Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Bitte Abstand wahren!

VON HANNES LEITLEIN

Das Verhältnis zwischen Doktoranden und ihren Betreuern sollte vertraulich sein. Doch oft mündet es in Abhängigkeit. Der Grund sind unübersichtliche Strukturen.

Bitte Abstand wahren!© cydonna - photocase.deDas Verhältnis von Doktorand und Betreuer ist häufig eher verkrampft als familiär - warum?
Doktoranden reden nicht gerne über ihre Doktorväter. Schon gar nicht während der Promotion. Denn sie sind ihren Professorinnen und Professoren ausgeliefert: Die Betreuer sind während der Promotion Vorgesetzte und später Richter über das Ergebnis, sie bestimmen über die Arbeitszeit, und auch auf das Geld des Lehrstuhls sind viele Doktoranden angewiesen. Ihr Erfolg und ihre Reputation hängen maßgeblich vom guten Willen der Doktorväter und -mütter ab. So familiär dieses Verhältnis im Deutschen also auch umschrieben wird - es ist verkrampft. Manchmal ist es sogar zerrüttet. So wie bei Elisa Fischer. Sie hat ihre Doktorarbeit nach eineinhalb Jahren abgebrochen. Ihren echten Namen will die Mittzwanzigerin nicht in der Zeitung lesen. Ihr Fachbereich sei zu klein, als dass sie es sich leisten könnte, ihren Doktorvater öffentlich anzugreifen. Obwohl sie allen Grund dazu hätte: Er betreut über zwanzig Dissertationen und eine Habilitation gleichzeitig - an zwei Fakultäten in verschiedenen Städten. »Seine Sprechstunde fand nur einmal im Monat statt«, sagt Fischer. »Und dann warteten gut dreißig Personen vor seinem Büro.«

Die Mühen der Promotion

Die durchschnittliche Promotionsdauer liegt in Deutschland in vielen Fächern bei deutlich über vier Jahren. Während dieser Zeit sollte der Fokus auf der Doktorarbeit liegen - das tut er aber nicht. Ein Großteil der Zeit wird für die Arbeit am Lehrstuhl verwendet. Für das, was Doktoranden leisten müssten, gebe es zu wenig Geld und zu wenig Zeit, sagt Anna Tschaut, Vorsitzende des Doktorandenvereins Thesis.

Wie sehen die Jobaussichten an den Hochschulen aus? Im Jahr 2014 wurden 28.000 Doktortitel vergeben. Um einen Promovendenjahrgang mit Posten an der Uni zu versorgen, müsste mehr als die Hälfte der 46.000 Professoren in Pension gehen. In der freien Wirtschaft zahlt sich die Promotion aber aus: Eine Hamburger Vergütungsberatung hat die Einkünfte von 60.000 Akademikern analysiert. Demnach verdienten Doktoren im Jahr 2015 fast 30 Prozent mehr als ihre Kollegen ohne Promotion.
Weil sie einige Zeit im Ausland war, kannte sie nach ihrer Rückkehr an der Fakultät niemanden mehr - also entschied sie sich für ihn und fing an zu forschen. Immer wenn sie ihn traf, habe er gesagt: »Jaja, machen Sie mal.« Elisa Fischer forschte weiter. Bis sie nicht mehr weiterwusste. Doch eine Hilfe war ihr Doktorvater nicht. Nach eineinhalb Jahren eröffnete er ihr, dass er das Thema irrelevant fand. Fischer entschied sich, die Dissertation abzubrechen, und reichte ihre Arbeit wie ursprünglich geplant als Masterarbeit ein - beim gleichen Professor. Acht Monate ließ er sich Zeit, dann gab er die Arbeit ohne Gutachten und mit einer mittelmäßigen Note zurück. »Ich bin nicht einmal sicher, ob er sie gelesen hat«, sagt Fischer. Als sie ihn darauf ansprach, sei er ausgeflippt. Er habe seinen Job doch gemacht. Womit er im Recht ist: In der Prüfungsordnung ist das Gutachten »eine Leistung, die erbracht werden kann«. Im Herbst trennten sie sich im Streit. Fischer verwarf ihre Dissertationspläne und fing an zu arbeiten. Noch immer klingt die Verzweiflung über diesen Schritt in ihrer Stimme mit. Der Professor weist im Gespräch mit der ZEIT die Vorwürfe zurück. Weder sei die Zahl seiner Doktoranden und Doktorandinnen ungewöhnlich hoch, noch seien diese unzufrieden. Im Gegenteil. An den Fall Fischer kann er sich allerdings nicht mehr erinnern. Wer auch immer recht hat, der Fall Fischer wirft ein Schlaglicht auf die Abhängigkeiten.

