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Black Box und Mythos W - Auswertung einer DHV-Befragung

Von Hubert Detmer

Die Besoldungsrealität in "W" ist trotz gesetzlicher Besoldungsdurchschnitte für die Betroffenen weitgehend nebulös, da jenseits der Grundgehälter in jedem Einzelfall das mehr oder minder "freie" Spiel der Kräfte entscheidet. Ein wenig Licht ins Dunkel bringt eine Auswertung des Deutschen Hochschulverbandes.

Black Box und Mythos W - Auswertung einer DHV-Befragung© knallgrün - Photocase.comWie gestaltet sich die W-Besoldung?
Der DHV hat insgesamt 370 Fragebögen von Mitgliedern ausgewertet, die zu den konkret ausgehandelten Berufungs- oder Bleibe-Leistungsbezügen Angaben enthielten. Ausgeklammert blieben die weiteren "Bausteine" der W-Besoldung wie die besonderen Leistungsbezüge, die Funktions-Leistungsbezüge und die sog. Forschungs- und Lehrzulage. Der Auswertung lagen 131 W 2-Berufungen und 239 W 3-Berufungen aller Fachgebiete zugrunde. Nur die Medizin blieb wegen der Andersartigkeit der dort vorherrschenden vertraglichen Konstrukte außen vor. 238 Angaben entfielen auf sog. Erstberufungen, 132 Antworten auf sog. Mehrfachberufungen. Der größte Teil der Antworten stammte aus dem Bereich der Geisteswissenschaften (189), gefolgt von dem Bereich "Mathematik/Naturwissenschaften". Die Ergebnisse, die keinen repräsentativen Charakter beanspruchen können, sind zum Teil überraschend:

Geisteswissenschaften unterdurchschnittlich

Der Durchschnittswert der individuell verhandelten Berufungs- oder Bleibe-Leistungsbezüge (B+B-Leistungsbezüge) betrug 1 030 Euro im Monat. Dabei wurden in W 3 mit knapp 1 130 Euro im Schnitt ca. 300 Euro mehr B+B-Bezüge verhandelt als in W 2 (ca. 840 Euro). Das weitaus größte Sample der "Geisteswissenschaften" erreicht diese Durchschnittswerte nicht ganz (W 2: ca. 800 Euro/W 3: ca. 900 Euro). Im Bereich "Mathematik/Naturwissenschaften" liegen die Durchschnittswerte schon bei ca. 900 Euro (W 2) bzw. ca. 1 300 Euro (W 3). Spitzenreiter - was angesichts der beruflichen Ausgangsposition vieler Rufinhaber nicht überrascht - sind die Ingenieure, die im Schnitt knapp 1 500 Euro B+B-Leistungsbezüge erreichen (W 2: ca. 1 200 Euro/ W 3: ca. 1 600 Euro). Knapp unter diesem Ergebnis verhandelten die Wirtschaftswissenschaftler, während die Juristen im Schnitt nur 150 Euro über den "Geisteswissenschaften" liegen. Angesichts des Umstands, dass mehr als 65 Prozent aller Antworten sich auf die besonders problematische Verhandlungssituation der sog. Erstberufung beziehen, veranlassen die Ergebnisse nicht nur zu Pessimismus oder gar Ohnmachtsgefühlen. Sie sind vielmehr ein Anzeichen dafür, dass perfekte Vorbereitung und geschickte Verhandlungsführung sich heute mehr denn je lohnen können. Noch erfreulicher ist der Umstand, dass nur in fünf Prozent aller Fälle überhaupt keine B+B-Leistungsbezüge vereinbart wurden. Selbst wenn man diejenigen Wissenschaftler, die auf ihre "erste" Professur berufen wurden, separat fokussiert, bleibt festzuhalten, dass 92 Prozent der Erstberufenen nach Maßgabe der ausgewerteten Rückmeldungen mit Erfolg B+B-Leistungsbezüge verhandeln konnten.

