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Bloß nicht genau hinschauen

VON ULRICH SCHNABEL

Aus den Plagiatsskandalen haben die Universitäten offenbar wenig gelernt. Ihr Aufklärungseifer ist rasch erlahmt.

Bloß nicht genau hinschauen@ Studio-Annika - iStockphoto.comIn Sachen Plagiatsbekämpfung machen deutsche Universitäten nur langsam Fortschritte
Debora Weber-Wulff hat ihre Stimme verloren. Während die Republik über den Fall Schavan diskutiert, ist Deutschlands bekannteste Plagiatsexpertin von einer fiesen Erkältung heimgesucht. »Aber tippen geht immer!«, mailt sie aus Berlin. Und ihr Furor ist ungebrochen. Fragt man sie, ob die Universitäten aus dem Fall Guttenberg etwas gelernt hätten, ob etwa Doktorarbeiten heute gründlicher als früher kontrolliert würden, bricht es geradezu aus ihr heraus: »Es wird viel zu wenig getan in Deutschland! Und wenn, dann sind es eher symbolische Handlungen, wie der Erwerb und Einsatz von Software, die nichts taugt.«

Nein, Weber-Wulff ist nicht zufrieden mit dem Lernprozess der deutschen Wissenschaft. Auch mit Annette Schavan hat die Medieninformatikerin diesbezügliche Erfahrungen gemacht. Als sie vor einigen Jahren die Bildungsministerin auf einen großen Plagiatsfall aufmerksam machte, der nicht geahndet worden war, ließ Schavans Büro lapidar mitteilen, man vertraue auf die Selbstreinigungskräfte der Wissenschaft. Das ärgert Weber-Wulff noch heute. »Nichts ist passiert! Und der Mensch schreibt weiter ab.«

Deshalb ist Weber-Wulff selbst aktiv geworden. Sie bietet an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin den Kurs »Fremde Federn Finden« zum Aufspüren von Plagiaten an und beteiligt sich an VroniPlag Wiki, jener Internetplattform, die vor knapp einem Jahr die ersten Verdachtsfälle in Schavans Arbeit diskutierte. Weber-Wulff hielt diese damals übrigens nicht für aussagekräftig genug und sprach sich dagegen aus, sie zu veröffentlichen. Der Plagiatssucherin geht es nicht um die Ministerin. Ihr geht es ums Grundsätzliche.

Denn noch immer fehle es in Deutschland an Aufklärung, Kontrolle und Transparenz. »Der Bund sagt, das sei Ländersache, die Länder sagen, es sei Sache der Universitäten, und die Universitäten fragen: Wieso, das betrifft uns alle.« Deshalb fordert Weber-Wulff seit Jahren eine Bundesstelle, die sich mit Plagiaten beschäftigt. Diese solle beraten, was ein Plagiat ist, wie man es vermeidet und wie man es erkennt. »Sie soll Stichproben von Arbeiten kontrollieren, damit im Sinne der Qualitätssicherung klar ist, wo genau die Probleme sind; und sie soll Transparenz herstellen.«

Das allerdings geht vielen in Deutschland zu weit. »Wir brauchen keine Bundesinstitution«, sagt Wolfgang Löwer, Ombudsman der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und als solcher gewissermaßen Deutschlands oberster Wächter über die wissenschaftliche Redlichkeit. Eine solche »Zentralisierung« würde einen Eingriff »in die Autonomie der Universitäten« bedeuten, und diesen hält der Jurist weder für sinnvoll noch für durchsetzbar.

Ähnlich argumentieren auch andere. Gleich acht hochrangige (zum Teil ehemalige) Wissenschaftsfunktionäre - von Wolfgang Frühwald über Reimar Lüst bis Ernst-Ludwig Winnacker - beklagten im Juni in einem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung die »von allen möglichen Seiten betriebene Suche nach Plagiaten in Doktorarbeiten«. Das sei »ein Spektakel, das einer aufgeklärten Gesellschaft nicht würdig ist«. Denn es sei immer noch »die ureigene Sache und die Pflicht der jeweiligen Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler, die Einhaltung dieser Kriterien zu überwachen und zu beurteilen«.

Was die Granden der Wissenschaft allerdings verschwiegen: Keiner der aufsehenerregenden Plagiatsfälle der vergangenen Jahre wäre ohne die Zitate-Jäger im Internet ins Rollen gekommen. Auf die gern beschworenen Selbstreinigungskräfte der Wissenschaft ist also mitnichten Verlass. Die zuständigen universitären Gremien wurden immer erst nach dem öffentlichen Anstoß aktiv; zugleich aber stellte niemand infrage, dass das letzte Urteil eben jenen Gremien zukomme.