Durch die Modularisierung hat sich das Studium in den vergangenen Jahren zwar maßgeblich verändert, die Dissertation aber entspricht noch immer weitestgehend ihrer althergebrachten Form. Die Doktorarbeit gleicht einer Krönung, nicht einer dritten Etappe auf dem Weg zu akademischen Ehren. Die Reformen von Bologna sind kaum in das Patriarchat der Promotionen vorgedrungen. Professoren sind keine Pädagogen. Sie sind Forscher, das macht sie noch nicht zu guten Führungspersonen. Seminare oder Fortbildungen sind nicht vorgeschrieben. Für die Betreuung einer Dissertation qualifiziert sie die eigene Promotion - die nebenbei oft auch als einzige Referenz herhalten muss dafür, wie man eine Doktorarbeit schreibt.

Professoren bestimmen weitestgehend selbst, wie sie die Begleitung einer Dissertation gestalten und welche Priorität sie ihr beimessen. Vonseiten der Fakultäten wird wenig vorgeschrieben, oft begnügen sich die Parteien mit einer kurzen schriftlichen Vereinbarung, in der festgehalten wird, wie oft man sich zu treffen gedenkt und in welcher Regelmäßigkeit die Doktoranden einen Zwischenstand abliefern. In vielen Fällen begnügen sich die Professorinnen und Professoren aber mit noch laxeren Absprachen. »Den Professorinnen und Professoren ist nicht bewusst, welche Macht sie ausüben«, sagt Anna Tschaut. Die 36-Jährige ist Vorsitzende des Vereins Thesis, eines Netzwerks für Promovierende und Promovierte. Aus etlichen Gesprächen und auch aus eigener Erfahrung weiß sie um die Situation der Doktoranden, die oft noch sehr unsicher seien und jeden Nebensatz auf ihre Arbeit bezögen. Frisch graduierten Studentinnen und Studenten fehlt oft der nötige Überblick. Sie haben mit Bachelor und Master bewiesen, dass sie sich in ihrem Fach auskennen, noch überblicken sie jedoch nicht die gesamte Forschung. Auf welche Schule, Netzwerke und Seilschaften sie sich bei der Wahl des Doktorvaters oder der Doktormutter einlassen, werden sie erst im Laufe der Promotion herausfinden.

Doch die Namen sind auf Lebzeiten miteinander verknüpft. Wollen die Promovierenden in der Forschung bleiben, wird sich jede Erwähnung ihres Doktorvaters oder ihrer Doktormutter immer auch auf sie auswirken. Etwa der Name Notger Slenczka. Vor einem Jahr geriet der Berliner Theologieprofessor ins akademische Abseits. Er hatte behauptet: Das Alte Testament, der jüdische Teil der Bibel, sei für Christen nicht so wichtig wie das Neue. Er berief sich dabei auf große, schon verstorbene Theologen des 20. Jahrhunderts. Unter den Lebenden seines Fachs überzeugte seine These bisher allerdings niemanden. Fünf Professoren seiner Fakultät distanzierten sich per Erklärung von seinen Ansichten. Denn die Abwertung des Alten Testaments ruft den Vorwurf des Antisemitismus schneller auf den Plan, als man »jüdisch-christlicher Dialog« sagen kann. Slenczka bewege sich in ganz übler Gesellschaft, hieß es. Er begebe sich in die Nähe einer Theologie, die dem Holocaust Vorschub leistete. Der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit wertete Slenczkas Position als »Skandal« und »antijudaistisch«. Seither ist der 56-Jährige mit diesem Etikett behaftet und damit beschäftigt, es loszuwerden.

