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Biotechnologie in Deutschland: Gesetze statt Sonntagsreden

Von Holger Bengs und Mai Lan Phan

Die Biotechbranche stagniert, der Kapitalmarkt für Hightech-Biotechunternehmen trocknet aus - das Jahr 2013 war durchwachsen für die deutsche Branche. Dennoch werden biotechnische Verfahren beim Wandel zu einer biobasierten Wirtschaft zunehmend wichtiger.

Biotechnologie in Deutschland: Gesetze statt Sonntagsreden© alphaspirit - Fotolia.comZur Stärkung des deutschen Marktes der Biotechnologie bedarf es gesetzlich verankerter finanzieller Unterstützung
Die Biotechbranche tritt in Deutschland auf der Stelle.1-3) Die Zahl der Unternehmen und Beschäftigten ist im letzten Jahr im Vergleich zum Jahr 2012 um 1% beziehungsweise 2% gesunken, der Branchenumsatz und die Ausgaben für Forschung und Entwicklung 6% beziehungsweise 7% (Tabelle). Mit 325 Mio. Euro eingeworbenem Kapital setzt sich der Aufwärtstrend vom Vorjahr zwar fort, die Summe liegt insgesamt aber noch immer unter dem Niveau vor der Finanzkrise. Damals haben Biotechunternehmen durchschnittlich 500 Mio. Euro frisches Kapital pro Jahr mobilisieren können - und dies war schon wenig.3)

Der aktuelle Deutsche Biotechnologie-Report des Wirtschaftsprüfungsunternehmens EY, "1% für die Zukunft - Innovation zum Erfolg bringen", weist die Schwankungen der letzten Jahre als Einmaleffekte aus.4) So hatte etwa die auf die Entwicklung von antiviralen- und antibakteriellen Wirkstoffen spezialisierte Aicuris aus Wuppertal im Jahr 2012 eine hohe Vorauszahlung verbucht. Tendenziell befinden sich die Unternehmen eher im Überlebens-, denn im Wachstumsmodus. Staatliche Forschungsförderung ist gut, aber insgesamt zu wenig, wenn es der einzige Kanal für Kapital ist. Zu wenige Produkte kommen am Markt an. Grund dafür ist eine gestörte Kapitalnahrungskette. Für Siegfried Bialojan, Leiter des Life Science Centers Mannheim und Verfasser der Studie ist das "ein klarer Fall von Marktversagen".

Biotechnologie in Deutschland: Gesetze statt Sonntagsreden © Nachrichten aus der Chemie Fakten zur deutschen Biotechbranche.3)
Es mangelt an Kapital zur Anschlussfinanzierung nach der Start- und Seedphase. Auch die Bereitschaft der Risikokapitalunternehmen sinkt mangels Weiterverkaufsoption: Seit dem Jahr 2006 gab es hierzulande keinen Börsengang mehr. Im Widerspruch dazu scheint das Stimmungsbarometer der Branche zu stehen.5) 95 Prozent der im Januar befragten Biotechunternehmen beurteilen ihre aktuelle Geschäftslage als gut oder besser. Die Umsätze sollen sich positiv entwickeln, und sie wollen Personal einstellen. Beim Thema Kapital allerdings hofft die Branche auf die Versprechen der Bundesregierung sowie auf die nationale und internationale Implementierung der Bioökonomie.5) Hier herrscht auch viel Zweckoptimismus.

Ein Prozent für die Zukunft

Holger Zinke, Gründungsvorstand von Brain aus Zwingenberg, einem Unternehmen der industriellen Biotechnologie, und Claus Kremoser, Vorstand der Heidelberger Phenex Pharmaceuticals, zeigen zusammen mit EY einen neuen Ansatz: Mehr Kapital für offene Hightech-Fonds soll durch staatliche Anreize von privaten und institutionellen Anlegern kommen. Der Staat - so die Idee - verzichtet auf die Kapitalertragssteuer. Die Limitierung auf maximal 1% des Geldvermögens begrenzt das Risiko. Der kurzfristige Verzicht erfolgt zugunsten einer langfristigen volkswirtschaftlichen Perspektive mit sprudelnden Steuern florierender Unternehmen in der Zukunft. Zweifel an der Logik kann es im Grunde nicht mehr geben, denn die Biotechnologie wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Hightech-Strategie als ein Wachstumsmotor unseres Wohlstands festgelegt.6)

Bioökonomie

Die Bioökonomie - die Biologisierung klassischer Industrien - ist im Alltag präsent. Dies erwies sich Anfang April auf der Hannover Messe. Unter dem Motto "Schaufenster Bioökonomie" zeigten etwa BIO Deutschland, die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe und der Cluster Biopro aus Baden-Württemberg, wie unsere Welt im Jahr 2030 aussehen könnte. Ein Zukunftsparcours illustrierte die Wohn-, Arbeits-, Mobilitäts-, Produktions- und Recyclingtrends. Immer dabei: die Biotechnologie.8) Ein Höhepunkt war der Rennwagen Biorocco aus biobasierten Kunststoffen und mit Biokraftstoff betrieben von Smudo, Frontmann der Fantastischen Vier.

Ausblick und Appell

Die Ein-Prozent-Idee ist gut. Die Förderung von Hochtechnologien ist ein Standortfaktor für Deutschland. Mit der Förderung von Forschung allein geht es nicht mehr.7) Medikamente müssen geprüft und neue Biokraftstoffe produziert werden. Klinische Studien sowie Pilot- und Produktionsanlagen sind aber teuer. Warum also nicht staatlich eingreifen? Andere Nationen sind da nicht so zimperlich. Und wieso nicht die von Niedrigzinsen Enttäuschten ermutigen, einen Teil in unser aller Zukunft zu investieren? Sind das Subventionen? Nein. Hier geht es um die Zukunft auf einem komplexen und sehr kompetitiven Weltmarkt. Dazu brauchen wir auch die von der Bundesregierung favorisierten Schlüsseltechnologien. Nun sind die Politiker gefragt - mit Gesetzesvorlagen statt Sonntagsreden.

Literatur und Anmerkungen
1) www.biotechnologie.de, Biotechnologie-Firmenumfrage 2014.
2) Bio Deutschland, Pressemitteilung, 9.4.2014.
3) www.ey.com, EY, Deutscher Biotechnologie-Report 2014.
4) Ernst & Young hat sich in EY umbenannt.
5) BIO Deutschland und transkript, Stimmungsumfrage, Jan. 2014.
6) www.hightech-strategie.de.
7) www.biconsortium.eu/media-gallery, Bio-based Industries Consortium, Realising the bio-based economy potential in Europe, Feb. 2014.
8) Bio Deutschland, Pressemitteilung, 7.4.2014.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Juni 2014

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