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Bleiben Sie interessant!

Von Lydia Rufer

Ständig aufmerksam den Ausführungen des Hochschullehrers zu folgen, ist je nach Fach und Situation für die Studenten nicht immer einfach. Welche Regeln sollte ein Lehrender beachten, um wissenschaftliche Zusammenhänge spannend und auf das Lernen hin orientiert zu vermitteln?

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Aufmerksamkeitsschwund ist ein fast ehernes Gesetz für vortragende Hochschullehrer: "Nach etwa 10 Minuten befinden sich alle Beteiligten auf dem Gipfelpunkt der Aufmerksamkeit. Danach fallen Aufmerksamkeit und Aufnahme teilweise rapide und kontinuierlich ab." (Apel 1999, 89)

Das gilt nicht nur für Vorlesungen: Schon Antworten des Lehrenden auf Fragen im Unterricht können dafür sorgen, dass Studierende nicht mehr mitdenken und ihre Aufmerksamkeit anderem zuwenden.

Brauchen Studierende überhaupt noch Monologe von Lehrenden? Es gibt doch eine breite Palette an didaktischen Methoden, die effektiver sind als das klassische "Reden und Zuhören". Alles, was Lernende selber erarbeiten, erproben und strukturieren können, bleibt ihnen nicht nur besser im Gedächtnis, sondern führt auch eher zu anwendungsorientiertem Wissen, zum "Können".

Also schweigen Hochschullehrer besser und definieren ihre Rolle als "Organisatoren von Lernprozessen"?

Das wäre nicht die beste Lösung. Denn bei aller methodischen Vielfalt und Orientierung auf aktive Lernformen ist der Hochschullehrer ein unverzichtbarer Bestandteil des Lernprozesses: Hochschullehrer sind das "personifizierte Studienfach", d.h. ein Beispiel und ein Vorbild dafür, wie ein Mensch mit dem Fach umgehen kann. Sie können einen persönlichen Zugang zu einem Fachgebiet schaffen, indem sie die eigene Arbeits- oder Denkweise vorstellen, mögliche Perspektiven auf die Thematik vermitteln oder deutlich machen, dass das Fach spannend sein kann.

Hochschullehrer können Verbindungen schaffen zwischen dem Interesse von Lernenden und dem, was ein Fachgebiet an Erklärungen, Ergebnissen oder faszinierenden Details "zu bieten hat".

Hochschullehrer können einen schnellen Überblick über Zusammenhänge geben. Je mehr Fachliteratur es gibt, desto schwieriger wird es, sich in ein Fachgebiet einzuarbeiten oder eine hinreichende Antwort auf eine konkrete Frage zu bekommen. Hochschullehrer können Studierenden eine "Landkarte" zum Fachgebiet an die Hand geben, an der sich diese bei der Suche nach Antworten orientieren können.

Die drei Funktionen "persönliches Vorbild", "Interesse wecken bzw. Relevanz zeigen" und "Überblick geben" machen deutlich, wie Beiträge von Lehrenden aussehen sollten, damit beim Zuhören niemand mehr einschläft:

Beginnen Sie konkret. Greifen Sie eine gerade gestellte Frage auf, entwerfen Sie ein Szenario ("Stellen Sie sich vor"); beziehen Sie sich auf ein aktuelles Thema in den Medien oder beziehen Sie sich auf ein Interessengebiet der Studierenden und liefern Sie erst dann die Informationen, die die Studierenden benötigen. Abstrakte Ausführungen, die von den Grundlagen des Faches ausgehen und erst nach fünf Minuten vielleicht eine konkrete Aussage darüber beinhalten, wofür man diese Grundlagen gebrauchen könnte, helfen Lernenden wenig weiter.

Bleiben Sie interessant. Vergessen Sie nicht, wie Sie begonnen haben, und beziehen Sie sich immer wieder auf den Beginn Ihres Beitrags. Nur wenn Studierende gar nicht verpassen können, in welchem Zusammenhang das gerade Angesprochene wichtig ist, werden sie es auch im richtigen Zusammenhang im Kopf behalten können.
Beschränken Sie sich auf das Wichtigste. Mündliche Beiträge können und sollen nicht mit Fachbüchern konkurrieren. Wenn Sie alles sagen, was Sie wissen, wird das niemand behalten können. Hören Sie also lieber auf zu sprechen, bevor Sie sich in Details verlieren, und stellen Sie stattdessen den Studierenden eine Frage.