So gibt es auch mehr als ein Jahr nach dem Fall Guttenberg noch immer keine zuverlässigen wissenschaftlichen Überwachungsmechanismen. Um etwa die Frage zu klären, wie häufig in Doktorarbeiten insgesamt gepfuscht und geschummelt wird, brauchte man zunächst einmal eine solide Datenbasis. Die jedoch gibt es nicht. »Leider ist die Datenlage in Deutschland unzureichend«, stellte kürzlich der Wissenschaftsrat in einem Positionspapier zu den »Anforderungen an die Qualitätssicherung der Promotion« bedauernd fest. Es gebe noch nicht einmal »verlässliche Zahlen, die Auskunft über die laufenden Promotionen geben«. Dementsprechend ungeklärt ist auch, ob die bisher bekannt gewordenen Plagiatsfälle lediglich Ausrutscher sind - oder nur die Spitze eines Eisbergs.

Immerhin: Die Vertreter der Wissenschaft sind für das Thema sensibilisiert. »Wir kämpfen um unsere Reputation«, sagt etwa Ombudsman Löwer. »Wir können uns keine andauernde Kette von Versagen leisten.« Bei den Leitungsgremien der Universitäten und jenen, die sich mit Promotionsordnungen beschäftigen, sei das auch mittlerweile angekommen. Leider habe sich die Brisanz des Themas noch nicht jedem vermittelt.

Das muss er selbst mitunter erleben, wenn er etwa im Kollegenkreis die beliebte Praxis vieler Professoren geißelt, Ideen und Gedankengänge von Doktoranden und Mitarbeitern unter eigenem Namen zu veröffentlichen. Solch ein Verhalten sei eigentlich als Dienstvergehen einzustufen, sagt Löwer. Doch dieser Einschätzung würde längst nicht jeder Kollege zustimmen. Der Jurist hat daraus gelernt: »Das Verständnis für die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis ist unter der Professorenschaft sehr unterschiedlich ausgeprägt.« Da bedürfe es eines »Sickereffekts«, bis die Maßstäbe guter Wissenschaft jedem Einzelnen bewusst geworden seien. Und das brauche eben Zeit.

Wie viel Zeit dieses Einsickern in den universitären Alltag in Anspruch nehmen kann, zeigt das Beispiel der Universität Potsdam. Diese musste im vergangenen Jahr die schlampig verfasste Doktorarbeit von Bernd Althusmann, dem Kultusminister von Niedersachsen, untersuchen. In ihrem Abschlussbericht kam die Untersuchungskommission zu dem Ergebnis, Althusmann sei der Titel nicht abzuerkennen. Sie mahnte aber zugleich: »Für die Zukunft müssen an der Universität Potsdam Vorkehrungen getroffen werden, dass derartige Verstöße gegen gute wissenschaftliche Praxis nicht mehr vorkommen. Dazu gibt die Kommission der Universität Potsdam Empfehlungen.«

Wer heute, zehn Monate später, an der Universität nachfragt, wie es um diese Empfehlungen steht, wird mehrfach von einem Professor zum nächsten verwiesen, bis er schließlich eine E-Mail vom (soeben neu gewählten) Vorsitzenden der entsprechenden Kommission erhält. Allerdings muss dieser mitteilen, man habe »noch keine konkreten auftragsbezogenen Maßnahmen eingeleitet«. Demnächst, immerhin, wolle man ein Gespräch mit dem Universitätspräsidium führen, »um den Auftrag der Kommission näher zu konkretisieren und zu definieren«. Angesichts dieses Arbeitstempos können sich potenzielle Plagiatoren an der Universität beruhigt zurücklehnen. Die angekündigte Verschärfung der Promotionsregeln dürfte noch das eine oder andere Jahr dauern.

Es scheint, als ob die Universitäten in Sachen Plagiatsbekämpfung immer nur dann aktiv würden, wenn sie gerade im Scheinwerferlicht der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Sind die Lampen der Kameras erloschen, haben die Medien das Interesse verloren, erlahmt prompt auch der Aufklärungseifer. In den trägen Mühlen der universitären Selbstverwaltung wird das ungeliebte Thema dann ein ums andere Mal verschleppt. Schließlich kann sich damit niemand profilieren. Im Gegenteil: Mit entsprechenden Vorstößen macht man sich bei den Professoren-Kollegen schnell unbeliebt. Schließlich legt die Formulierung neuer Regeln nahe, dass bisher regellose Zustände an der Tagesordnung waren.

In einem solchen Klima auf die bestehenden Aufklärungsmechanismen zu vertrauen ist daher bestenfalls naiv. Selbst Wolfgang Frühwald, der im Juni das Papier in der Süddeutschen Zeitung unterzeichnete, klagt: »Keine Universität lernt von der anderen.« Die Hochschulrektoren müssten sich endlich zusammensetzen und »gemeinsame Verfahrensgrundsätze« beschließen. Darin müssten zum Beispiel ein Zeitlimit für die Untersuchung inkriminierter Arbeiten gesetzt werden und die Kriterien für eine solche Prüfung genauer formuliert werden. Sonst, so schwant es Frühwald, »ist das Kerngeschäft der Universitäten gefährdet«.

Aus DIE ZEIT :: 18.10.2012

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