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Bildung von der Bühne

 

Was darf der Staat, wo endet die Freiheit des Einzelnen? Der amerikanische Star-Philosoph Michael Sandel will aus Harvard-Studenten verantwortungsbewusste Elitebürger machen.

Bildung von der Bühne
Bevor er ins Scheinwerferlicht tritt, verharrt der Professor stets ein paar Augenblicke am Bühnenaufgang - wie ein Rockstar, der wartet, bis die Vorgruppe das Publikum warmgespielt hat. Diese Rolle übernimmt wie immer seine Assistentin. Sie bittet, die Reihen zu schließen - "Draußen warten noch viele Studenten!" - und erinnert an den Abgabetermin für die nächste Hausarbeit: Morgen 17 Uhr, Entschuldigungen werden nicht akzeptiert.

Dann betritt Michael Sandel, Professor für politische Theorie, die Bühne. Ein herzlicher Applaus begleitet ihn zum Katheder. Am taubenblauen Revers steckt ein Mikrofon, in der Hand hält er das Vortragsmanuskript. Er wird es in der kommenden Stunde kaum brauchen. Zu seinen Füßen übersetzt die Gebärdendolmetscherin für die Gehörlosen im Saal. Der erste Satz der Vorlesung ist sein Markenzeichen. Er lautet: "Stellen Sie sich folgende Situation vor..."

Und dann erzählt er zum Beispiel die Geschichte von Casey Martin, dem Golfstar mit der Knochenkrankheit, der gern mit einem Wagen von Loch zu Loch fahren möchte. Sollte er das nach Ansicht der Zuhörer dürfen - oder ist das Verbot des amerikanischen Golfverbandes gerechtfertigt?

"Justice" heißt der Kurs, "Gerechtigkeit". Michael Sandel lehrt ihn mit Unterbrechungen seit 1980. Auch in diesem Semester mussten einige Hundert Interessierte per Los abgewiesen werden, denn mehr als 1117 Zuhörer gehen nicht hinein ins Sanders Theater, den holzvertäfelten Festsaal der Harvard-Universität. Sandel ist der wohl beliebteste Dozent der Elite-Hochschule in Cambridge, sein Kurs legendär. Drei Viertel aller Erstsemester besuchen ihn. Zwei Studentengenerationen haben den schmalen Mann mit dem schütteren Haar über Aristoteles und Kant dozieren hören. Sie haben die grundlegenden Schriften von John Stuart Mill oder John Rawls studiert und sich in Essays mit einigen der wichtigsten Fällen der amerikanischen Rechtsgeschichte auseinandergesetzt. Und immer ging es um die ewigen Fragen der politischen Philosophie: Was darf der Staat? Wo endet die Freiheit des Einzelnen? Zählt die Würde eines Menschen mehr als sein Leben?

Ebenso groß wie die Themen sind die Ziele der Vorlesung. Sandel will seine Studenten in die Lage versetzen, ethisch begründete Entscheidungen zu treffen - im Beruf, als Wähler, im Leben. Der Kurs ist das Paradebeispiel der amerikanischen Liberal Arts Education. Und er zeigt, wie lebendig auch eine Massenveranstaltung mit über 1000 Teilnehmern sein kann.

In Universitäten wie Harvard müssen alle Studenten, egal in welchem Fach sie später ihren Schwerpunkt legen, ein Drittel ihrer Kurse im sogenannten Kerncurriculum ablegen, einer Art um fas sen den Studium generale, das traditionell geistes wis senschaftlich geprägt ist. Denn das amerikani sche College will nicht in erster Linie zum Arzt, Lehrer oder Manager ausbilden, sondern zum gebildeten Individuum und kritischen Bürger.

"Samenspender gesucht, mit einem IQ über 130"

Das gelte besonders für Einrichtungen wie Harvard, welche die Politiker, Wirtschaftslenker und Intellektuellen von morgen ausbilden, sagt Sandel. Er versteht die Universität als moralische Anstalt - und sich selbst als eine Art Präzeptor künftiger Eliten. Die seien in diesem Alter noch bildungsfähig: "Mit 18 oder 19 Jahren hungert man nach Antworten."

