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Biotechnologie: Farbenspiel mit Innovationsfaktor


Von Anke Wilde

Sie ist eine der Branchen mit dem höchsten Innovationspotenzial, zugleich erfährt sie eine große Unterstützung durch die Politik und die öffentliche Hand: die Biotechnologie. In vielen Bereichen ist sie seit Jahren auf dem Vormarsch, nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Landwirtschaft, der Umwelttechnik, der Abfallwirtschaft. 552 Unternehmen sind bereits am Markt. Hinzu kommen noch 126 Biotech-Unternehmen beispielsweise aus der Pharma- und Chemiebranche, die zumindest teilweise auf biotechnologische Verfahren setzen. Ein Statusbericht zur Biotechnologie-Branche in Deutschland.

Biotechnologie: Farbenspiel mit Innovationsfaktor© sebastianreuter - Fotolia.comDie Biotechnologie bleibt mit ihrem hohen Innovationsfaktor weiter auf dem Vormarsch
Dabei gehört die Biotech-Branche mit knapp 34.000 Beschäftigten alles andere als zu den großen Arbeitgebern in Deutschland, selbst wenn man noch die knapp 31.000 in diesem Bereich Beschäftigten aus Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen hinzuzählt. Doch der Umsatz der ausschließlich auf Biotechnologie setzenden Firmen wächst stetig. Trotz der Wirtschaftskrise lag er 2011 bei 2,6 Milliarden Euro und damit zehn Prozent über dem Vorjahreswert, heißt es in der vom Bundesforschungsministerium (BMBF) georderten Studie "Die deutsche Biotechnologiebranche 2012", die jährlich von der Plattform www.biotechnologie.de erstellt wird.

Auch nach Einschätzung der stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Vereinigung deutscher Biotechnologie-Unternehmen (VBU), Dagmar Schwertner, ist die momentane Situation "an sich recht gut." Viele Unternehmen hätten sich inzwischen etabliert, regelmäßig gebe es Neugründungen, wenn auch nicht sehr viele. Die meisten davon seien Ausgründungen von Universitäten. Ein Wermutstropfen ist für Schwertner allerdings die Finanzierung kleiner Biotech-Unternehmen - die Geldgeber seien durch die Wirtschaftskrise noch zögerlicher geworden. "Große Unternehmen steigen immer später in Neuentwicklungen ein, mit dem Effekt, dass das Forschungsrisiko in erster Linie bei den kleinen Betrieben oder in der Forschung selbst liegt."

Die BMBF-Studie bestätigt diese Finanzierungskrise. Flossen im Jahr 2010 noch rekordhafte 700 Millionen Euro an frischem Geld in die Branche, so schrumpfte dieser Wert im vergangenen Jahr auf magere 187 Millionen Euro. Vor allem die Geber von Wagniskapital machten sich rar.

Relativ konstant geblieben sind dagegen die Forschungsausgaben der Branche: fast eine Milliarde Euro pumpten die Unternehmen 2011 in Forschung & Entwicklung. Hinzu kommen die Förderungen für Hochschulen und Forschungseinrichtungen, mit denen vor allem die Grundlagenforschung unterstützt wird. Satte 3,4 Milliarden Euro aus der öffentlichen Hand standen im vergangenen Jahr zur Verfügung, dazu kamen noch 1,4 Milliarden Euro an Drittmitteln.

Immer mehr biotechnologische Verfahren in der Industrie

Zu den aufstrebenden Zweigen gehört vor allem die industrielle oder auch weiße Biotechnologie. Die ist vom Namen her in der Bevölkerung zwar noch relativ unbekannt, doch ihre Produkte stehen längst schon im Warenregal - oder können an der Tanksäule in Form von Biokraftstoff gezapft werden. Ihr größter Vorteil: einst unverzichtbare Erdölprodukte können durch nachhaltige Rohstoffe ersetzt werden.

