Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Biodiversität - gern gelobt, ungern gefördert


Das Gespräch führte Josephina Maier

Alle wollen die Biodiversität erhalten - aber das nötige Expertenwissen droht verloren zu gehen. Fragen an den Hamburger Zoologen Alexander Haas.

Biodiversität - gern gelobt, ungern gefördert© Sergey Korotkov - iStockphoto.comFrösche auf Borneo sind Forschungsschwerpunkt von Prof. Dr. Alexander Haas
DIE ZEIT: Wo liegt der Schwerpunkt Ihres Forschungsprojekts?

ALEXANDER HAAS: Wir erarbeiten auf Borneo einen Katalog der Froschlurche, in dem man unter anderem nachschlagen kann, welche Larve zu welcher Art gehört. Bei der Beschreibung von Fröschen werden die Larvalformen oft vernachlässigt. Wenn man ein Gebiet ökologisch erfassen will, ist das ein Problem - gefundene Kaulquappen sollte man auch einer Art zuordnen können.

ZEIT: Wer finanziert die Forschungsarbeit?

HAAS: Bisher die VW-Stiftung. Das Projekt war Teil eines Partnerschaftsprogramms mit Asien, in dem jeweils ein einheimischer und ein deutscher Wissenschaftler zusammenarbeiten und sich die Förderungsgelder teilen. Die Finanzierung läuft jetzt aus, weil die VW-Stiftung sich mit dem Programm auf Afrika konzentrieren will. Wenn ich es richtig verstanden habe, werden auch nur noch stark anwendungsbezogene Projekte gefördert.

ZEIT: Ist die Finanzierung Ihrer Arbeit gesichert?

HAAS: Bisher noch nicht. Ich hoffe, dass ich mit einem Antrag bei der DFG neue Gelder einwerben kann. Die Erfassung von Arten muss dafür allerdings in eine übergreifende Fragestellung eingebettet sein, es reicht nicht zu sagen: Ich will neue Arten entdecken. Das funktioniert eher so, dass man bei den Feldforschungen zum Projekt nebenher auch etwas Inventur betreibt, und dabei kann es passieren, dass man neue Tiere entdeckt. Ich wüsste gar nicht, welche Stelle in Deutschland ein rein taxonomisches Inventurprojekt finanzieren würde. National Geographic fördert Expeditionen, aber nur, wenn es sich dabei um eine aufsehenerregende Art oder ein besonderes Gebiet handelt.

ZEIT: Haben Ihre internationalen Kollegen ähnliche Probleme mit der Forschungsförderung?

HAAS: Wissenschaftler aus den USA haben auch ihre Schwierigkeiten, zumindest, was Amphibien betrifft. Ich weiß von einer Gruppe, die demnächst einen Antrag an die National Science Foundation stellen will. Wir schätzen, dass allein in den Regalen von Museen etwa 500 neue Froscharten der Einordnung harren - aber die genaue Beschreibung und Veröffentlichung der Daten kommt nicht voran, weil es dafür keine Förderung gibt.

ZEIT: Leidet die Taxonomie an einer Imagekrise?

HAAS: Es gibt eine starke Diskrepanz zwischen dem, was propagiert wird, und dem, was umgesetzt wird. Das Thema Artenschutz kommt in der öffentlichen Wahrnehmung sehr positiv an. Auch auf der politischen Ebene gab es in den vergangenen Jahren Fortschritte. Das Bundesumweltministerium und die Deutsche Forschungsgemeinschaft haben zum Beispiel Broschüren verfasst, in denen sie sich mit dem Thema Biodiversität auseinandersetzen. Der politische Wille zeichnet sich also ab - aber gleichzeitig gibt es immer noch keine gezielten Fördermittel für die Inventarisierung und Beschreibung der Arten auf unserer Erde.

ZEIT: Warum haben es ausgerechnet diese beiden Disziplinen so schwer?