"Samenspender gesucht: athletisch, attraktiv, mit einem IQ über 130". Auf der Riesenleinwand hinter dem Dozenten erscheint eine Anzeige aus dem Crimson, der Studentenzeitung der Universität. "Wer findet es richtig, dass Männer gegen Geld ihre Fortpflanzungskraft verkaufen?", fragt Sandel in die Runde. Fast alle Hände gehen nach oben. Die Dienstleistung erfordere keine Mühe, erklärt ein Student unter dem Gelächter der Kommilitonen, und einen Verstoß gegen die Menschenwürde könne er auch nicht erkennen. Wie aber sehe es aus, wenn Frauen ihren Körper für unfruchtbare Paare zur Verfügung stellten, hakt Sandel nach. Der Saal verdunkelt sich, ein kurzer Film zeigt den Fall einer Leihmutter, die während der Schwangerschaft ihre Meinung änderte und ihr Kind nach neun Monaten nicht abgeben wollte. Hat sie das Recht dazu?

Nun kommt Schwung in die Debatte. Die Helfer, die überall im Hörsaal mit Mikrofonen postiert sind, eilen durch die Reihen. Vertrag ist Vertrag, meint ein Student und plädiert für das Recht der Auftraggeber auf ihre Ware. Eine Studentin hält dagegen: Ein Kind könne man nicht kaufen; deshalb sei der Vertrag von vornherein nichtig gewesen. Der Kauf sei gar nicht entscheidend, argumentiert ein Dritter. Wichtig sei allein das Wohl des Kindes. Sandel lässt die Diskussion eine Zeitlang laufen. Dann steuert er die Richterentscheide zu dem Fall bei, der bis zum amerikanischen Verfassungsgericht ging - und schlägt am Ende den Bogen zum Eigentumsbegriff von John Locke.

Jeder ambitionierte Hochschullehrer versucht, einen trockenen Stoff mit Beispielen zu würzen. Michael Sandel hat diese Methode zur Kunstform entwickelt. Mit immer neuen ethischen Dilemmata fordert er das Urteilsvermögen des Auditoriums heraus. Dass nicht gelehrte Bücher allein, sondern Erfahrungen das Moralempfinden prägen, beweist er, indem er seine Zuhörer zum Erzählen auffordert. Das Selbstbewusstsein der Harvard-Studenten garantiert ihm, dass sich stets genug Freiwillige auf einen Dialog einlassen. Auf die Frage nach Studenten, die in der Armee gedient haben, meldet sich eine junge Frau aus Israel. "Great!", ruft Sandel. "Sag du uns, warum ein Staat seine Bürger zum Militär verpflichten darf."

Ergänzt wird die Mammutvorlesung durch Arbeitsgruppen. Insgesamt 60 von Doktoranden geleitete wöchentliche sections vertiefen den Stoff und bereiten die Studenten auf die Pflichtessays und das Schlussexamen vor. Diese Grundstruktur des Kurses ist über die Zeit gleich geblieben. Doch Sandel hat die Beispiele und Methoden verfeinert. Vor ein paar Jahren hat er das Internet entdeckt, und seither gehört seine Kursseite zu den besten des Landes. Alle Texte finden sich hier, außerdem regelmäßige Meinungsumfragen aus dem "Justice"-Forum. Zwischen 200 und 300 Studenten beteiligen sich jede Woche und debattieren zum Beispiel, ob Quoten für Schwarze oder Latinostudenten (affirmative action) legitim sind und ob auch die Wirtschaft eine Moral haben sollte. Sandel meint, unbedingt müsse sie das. Das anything goes der Marktapologeten ist ihm ein Graus. Ihm missfällt die Staatsfeindschaft sowohl der liberalen als auch der konservativen Denker in Amerika. Liberalism and the Limits of Justice heißt sein Hauptwerk, gerichtet gegen den liberalen Vordenker John Rawls. Er schrieb es mit 29, zwei Jahre nachdem er als einer der jüngsten Professoren nach Harvard kam. Längst, sagt Sandel, gefährde die Verherrlichung von Freiheit und Individualismus die amerikanische Demokratie. Ohne ein Minimum an Bürgersinn sei eine moderne Gesellschaft nicht lebensfähig. Damit erweist er sich als Vertreter des Kommunitarismus, auch wenn er selbst den Begriff nicht mag. Lieber bezeichnet er sich als Anhänger einer public philosophy, einer Philosophie, welche die Gemeinschaft stärkt, auch dadurch, dass sie in der Öffentlichkeit agiert.

