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Bitte nicht hemdsärmelig!

VON ARIANE BREYER

Die Imageberaterin Birgit Wolf verbessert Stil und Auftritt fürs Bewerbungsgespräch.

Bitte nicht hemdsärmelig!© Mark Evans - iStockphoto.comBewerber kommen heutzutage mitunter in Freizeitkleidung zum Vorstellungsgespräch - und verschlechtern damit ihr Chancen
Wer wissen will, wie es um die Jobchancen junger Ingenieure bestellt ist, braucht sich nur auf einer Karrieremesse der Branche umzusehen. Zum Beispiel auf dem Recruiting-Tag des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) in Hanau. Neben meterhohen Anzeigen - »Wir stellen ein!« - stehen dort in tadelloser Businessbekleidung die Unternehmensvertreter und wirken nervöser als die Absolventen. Die scheinen den Kontakt zu ihren möglichen Arbeitgebern eher locker zu nehmen. Der Kandidat mit der selbstgedrehten Zigarette etwa klopft sich ein paar Tabakbrösel vom Jackett. Dann schultert er seinen Sportrucksack, der aussieht, als habe er ihm schon während einiger Trekkingtouren gute Dienste geleistet, und geht sich eine Arbeit suchen. »Das Outfit von Ingenieuren ist deutlich entspannter geworden«, klagt ein Unternehmensvertreter. Mitunter würden die Bewerber in Freizeitkleidung zum Vorstellungsgespräch für eine Projektleiterstelle erscheinen. »Wie Azubis!«

Vielleicht sind solche Beschwerden der Grund dafür, dass Birgit Wolf das Vortragsprogramm auf der Messe in Hanau eröffnet. Die 45-Jährige gehört zweifellos zu den am besten gekleideten Besuchern. Ihr Rock endet exakt unterm Knie, die Absätze sind gerade so hoch, dass die polierten Schuhe als Pumps durchgehen, die Kurzhaarfrisur ist frisch geschnitten. Überhaupt sieht alles an Birgit Wolf neu und frisch und akkurat aus. Dabei ist sie ziemlich erkältet, weshalb sie das Publikum im Voraus um Nachsicht ersucht, falls sie im Laufe der nächsten Stunde gezwungen sein sollte, sich zu räuspern. Ihr Thema: »Etikette für Ingenieure - Wegweiser zum perfekten Businessauftritt«. Birgit Wolfs Vortrag ist eine Art Benimmkurs für Arbeitnehmer. Denn das richtige Studium allein macht noch keine Karriere; wichtig sei auch, sagt Wolf, die gute Kinderstube. Nur wer sich einwandfreie Umgangsformen zu eigen gemacht habe, wirke souverän. Das Problem sei aber: Niemand glaube, selbst Nachhilfe nötig zu haben - schließlich werde man im Alltag selten auf unangemessenes Verhalten hingewiesen. »Die meisten Leute sind höflich genug, eine Übertretung nicht direkt zu melden.« - Die Kandidaten auf den Stehplätzen nehmen vorsorglich die Hände aus den Taschen.

Es gibt eine gewisse Widerwilligkeit, sich an Dresscodes zu halten

Die ersten sieben Sekunden entscheiden über den persönlichen Eindruck, und der wird hauptsächlich, nämlich zu 55 Prozent, vom Auftreten und vom äußeren Erscheinungsbild bestimmt. Grund genug für Wolf, den Oberflächlichkeiten mehr Aufmerksamkeit zu widmen: dem Krawattenmuster (»zurückhaltend ist gut«), dem Farbverlauf der Kleidung (»Rosa und Flieder nicht großflächig zum Einsatz bringen«), der optimalen Brillenform und der angemessenen Frisur. Als Wolf schließlich die Bedeutung der täglichen Rasur erwähnt, verlässt der Vollbärtige in der dritten Reihe den Saal. »Ingenieure genießen ein hohes gesellschaftliches Ansehen«, sagt Birgit Wolf später. »Zu diesem Selbstbewusstsein gehört manchmal aber auch eine gewisse Widerwilligkeit, sich an Dresscodes zu halten.« Die gelernte Diplom-Kauffrau aus Friedrichsdorf im Taunus machte vor fünf Jahren eine Weiterbildung zum Image-Coach. Seitdem berät sie Techniker auf Jobmessen und schreibt eine Stil- Kolumne im Branchenblatt der Ingenieure, den VDI-Nachrichten. Sie will den Ingenieuren nicht die Individualität austreiben - Karriere mache ohnehin nur, wer authentisch wirke, sagt sie. Es gehe ihr um Respekt. Und der lasse sich eben auch an Umgangsformen und Garderobe ablesen: Während sorglose Hemdsärmeligkeit auf Gleichgültigkeit schließen lasse, werde bei einer gepflegten Erscheinung Kompetenz und Ernsthaftigkeit unterstellt. Wolf hilft Bewerbern dabei, sich ihre Ausstrahlung bewusst zu machen.

