 Jahren. Damals seien hier die Toten einer herrschenden Elite dem Erdreich übergeben worden; Blausteine markierten den genauen Ort der Überreste. Zu diesem Schluss kommt der Archäologe Michael Parker Pearson nach der Analyse der Knochen von 63 Individuen, die dort bei Ausgrabungen gefunden wurden. Kreisförmig waren die Gebeine angeordnet; aus ihrer Lage lasse sich eine Art Machtstruktur innerhalb der Gemeinde herauslesen. Außerdem hat der Brite Siedlungsreste aus dem Umland von Stonehenge unter die Lupe genommen. Hochgerechnet ergeben die Resultate die Vermutung, dass 4.000 Menschen angereist waren, um innerhalb von zehn Jahren den Steingarten anzulegen.

Pearson bestätigt zudem, dass die Kreisanlage zum Feiern aufgesucht wurde. Was für Feste, das bleibt Stoff zum Spekulieren. Nachdem vor Jahren unweit das Grab des »Königs von Stonehenge« auftauchte, schockierte die Isotopenanalyse des Zahnschmelzes die britische Öffentlichkeit. Die vor mehr als 4.000 Jahren prunkvoll versenkten Gebeine gehörten einem einstigen »Alpenbewohner«. Den Daily Express machte dieser Befund besonders nervös. Was, wenn es sich bei Stonehenge um ein Zeugnis deutscher Ingenieurskunst handelte und die Krauts hier eine Frühform des Oktoberfests zelebriert hätten? Der Archäologe Tony Trueman beruhigte die Gemüter; er tippte auf einen Immigranten »höchstwahrscheinlich aus der heutigen Schweiz«. Zogen also nicht Bierdünste, sondern Duftschwaden geschmolzenen Käses um die heiligen Steine? Patriotische Briten suchen weiter nach endgültigen Antworten.

Aus DIE ZEIT :: 27.03.2013

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