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Bleibt anders! - Promotionsrecht für Fachhochschulen ist Unfug

VON MARION SCHMIDT

Fachhochschulen sind besonders gut in praxisorientierter Lehre. Jetzt reicht ihnen das nicht mehr. Sie wollen Doktoranden ausbilden und mehr forschen. Das ist Unfug. Ein Plädoyer gegen den Größenwahn.

Bleibt anders! - Promotionsrecht für Fachhochschulen ist Unfug© Creativa - Fotolia.comPromotionsrecht für Fachhochschulen - höchste Zeit oder grober Unfug?
Elisabeth Holuscha könnte viel erzählen über Fachhochschulen. Sie hat dazu promoviert und mit über 150 Hochschulpräsidenten und Professoren Interviews geführt. Sie weiß, wodurch Fachhochschulen erfolgreich sind - und woran sie scheitern. Nur, darüber reden will die Soziologin im Moment nicht.
Holuscha ist Angestellte der Fachhochschule Köln. Und dort ist man seit der Veröffentlichung ihrer Dissertation nicht gut auf sie zu sprechen. Denn Elisabeth Holuscha hat aus ihren Studien Schlüsse gezogen, die den Fachhochschulen gerade jetzt überhaupt nicht passen. Sie findet, dass das Promotionsrecht, das die Fachhochschulen gern hätten, ihnen mehr schaden als nutzen würde. Denn was würden FH-Professoren machen, wenn sie auch Doktoranden betreuen würden? Das, was viele Uni-Kollegen auch tun: sich aus der Lehre zurückziehen. Daher sollten sich die Fachhochschulen lieber auf die Lehre konzentrieren, statt so sein zu wollen wie die Unis. Ansonsten, davon ist Elisabeth Holuscha überzeugt, würden sie ihr Erfolgsmodell aufgeben.

Es herrscht eine Art Statuspanik unter den deutschen Hochschulen

Die harsche Reaktion auf Holuschas Dissertation belegt, wie angespannt die Stimmung bei den Fachhochschulen derzeit ist. Zum vielleicht ersten Mal in ihrer rund vierzigjährigen Geschichte wittern sie die Chance, endlich zu den Universitäten aufschließen zu können. In einigen Bundesländern sollen FH-Professoren demnächst Doktoranden ausbilden dürfen; bislang ist das Promotionsrecht ein Privileg der Unis. Schleswig-Holsteins parteilose Wissenschaftsministerin Waltraud Wende will das ändern und dazu ein neues Hochschulgesetz auf den Weg bringen. In Baden-Württemberg gibt es neuerdings eine Experimentierklausel, nach der ein Verbund von Fachhochschulen zeitlich und inhaltlich befristet das Promotionsrecht bekommen kann. Ähnliches plant die schwarz-grüne Landesregierung in Hessen.

Zudem drängen die Fachhochschulen verstärkt auf eine Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die bislang fast nur Grundlagenforschung finanziert und nicht anwendungsorientierte Forschung. Schon in den vergangenen Jahren haben sich die Fachhochschulen den Unis immer weiter angenähert. Durch die Bologna-Reform sind die Studienabschlüsse gleichgestellt, der Bachelor oder Master wird ohne den früheren Zusatz "FH" verliehen. Und auch in der Forschung haben die Hochschulen aufgeholt. Es gibt sogenannte Forschungsprofessuren mit geringerer Lehrverpflichtung. Der Bund hat ein Forschungsprogramm für Fachhochschulen aufgelegt. Auch gibt es mittlerweile einige FHs mit eigenen Graduiertenkollegs, in denen Doktoranden betreut werden. Die Prüfung allerdings nehmen Uni-Professoren ab.

Mit jedem Schritt in Richtung Uni mögen die Fachhochschulen Renommee gewinnen, doch sie verlieren ein Stück ihrer besonderen Identität. Je geringer die Unterschiede zwischen den Hochschultypen werden, desto weniger sind die Vorteile der FH erkennbar: die innovative Lehre, die Praxisnähe, der schnelle Jobeinstieg, das gute Betreuungsverhältnis - an einer FH kommen auf einen Professor 45 Studenten, an der Uni sind es 64.