Befristung mit Augenmaß

Die "Black Box" W-Besoldung kann auch in anderer Hinsicht ein wenig entmystifiziert werden: Im Rahmen von Berufungs- und Bleibeverhandlungen sind inzwischen viele Hochschulen dazu übergegangen, einen Teil der auszuhandelnden B+BLeistungsbezüge zu befristen oder aber mit einer individuellen Zielvereinbarung zu verknüpfen. Zumindest im statistischen Mittel herrscht hier jedoch anscheinend Augenmaß vor. Vom Durchschnittswert aller B+B-Leistungsbezüge (ca. 1.030 Euro) entfallen nur ca. 220 Euro auf befristete oder konditionierte B+B-Leistungsbezüge. Wenngleich nicht zuletzt aufgrund der unterschiedlichen Altersstruktur der nach "C" und der nach "W" besoldeten Professoren und der hieraus abzuleitenden Schlussfolgerungen (viele C-Professoren befinden sich in der höchsten Dienstaltersstufe, während viele W-Professoren noch am Beginn ihrer "besoldungsrechtlichen Karriere" stehen) die Durchschnittsbesoldung in "C" immer noch über der durchschnittlichen "W"- Besoldung liegen dürfte, ist die Aussage zutreffend, dass "W" nicht immer und nicht zwingend weniger sein muss. Dabei ist nicht zuletzt zu berücksichtigen, dass jenseits der aufgezeigten B+B-Verhandlungsergebnisse Professoren, die nach W besoldet werden, besondere Leistungsbezüge und sog. Funktions- Leistungsbezüge erhalten können. Auch eröffnet die Forschungszulage Möglichkeiten, die sich den C-Besoldeten - jedenfalls im Hauptamt - nicht bieten.

Keine Entwarnung

Entwarnung oder gar Euphemismus wären gleichwohl fehl am Platz. Beispielsweise ist es nur willkürlich zu nennen, wenn einzelne Hochschulen bis zum heutigen Tage die Vergabe besonderer Leistungsbezüge schlicht und ergreifend ignorieren. Auch die in einigen Bundesländern eingeführte Öffnung des Vergaberahmens kann im Einzelfall hilfreich sein, sie bringt aber letztlich nicht mehr Geld ins System. Vor allem aber bleibt die W-Besoldung für den Einzelnen in erheblichem Maße intransparent, was mit den Schwächen und Stärken der W-Besoldung gleichermaßen untrennbar zusammenhängt: Die ehemals gesetzlich vorgegebene Besoldungsbandbreite ist geöffnet und mithin auch real größer geworden. Der vermeintliche Marktwert ist in "W" dabei nach wie vor der zentrale Verhandlungsfaktor. Dies wird - insbesondere bei Erstberufungen - nicht jeder Persönlichkeit und jeder Reputation gerecht. Strukturelle Verhandlungsimparität wird zum Teil - in Einzelfällen sogar schamlos - ausgenutzt. Von daher bleiben die Landesgesetzgeber nach wie vor aufgerufen, die Grundgehaltssätze in W entsprechend anzuheben. Erste, wenngleich der Höhe nach nicht befriedigende Anpassungen speziell der W-Grundgehälter werden nun von Baden-Württemberg und Bayern umgesetzt. Es bleibt zu hoffen, dass andere Bundesländer diesem Beispiel in einem föderalen Wettbewerbssystem folgen. Last but not least: Im internationalen "Elitevergleich" sind sowohl "C" als auch "W" von echter Konkurrenzfähigkeit weit entfernt: Eine aktuelle schweizerische Studie weist das Jahresbruttogehalt der Professoren an den ETHs mit 205 000 - 270 000 CHF und das in Berkeley mit 129 000 - 267 000 CHF aus.


Über den Autor
Hubert Detmer, Rechtsanwalt, ist promovierter Jurist und stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes (DHV).


Aus Forschung und Lehre :: Januar 2011

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