Biotechnologie: Farbenspiel mit Innovationsfaktor Dagmar Schwertner ist stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung deutscher Biotechnologie-Unternehmen (VBU)
Bewirbt ein Hersteller von Kosmetikartikeln beispielsweise sein Duschgel mit Aussagen wie "Mit dem Besten aus Olivenöl und Milchprotein", dann kann es durchaus sein, dass Bakterien unverzichtbare Statisten im Produktionsprozess waren. In großen Bioreaktoren stellen die Mikroorganismen Enzyme her, die wiederum Fettmoleküle aus dem Olivenöl und Eiweißmoleküle aus der Milch an genau der gewünschten Stelle zerschneiden. Die gewonnenen Molekülschnipsel können ihrerseits neue chemische Verbindungen eingehen - im Falle des Duschgels beispielsweise mit genau der geschmeidigen Konsistenz, welche man im reinigenden Nass am liebsten mag.

Laut BMBF-Studie waren es vor fünf Jahren noch 36 Unternehmen, die sich der Herstellung von technischen Enzymen, neuen Biomaterialien oder spezifischen Produktionsprozessen widmeten. Inzwischen sind es schon 58, die sich am Markt behaupten - ungeachtet der großen Chemiekonzerne, die sich ebenfalls die neuen Verfahren zunutze machen. In ihrer Hightechstrategie geht die Bundesregierung davon aus, dass allein die weiße Biotechnologie in den nächsten zehn Jahren ihren weltweiten Umsatz von heute 50 Milliarden Euro auf 300 Milliarden Euro vergrößern wird. Entsprechend hat sie im vergangenen Jahr die "Innovationsinitiative industrielle Biotechnologie" aufgelegt. 100 Millionen Euro will sie in den kommenden Jahren für strategische Partnerschaften zwischen Unternehmen und Wissenschaft bereitstellen.

Biotechnologie - ein Überblick

Die Biotechnologie ist in Deutschland einer der Branchen, von denen sich die Politik die meisten Impulse für Wachstum und Innovation erhofft. In der Forschung und bei der Entwicklung technischer Verfahren spielt sie eine immer größere Rolle. Enzyme, Proteine bis hin zu Mikroorganismen werden darin eingesetzt, um neue medizinische Wirkstoffe und neue Materialien für den täglichen Gebrauch zu entwickeln. Anhand von Farben wird das Anwendungsgebiet der Biotechnologie beschrieben.

Rote Biotechnologie
  • der weitaus wichtigste Zweig in Deutschland
  • umfasst den gesamten Bereich der Human- und Tiermedizin
  • Basistechnologien, die dafür nötig sind (z.B. Veränderung des genetischen Codes von Tieren, um die Zellprozesse, die sich bei einer Krankheit abspielen, zu verstehen).

Weiße Biotechnologie
  • in Deutschland auf dem Vormarsch
  • Einsatz von technischen Enzymen bis hin zu Mikroorganismen für neue Produktionsverfahren und Chemikalien
  • Anwendungsgebiete reichen von Biokraftstoffen über neue Waschmittel und Kosmetika bis hin zu Nahrungsmittelzusätzen

Grüne Biotechnologie
  • umstrittenste Form der Biotechnologie in Deutschland
  • Entwicklung von Pflanzen mit besonderen Eigenschaften für die Landwirtschaft
  • Überschneidung mit anderen Einsatzgebieten, z.B. pflanzliche Enzyme für medizinische oder industrielle Anwendungen

Rot dominiert die biotechnologische Farbenlehre

Der wichtigste Zweig in Deutschland ist jedoch die sogenannte rote Biotechnologie, welche den human- und tiermedizinischen Bereich abdeckt. Fast die Hälfte (47,9 %) aller reinen Biotech-Unternehmen sind vorrangig in diesem Bereich tätig. Bei der Behandlung schwerer Krankheiten vollbringen Biopharmazeutika geradezu Wunderwerke. So können bestimmte Arten der Leukämie endlich behandelt werden, indem gezielt genau die Gene ausgeschaltet werden, die mutiert sind und für die bösartige Vermehrung der weißen Blutkörperchen sorgen. Auch Diabetiker profitieren von der roten Biotechnologie. Ihr Insulin wird nicht mehr aus Schweineabfällen produziert, sondern mit Hilfe von Mikroorganismen.