Doch statt sich genau damit hervorzuheben, begeben sich die Fachhochschulen in ein Rennen mit den Unis, das sie nicht gewinnen können. In direkter Konkurrenz um Fördergeld würden sie den Kürzeren ziehen, davon ist Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft überzeugt. Unis sind viel besser ausgestattet mit Geräten und Personal. Ein Professor an der Uni muss höchstens neun Stunden in der Woche lehren, sein FH-Kollege doppelt so viel. Ein Blick auf die aktuellen Drittmittel zeigt, wie groß der Abstand ist: Ein Uni-Professor wirbt im Schnitt 232.300 Euro im Jahr ein, ein FH-Professor 25.500 Euro. Insgesamt nahmen alle deutschen Unis im Jahr 2011 rund 5,7 Milliarden Euro Drittmittel ein, die FHs 382 Millionen Euro. Die Rollen sind eigentlich klar verteilt, doch die FHs wollen sich damit nicht abfinden. "Gute Lehre ohne gute Forschung ist auch an einer Fachhochschule nicht denkbar", beteuert Micha Teuscher, Rektor der Fachhochschule Neubrandenburg.

Es gibt ein Streben nach Höherem auf allen Ebenen des Wissenschaftssystems. Und mittendrin: die Fachhochschulen. Sie versuchen sich abzugrenzen zu den sehr praxisnahen dualen Hochschulen, den neuen Darlings der Wirtschaft, an denen ausschließlich Studiengänge in Kombination mit einer Berufsausbildung angeboten werden und kaum geforscht wird. Aufschließen wollen sie dafür zu den Universitäten. Nach unten wird getreten, nach oben gebuckelt. Die Unis wiederum betonen ihre Forschungsstärke und verteidigen mit scharfen Worten ihr Promotionsrecht. Es herrscht eine Art Statuspanik unter den deutschen Hochschulen, "ein Trend zum Upgrading", sagt Meyer-Guckel, "und am Ende wird keiner gewinnen".

Die Fachhochschulen sind dabei, ihren Bildungsauftrag zu verraten

Schon heute findet sich trotz intensiver Suche kein einziger Fachhochschulrektor, der öffentlich stolz ist auf seine exzellente Lehre, die guten Studienbedingungen, die engen Beziehungen zu Unternehmen, die erfolgreichen Absolventen. Keiner, der sagt, dass er zu seinem Glück kein Promotionsrecht braucht und auch kein Geld von der DFG. Keiner, der einfach nur damit zufrieden ist, das richtig gut zu machen, wofür Fachhochschulen einmal gegründet worden sind.

Für Wirtschaft und Gesellschaft ist das eine geradezu fatale Entwicklung: Immer mehr Menschen wollen studieren, die Unis sind übervoll, jeder dritte Student bricht sein Studium wieder ab. Und ausgerechnet die Fachhochschulen, deren Stärke die enge Verbindung von Theorie und Praxis ist und die über Jahre vielen Menschen den Aufstieg durch Bildung ermöglicht haben - gerade sie sind jetzt dabei, ihren Bildungsauftrag zu verraten.

Es klingt fast schon paradox, aber es sind ausgerechnet die rund hundert privaten Fachhochschulen im Land, die das Modell einer stark auf eine gute Lehre ausgerichteten Hochschule leben, mit einer engen Anbindung an regionale Unternehmen, für die sie ausbilden und forschen. Promotionsrecht? Brauchen sie nicht. Wichtiger ist ihnen, dass ihre Studenten später einen guten Job finden, in der Wirtschaft, nicht in der Wissenschaft. Die privaten sind es auch, die, gegen üppige Studiengebühren, Bildungsaufsteigern und Berufstätigen passende Angebote machen.

Aufgaben, die eigentlich die staatlichen Fachhochschulen erfüllen sollen. Doch die haben es in ihrem Streben nach Höherem schon jetzt versäumt, mehr Teilzeit- und Weiterbildungsstudiengänge aufzubauen, auch duale Studiengänge haben sie nur zögerlich eingerichtet. Weil sie fürchten, damit von den Unis noch weniger als gleichwertig angesehen zu werden. "Man muss die Fachhochschulen immer wieder an ihren Gründungsauftrag erinnern: den Aufstieg durch Bildung zu organisieren. Da gibt es großes Potenzial, das wäre eine wertvolle und notwendige gesellschaftliche Aufgabe, mit der sie sich profilieren könnten", sagt Volker Meyer-Guckel.

In anderen Ländern wird das wertgeschätzt. Die USA bauen gerade ihre Community Colleges nach dem Vorbild deutscher Fachhochschulen aus, Indonesien will 500 solcher Colleges errichten. Eine praxisnahe akademische Ausbildung gilt weltweit als Wirtschaftsmotor. Doch im eigenen Land ist manchen Fachhochschulen selbst ihr Name inzwischen so peinlich, dass sie sich nur noch Hochschule nennen oder gleich University of Applied Sciences. Es ist schon absurd, wie hier ein akademisches Erfolgsmodell kleingeredet wird.