Seine Doktoranden sind froh, dass nach einem Jahr wieder etwas Ruhe eingekehrt ist. Namentlich in einer Zeitung wollen sie nicht erscheinen, und darüber reden wollen sie lieber auch nicht. Nur so viel: Die Aufregung sei merklich abgeflacht, und sie halten es für besser, es auch dabei zu belassen. Eine Doktorandin Slenczkas, die ausgerechnet über Hannah Arendts Liebesbegriff promoviert, meldet sich auf Anfragen erst gar nicht zurück. Wer will den Doktoranden das Schweigen verübeln? Sie haben anderes im Sinn, als sich mitten in der Promotion Ärger mit ihrem Betreuer einzuhandeln oder eine sich beruhigende Debatte erneut zu entfachen. Sie wollen das heikle Verhältnis nicht zusätzlich belasten. Von der Doktorarbeit - und damit auch von ihrem Betreuer - hängt ihre Zukunft ab. »Meine Doktoranden erlitten bisher schlicht keine Nachteile dadurch, dass ich ihr Doktorvater bin«, sagt Slenczka. Zumindest sei ihm kein Fall bekannt. An der oberflächlichen Beschäftigung mit seiner Person könne er nichts ändern. »Den Verdacht des Antijudaismus konnte ich bisher immer widerlegen«, sagt er. Der Versuch, seine Doktoranden aus der Debatte rauszuhalten, ist ehrenwert, offenbart aber umso mehr das Problem der akademischen Sippenhaft. Diese kann sich natürlich auch zum Nachteil der Professorinnen und Professoren auswirken. Die vielen aberkannten Doktortitel der letzten Jahre fielen ihnen ebenfalls auf die Füße. Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin, Annette Schavan - immer waren die Betreuerinnen und Betreuer verzweifelt darum bemüht, sich aus der Sache herauszuhalten.

Sosehr sich ihr Renommee im Normalfall aus erfolgreich zum Abschluss gebrachten Promotionen speist, so sehr werden ihnen die Plagiate zum Verhängnis oder auch die Karriere von ehemaligen Doktoranden. Die Öffentlichkeit fragt gnadenlos: Was sagt Jürgen Wolters, der Doktorvater von Bernd Lucke, zum Euro? Würde Georg-Friedrich Kahl, der ihre Promotion betreute, auch Frauke Petry wählen? Kein Wunder, dass weiter über Reformen nachgedacht wird. Der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013 kommt zu dem Schluss: Strukturierte Promotionsprogramme führen zu einer höheren Zufriedenheit mit der Betreuung gegenüber der traditionellen Form. Häufigere Treffen, konstruktive Rückmeldungen und Hilfe beim Zeitmanagement entlasten demnach das angespannte Verhältnis. Der Wissenschaftsrat hat 2013 ebenfalls eine Empfehlung abgegeben, und auch der Fakultätentag drängt auf Reformen. Graduiertenkollegs kommen nicht mehr ohne Seminare mit Titeln aus wie: »Konflikte bewältigen« oder »Wie manage ich meinen Doktorvater«. Allerdings richten sich diese Angebote immer an Doktoranden. Dass Führungskräfte entsprechende Seminare besuchen, ist in der Wirtschaft längst gängige Praxis. Die Forschung ist noch frei davon.

Anna Tschaut von Thesis empfiehlt Doktoranden, schon bei der Auswahl ihrer Betreuung genau hinzusehen, sich vorher zu informieren und klare Absprachen zu treffen. Etwa eine erste Sollbruchstelle einplanen, die es beiden Seiten nach etwas Zeit ermöglicht, aus der Betreuung auszusteigen. Außerdem bestehe die Möglichkeit, eine weitere Ansprechperson hinzuzuziehen und sogar die Betreuung vom Gutachten am Ende zu trennen. Jenen, die angesichts dieser Situation am Sinn einer Doktorarbeit zweifeln, macht die Thesis-Sprecherin dennoch Mut. Man kenne zwar weder die genaue Zahl derer, die auf ihren Doktor hinarbeiten, noch wisse man, wie viele ihre Promotion abbrechen, da die Zahlen erst seit März erfasst werden. Aber immerhin erreichten jährlich Tausende den höchsten akademischen Grad.

Aus DIE ZEIT :: 12.05.2016