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Bitte zu Ende denken

Von Jan-Martin Wiarda

Das nationale Stipendiensystem könnte am Verwaltungsaufwand scheitern

Bitte zu Ende denken© Ferran Traite Soler - iStockphoto.comStipendien erhöhen den Verwaltungsaufwand an Hochschulen enorm
Viel wird über das geplante nationale Stipendiensystem gestritten, mit dem die schwarz-gelbe Koalition die Studenten beglücken will. Dabei streiten Gegner und Befürworter in seltener Eintracht am eigentlichen Kern des Problems vorbei. Die Grundidee des Programms besteht darin, dass der Staat nur die Hälfte des Geldes gibt, die andere Hälfte sollen Unternehmen und Privatspender beisteuern. Die 225 Millionen Euro pro Jahr, die das Bund und Länder anfangs kosten soll, würden künftig beim Bafög fehlen, sagen die Gegner des Systems. Von wegen, sagen die Befürworter, allen voran CDU-Bundesbildungsministerin Schavan und FDP-Chefbildungspolitiker Pinkwart, und halten dem die jüngst beschlossene Bafög-Erhöhung entgegen.

Stipendien seien grundsätzlich unsozial, kontern die Gegner, sie flössen jenen zu, die ohnehin privilegiert seien. Die Befürworter wiederum verweisen darauf, dass der Fonds im Unterschied zu bisherigen Stipendien gleichermaßen den im Schnitt sozial schlechter gestellten Fachhochschülern zugute kommen soll. So geht es - ziemlich ermüdend - weiter.

Die wichtigste Frage aber bleibt nicht nur unbeantwortet, sie wird gar nicht gestellt: Wie, um alles in der Welt, sollen die Hochschulen den bürokratischen Aufwand bewältigen? Auf dem Papier mag das System ein großer Wurf sein - wenn es bei der Vergabe tatsächlich gelänge, die soziale Herkunft auszublenden. Ein Stipendium für zehn Prozent aller Studenten, das wäre eine enorme, eine unglaubliche Steigerung gegenüber dem Status quo. Aber genau das ist auch das Problem: 10 Prozent Stipendiaten bedeuten rund 100 000 zusätzliche Stipendien, deren private Gegenfinanzierung 100 000-mal eingeworben werden muss. Und zwar von den Hochschulen. Eine einzige große Uni wie München, Bochum oder Hamburg muss für locker 3000 Stipendien spendable Männer, Frauen oder Firmen finden. Mit einem Telefonat pro potenziellem Geldgeber wird es da nicht getan sein. Ganze Abteilungen in den Verwaltungen müssten dafür aufgebaut, Stellen geschaffen werden. Und die Gegenfinanzierung durch den Staat? Bislang nicht vorgesehen. Langsam schwant vielen Rektoren, welche Mammutaufgabe ihnen bevorsteht. Und was für ein Chaos.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Dass die Hochschulen die Einwerbung übernehmen sollen, ist sinnvoll, gerade Mittelständler würden nie auf ein anonymes Konto überweisen, ihnen ist der regionale Kontakt zu Hochschule und Stipendiaten wichtig. Sollten die Hochschulen jedoch komplett auf den Kosten der Umsetzung sitzen bleiben, wäre das eine Schande. Und das Scheitern des Stipendiensystems programmiert.

Aus DIE ZEIT :: 28.01.2010

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