Ingenieure müssen heute auch das Unternehmen repräsentieren

Meist sind es junge Frauen, die zu den individuellen Beratungsgesprächen nach ihrem Vortrag kommen - kleine, zierliche, die befürchten, in ihrem Männerberuf nicht für voll genommen zu werden. So wie Pinar Türen, eine angehende Bauingenieurin, die im Juni ihren Abschluss macht. Tatsächlich ginge die 24-Jährige mit den langen braunen Haaren auch als Abiturientin durch. Zu Bewerbungsgesprächen trägt sie Jeans, mit der Begründung: »Das sieht tough aus, schließlich muss ich später auf die Baustelle.« Wolf rät zur Anschaffung eines Hosenanzugs: »Sie müssen Ihre berufliche Kompetenz durch Ihre Kleidung unterstreichen.« Wer ernst genommen werden wolle, müsse entsprechende Signale aussenden. Dass diese Form der Kommunikation nicht immer die größte Stärke junger Ingenieure ist, bestätigt das Gespräch mit Personalchefs auf der Messe. Bewerber mit hervorragendem Technikverständnis finde man zuhauf, sagen sie. Aber das Berufsbild habe sich gewandelt: Ingenieure seien nicht mehr die Bastler im Hintergrund, sondern nähmen Schnittstellenfunktionen in den Unternehmen ein. »Qualifizierte Techniker, die Spaß an repräsentativen Aufgaben haben, sind selten«, sagt ein Personalreferent eines Unternehmens, bei dem derzeit 650 Jobs ausgeschrieben sind. Wenn Defizite im Auftreten der Grund für eine Ablehnung sind, erfahren die Bewerber das aber meist nicht. Seit der Einführung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes ist die Gefahr für Unternehmen zu groß, sich nach einem offenen Feedback mit Klagen herumschlagen zu müssen. Vielleicht ist der 31-jährige Chemieingenieur, der nach 200 Bewerbungsschreiben und zwanzig Vorstellungsgesprächen immer noch keine Stelle gefunden hat, so ein Fall. »Mein Professor sagt, die Bewerbungsunterlagen seien einwandfrei«, sagt er.

Höflich weist Birgit Wolf auf seinen knittrigen Anzug hin und die verdrehte Krawatte, die just am Knoten einen Fleck hat. Die Ausrede, eine regelmäßige Reinigung sei zu kostspielig, lässt sie nicht gelten. »Es wirkt, als hätten Sie sich nicht auf das Treffen mit der Firma vorbereitet.« Mit Blick auf die klobigen Konfirmandenschuhe rät sie zu einer Neuanschaffung, außerdem bemängelt sie die ausgewaschenen Socken. Die Idee, zwei Paar übereinander anzuziehen, um das Schwarz zu verstärken, weist sie freundlich zurück, bevor sie zu einer kurzen Farbberatung übergeht: Lieber ein dunkelblauer Anzug statt des braunen Modells, und auch der kanariengelbe Schlips sei bei blassem Teint die falsche Wahl. Kein weißes Hemd, das betone die Bartstoppeln: »Greifen Sie zu Hellblau.« Bevor sie sich mit Farben befasste, hat Birgit Wolf einige Jahre bei einer Bank Börsengänge begleitet. Die Angepasstheit der Banker lag ihr nicht, also nutzte sie die Geburt ihres zweiten Kindes zum Ausstieg aus der Branche. »Ingenieure sind da ganz anders«, sagt sie, »denen liegt die große Show nicht.« Im Grunde findet sie das ganz sympathisch.

Aus DIE ZEIT :: 31.03.2011

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