Wie konnte es so weit kommen?

"In Deutschland hat sich eine Leitkultur Universität herausentwickelt", sagt FH-Rektor Micha Teuscher. "Die ganze Diskussion dreht sich nur noch um Forschung und Geld für Forschung, da muss man sich nicht wundern, wenn alle Fachhochschulen nach den Unis schielen." Für Innovationen in der Lehre dagegen fehle das Geld.

Die Politik hat diese Fehlentwicklung, wenn auch unabsichtlich, mitverursacht. Während viele Bundesländer mittlerweile schon Schwierigkeiten haben, ihren Hochschulen einen reibungslosen Lehrbetrieb zu finanzieren, verteilt der Bund über Förderprogramme viele Milliarden Euro. Die meisten unterstützen vor allem die Forschung: die Exzellenzinitiative, mit der Bund und Länder herausragende Universitäten, Promotionsprogramme und Forschungscluster fördern, oder der Pakt für Forschung. Viele dieser Programme setzen universitäre Strukturen voraus, mit wissenschaftlichen Mitarbeitern und Postdocs, die Fachhochschulen nicht haben.

Aus gutem Grund: Sie können Studienplätze wesentlich günstiger und trotzdem mit einem besseren Betreuungsverhältnis anbieten. Ein Studienplatz an einer Uni kostet im Jahr durchschnittlich 8.500 Euro, der an einer FH 3.900 Euro. Es war ein Fehler, in den achtziger Jahren die Unis auszubauen statt die Fachhochschulen. Mit den Folgen hat das Bildungssystem bis heute zu kämpfen. Es gibt zu viele Studenten an den Unis - und zu wenige an den FHs: Zwei Drittel sind an einer Uni eingeschrieben, ein Drittel an einer FH. Andersherum wäre es sinnvoller. Klamme Bundesländer streichen zuerst bei ihren Unis, dort ist das Einsparpotenzial höher. Das lässt sich derzeit in Sachsen-Anhalt, Thüringen oder Sachsen beobachten. Doch welcher Wissenschaftsminister hat den Mut, den Universitäten Kapazitäten zu kürzen und diese Studienplätze stattdessen an Fachhochschulen zu verlagern?

Den letzten großen Ausbau der Hochschule für die doppelten Abiturjahrgänge hat vor allem Nordrhein-Westfalen genutzt, um gezielt Studienplätze an FHs aufzubauen und sogar vier neue FHs zu gründen. "Wir hatten Nachholbedarf", sagt Andreas Pinkwart (FDP), der damalige Wissenschaftsminister. Für ihn waren die Fachhochschulen Teil der Innovationspolitik. Auch Pinkwarts Nachfolgerin Svenja Schulze (SPD) tendiert bei künftig wieder nachlassenden Studentenzahlen dazu, eher die Kapazitäten an einer neu gegründeten FH wie in Kleve zu nutzen als an der Massen-Uni Köln: "Wir sollten versuchen, Studierendenströme an die Standorte zu lenken, an denen wir eine herausragende Infrastruktur haben."

Einer der wenigen, die sich öffentlich ganz klar für die Stärkung der Fachhochschulen aussprechen, ist ausgerechnet ein Universitätschef. Werner Müller-Esterl, Präsident der Goethe-Uni Frankfurt, plädiert, durchaus mit Eigeninteressen, dafür, dass die FHs einen Großteil der Lehre übernehmen, vor allem im Bachelorbereich. Dafür wäre er gern bereit, Studienplätze abzugeben. "Es können nicht alle Hochschulen die gleichen Aufgaben erfüllen. Die Fachhochschulen machen eine sehr gute, praxisorientierte Lehre, und die Unis haben ihren Schwerpunkt in der Forschung und in der forschungsorientierten Lehre", sagt er. "Wenn sich beide auf ihre Kernaufgaben rückbesinnen, könnten beide ihr Profil schärfen."

Es heißt immer, Fachhochschulen seien gleichwertig, aber andersartig. Das klingt wohlmeinend und ausgrenzend zugleich. Dabei ist Andersartigkeit in einem differenzierten Wissenschaftssystem kein Makel, sondern ein Profilierungsmerkmal. Eines, auf das die Fachhochschulen stolz sein sollten.

Aus DIE ZEIT :: 30.04.2014

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