Frank Mathias, Vorstandsvorsitzender der Interessenvereinigung für Biotechnologie im Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa bio), bescheinigt den Biopharmazeutika das Prädikat "Hoffnungsträger mit ausgebremsten Wachstumspotenzial." In dem Bericht "Medizinische Biotechnologie in Deutschland 2012", der im Auftrag seines Verbands jährlich durch die Boston Conculting Group erstellt wird, gibt er dem Gesetzgeber die Schuld für das Stagnieren des Umsatzes. Wichtigste Ursache sei die vor zwei Jahren verordnete Erhöhung des Zwangsrabatts von sechs auf 16 Prozent für gesetzliche und private Krankenkassen.

Dem vfa bio-Bericht zufolge lag der Umsatz 2011 bei 5,4 Milliarden Euro allein für gentechnische Medikamente. Das entspricht einem knappen Fünftel des Gesamtumsatzes der Pharmabranche. 197 gentechnische Präparate sind bisher in Deutschland zugelassen, von denen Hormone wie Insulin sowie Wachstums- und Geschlechtshormone den Löwenanteil ausmachen. Weitere sind im Kommen: Mehr als 550 Präparate mit deutscher Unternehmensbeteiligung befinden sich laut vfa bio-Bericht momentan in der Pipeline, das heißt, sie werden im Rahmen von klinischen Studien getestet. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Medikamenten gegen Krebserkrankungen, Infektionen und auf immunologischen Anwendungen. Unsicher ist dabei freilich, wie viele diesen Prozess erfolgreich überstehen. So wurden im Jahr 2011 gerade einmal vier neue Präparate zugelassen.

Grüne Gentechnik mit wenig Rückhalt

Einen eher schlechten Stand hat in Deutschland die Agrobiotechnologie, die sich mit der gentechnischen Veränderung von Pflanzen befasst. Laut BMBF-Studie sind nur vier Prozent der Biotech-Unternehmen in diesem Zweig tätig. Zu groß sind in der Bevölkerung die Befürchtungen über mögliche Gefahren. Zu Unrecht, sagen viele Wissenschaftler, die von dürreresistentem Mais träumen und von weniger düngemittelintensivem Reis, oder auch von Pappeln, die dem Boden giftige Schwermetalle entziehen. Grüne Gentechnik ermögliche eben auch umweltfreundliche Anbaumethoden, meint die Pflanzengenetikerin Barbara Reinhold von der Universität Bremen.

Auf der anderen Seite zeigen gerade die Diskussionen um die Geschäftspraktiken des Saatgutriesen Monsanto die Gefahren der Agrobiotechnologie auf. Kritiker befürchten unter anderem, dass durch den Konzern die landwirtschaftlich genutzten Sorten drastisch reduziert und Landwirte in eine dauerhafte Abhängigkeit gebracht werden. Barbara Reinhold wünscht sich darum eine wohlinformierte Debatte über transgene Pflanzen - "mit einem verantwortungsvollen Umgang seitens der Forscher und ohne Glaubenskriege fernab wissenschaftlicher Fakten."

Auch wenn die Debatte um die grüne Gentechnik in Deutschland eher gescheut wird und Politiker es lieber vermeiden, sich positiv über sie zu äußern - alles in allem erfährt die Biotechnologie in Deutschland eine immense politische Unterstützung. In ihrer Hightechstrategie wertet die Bundesregierung die Biotech-Branche als eine der Schlüsseltechnologien, die Lösungen bieten sollen für die Herausforderungen der Zeit und ohne die Innovationen kaum mehr denkbar seien. Neben ihr rangieren Wissenschaftszweige wie die Nanotechnologien, optische Technologien und Mikrosystemtechnik - allesamt Forschungsfelder, die sich mit den kleinsten nur vorstellbaren Entitäten befassen, und in denen eine Sekunde eine halbe Ewigkeit und ein Millimeter eine schier endlose Strecke ist. Es scheint, nicht nur der Teufel, sondern auch die Zukunft steckt im Detail.

academics :: Oktober 2012

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