Lassen Sie die Studierenden selber denken. Wenn Sie "schnelle Antworten" geben (im Sinne von "das ist falsch"), haben die Zuhörenden wahrscheinlich gar nicht verstanden, wie Sie zu dieser Antwort gekommen sind. Wenn Sie stattdessen die Fakten beschreiben, aus denen sich Ihre Antwort logisch ergibt, können Studierende selber auf Ihre Antwort kommen und so nicht nur gedanklich aktiv beteiligt werden, sondern auch die Denkweisen im Fach erlernen.

Nehmen Sie sich Zeit für Wiederholungen. Wichtiges sagen Sie lieber zweimal statt nur einmal bzw. wiederholen es in anderen Worten, visualisieren es oder geben noch ein Beispiel dazu. Andernfalls gehen wichtige Aussagen ggf. unter, denn "wer zuhört, kann nicht zurückblättern" wie in einem Aufsatz und noch einmal schauen, was ggf. im vorherigen Abschnitt besonders wichtig war.

Derartiges kostet Zeit. Deswegen gilt für Beiträge in der Lehre "weniger ist mehr": sagen Sie nur etwas, wenn es wirklich nötig ist, dass gerade Sie gerade jetzt etwas sagen, und sagen Sie nur das Wichtigste. Vieles können Studierende auch nachlesen, wenn sie wissen, dass es interessant ist und wo sie es finden können.

Sprechen Sie gut nachvollziehbar, damit sich die Zuhörenden auf den Inhalt konzentrieren können. Im Englischen gibt es die Regel "KISS", "keep it simple and stupid". Damit ist nicht gemeint, dass Sie inhaltlich banal sprechen, sondern dass die Sprache problemlos nachvollziehbar ist: überschaubare Sätze, genügend Pausen, klare Kernaussagen und sinnvolle Betonung.

Sprechen Sie persönlich. Machen Sie den Studierenden deutlich, was Sie am Thema interessiert, berichten Sie von eigenen Erfahrungen oder Schlussfolgerungen, zeigen Sie Ihr Engagement für Ihre Thematik. Und machen Sie Ihren Studierenden auch deutlich, dass Sie sich für sie interessieren: sprechen Sie sie an, schauen Sie sie an, stellen Sie ihnen (rhetorische) Fragen und beziehen Sie sich auf Sachverhalte, die die Studierenden interessieren. So stellen Sie einen Bezug zwischen Thema, Lernenden und Lehrendem her, auf dessen Basis man gemeinsam weiter denken und am Thema arbeiten kann.

Vorschläge wie die hier aufgelisteten müssen allgemein bleiben. Denn wie ein guter Lehrbeitrag in einer konkreten Situation aussieht, hängt von den Interessen, Vorkenntnissen, Erfahrungen und Erwartungen der Studierenden ab. Bedenken Sie diese also, bevor Sie etwas sagen, beziehen Sie sich möglichst konkret darauf und beherzigen Sie den Rat von Mark Twain: "Eine gute Rede hat einen guten Anfang und ein gutes Ende - und beide sollten möglichst dicht beieinander liegen."


Weiterführende Literatur
Apel, Hans Jürgen (1999): Die Vorlesung. Einführung in eine akademische Lehrform. Köln/Weimar/Wien.
Ebel, Hans F. und Bliefert, Claus (2005): Vortragen in Naturwissenschaft, Technik und Medizin. Weinheim.

Weidenmann, Bernd (2002): Gesprächs- und Vortragstechnik. Für alle Trainer, Lehrer, Kursleiter und Dozenten. Weinheim/Basel/ Berlin.

Winteler, Adi (2004): Professionell lehren und lernen. Ein Praxishandbuch. Darmstadt.

Kurt Tucholskys "Ratschläge für einen schlechten Redner"


Über den Autor
Lydia Rufer ist externe Mitarbeiterin der Hochschuldidaktik an der Universität Basel und als Dozentin insbesondere für Vortragstechnik und Diskussionsleitung in Weiterbildungsprogrammen für Lehrende an diversen Schweizer Hochschulen tätig.

Aus Forschung und Lehre 10/07

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