Er hat seinen Kurs filmen lassen und ins Internet gestellt

Im persönlichen Gespräch wirkt der Mann unscheinbar, fast schüchtern. Er braucht den Auftritt in der Öffentlichkeit, ist viel auf Vortragsreisen, schreibt Zeitungsartikel. Auch wenn er alles andere als ein Republikaner ist, schlug er die Einladung in den Bioethikrat von Präsident George W. Bush nicht aus. Vier Jahre arbeitete er mit an Empfehlungen zu Sterbehilfe und Nanotechnologie, zur Stammzellforschung und zum Klonen. Diese Erfahrung ließ Sandel einfließen in sein neuestes Buch The Case Against Perfection, ein Plädoyer gegen den Machbarkeitswahn der Biotechnologie. Er warnt darin vor einer "Eugenik des Marktes" und vor Eltern, die ihre Kinder als defizitäre Wesen betrachten, die es mit Hilfe von Hormonen oder genetischen Korrekturen zu optimieren gelte.

In seinen Vorlesungen jedoch gibt er seine eigene Meinung nur dosiert preis. "Die Studenten sollen sich selbst ein Urteil bilden", lautet das Credo seiner Bürgerkunde. Von dem Erfolg ist er überzeugt. "Viele Studenten sagen, der Kurs hätte ihre Sicht der Dinge verändert." Davon sollen künftig noch mehr profitieren: Um sein Auditorium zu erweitern, hat Sandel vor ein paar Jahren den gesamten Kurs filmen lassen und ins Internet gestellt. Jeder Harvard-Absolvent kann sich hier einschreiben, und 5000 Alumni haben schon von dem Angebot Gebrauch gemacht. Bald soll eine Fernsehserie folgen. Sein größtes Projekt jedoch heißt "Justice Global". Er träumt davon, mit indischen Studenten über affirmative action zu diskutieren oder mit Südafrikanern über Gerechtigkeit. Auch eine deutsche Beteiligung schließt er nicht aus.


Michael Sandel
Michael Sandel ist einer der populärsten und einflussreichsten Hochschullehrer der USA. Rund 15 000 Studenten haben seine Einführung in die politische Philosophie ("Justice") gehört. Wie viele amerikanische Universitätslehrer versteht Sandel sich als öffentlicher Intellektueller, der seine Meinung in Büchern und Zeitungen vertritt. Vier Jahre lang arbeitete er außerdem für Präsident George W. Bush als Berater in bioethischen Fragen.

Seine Idee
Als politischer Philosoph gehört Sandel zu den Kommunitaristen in den USA. Sein Werk "Liberalism and the Limits of Justice" gilt als eines der Gründungswerke dieser kapitalismuskritischen Denkschule. Nicht das freie Individuum steht im Mittelpunkt dieser Theorie, sondern der Bürger, der in verschiedene Gemeinschaften (Familie, Nachbarschaft, Staat) eingebunden ist. Sein Credo als Hochschullehrer: Die Universität soll den Studenten bilden, nicht auf einen Beruf vorbereiten.

Aus DIE ZEIT :: 28.02.2008

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