HAAS: Die Probleme sind sehr vielschichtig. Ein Beispiel dafür ist die Biopiraterie. Viele Nationen, gerade in den Tropen, haben Bedenken, wenn Wissenschaftler von außerhalb kommen und Tiere und Pflanzen aus ihrem Land ausführen wollen. Das ist völlig berechtigt. Daher ist es sehr wichtig, mit den Leuten vor Ort zu kooperieren und vertragliche Abkommen zu schließen. Es erfordert viel Geduld und vertrauensbildende Prozesse, um Inventurprojekte international zu verankern.

ZEIT: Wie könnte man die Mittel beschaffen für bessere internationale Kooperationen?

HAAS: Wenn ich sehe, wie viel Geld in Projekte wie den Teilchenbeschleuniger LHC fließt, denke ich manchmal, wir bräuchten einfach eine bessere Lobbyarbeit. In Genf arbeitet ein riesiges Konsortium internationaler Wissenschaftler für den Erkenntnisgewinn. Wieso klappt das bei der Erfassung der Artenvielfalt nicht? Wir haben die wichtige Frage zu klären, welche Arten auf der Erde leben. Der finanzielle Aufwand ist überschaubar, aber der langfristige Nutzen scheint die potenziellen Geldgeber noch nicht zu überzeugen.

ZEIT: Worin liegt denn der konkrete Nutzen, zum Beispiel Ihres Forschungsprojekts?

HAAS: Ich betreibe Grundlagenforschung, die in erster Linie erkenntnisorientiert ist. Nutzlos ist sie trotzdem nicht: Viele Hautsekrete von Fröschen sind von großem pharmakologischem Interesse. Sie wirken antibakteriell oder schmerzlindernd. Welche Art für den Menschen wichtig ist, lässt sich nicht vorhersagen. Dennoch gehen wir ein großes Risiko ein, wenn wir so viele Arten einfach aussterben lassen. Mir ist klar, dass wir nicht alles unter Schutz stellen können. Die Frage lautet vielmehr, wie können wir möglichst viele der Arten retten? Das gelingt nur, wenn wir zuerst die Gebiete mit der größten Biodiversität bewahren. So erhalten wir auch am wahrscheinlichsten die Arten, die einen wirtschaftlichen oder pharmakologischen Nutzen haben könnten. Das wiederum ist erst möglich, wenn wir wissen, wo diese Stellen liegen.

ZEIT: Was muss passieren, damit es für die Taxonomen wieder aufwärtsgeht?

HAAS: Ich habe das Gefühl, dass sich das Image in den letzten fünf, zehn Jahren schon etwas verbessert hat. Es wird langsam klar, dass man auf die Expertise von Taxonomen nicht verzichten kann. Es gibt einige gute nationale und internationale Organisationen, die auf das Nachwuchsproblem und den Verlust von Expertenwissen aufmerksam machen. Viele Lehrstühle für Systematische Biologie wurden im Verlauf der letzten 20 Jahre nicht mehr mit Systematikern besetzt, die Universitäten haben sich aus der Nachwuchsförderung auf diesem Gebiet zunehmend zurückgezogen. Die großen Forschungsmuseen sind fast die einzigen Orte, die heute noch Taxonomen ausbilden.

ZEIT: Wie könnte ein modernes Inventurprojekt aussehen?

HAAS: Sinnvoll wäre eine Bündelung der Forschungsaktivitäten in großen Zusammenschlüssen. Ein Gremium sollte sich nicht entscheiden müssen, ob es die Erfassung der Käfer oder die der Amphibien fördert. Wir brauchen Konsortien von Wissenschaftlern, die sich auf ein kritisches Gebiet konzentrieren und die Inventur zusammen angehen, gemeinsam mit Institutionen, die das fördern, und in enger Kooperation mit den Ländern, in denen die Untersuchungsgebiete liegen. So kann man die Ressourcen teilen, Feldstationen und Logistik gemeinsam nutzen und die Ergebnisse in einem größeren Kontext bewerten.

Aus DIE ZEIT :: 12.02.2009

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote