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Bloße Lippenbekenntnisse: Erfahrungen als Hochschullehrer mit Behinderung in Bewerbungsverfahren

von ANONYM

Wie in der Gesellschaft soll auch an den deutschen Hochschulen Inklusion und der Abbau von Diskriminierung gefördert werden. Wie stellt sich aber die Situation von Menschen mit Schwerbehinderung an den Universitäten konkret dar? Ein betroffener Hochschullehrer berichtet von seinen Erfahrungen in Bewerbungsverfahren. Ein Weckruf.

Bloße Lippenbekenntnisse: Erfahrungen als Hochschullehrer mit Behinderung in Bewerbungsverfahren© Susann Städter - photocase.deBewerbung mit Behinderung: Angeben oder nicht angeben?
Ich bin Professor an einer deutschen Universität. Und ich bin schwerbehindert. Ich weiß nicht, wie viele Professorinnen und Professoren mit Schwerbehinderung in Deutschland lehren, aber ich bin mir sicher, dass wir alle gemeinsame Erfahrungen machen, was es im universitären Umfeld bedeutet, schwerbehindert zu sein, insbesondere im Rahmen von Bewerbungsverfahren. Über diese Erfahrungen möchte ich an dieser Stelle schreiben. Vor jeder Bewerbung frage ich mich: Soll ich in der Bewerbung auf meine Schwerbehinderung hinweisen oder nicht? Rechtlich ist der Fall eindeutig: Laut SGB IX sind öffentliche Arbeitgeber verpflichtet, schwerbehinderte Bewerberinnen und Bewerber einzuladen, wenn diese bereits in der Bewerbung auf ihre Schwerbehinderung hinweisen, es sei denn, die Qualifikation für die Stelle ist offensichtlich nicht gegeben (bspw. keine vorliegende Promotion bei einer Bewerbung auf eine Professur). Hinzu kommt: Ein Bewerbungsverfahren ist immer ein Verfahren, in dem alle Beteiligten so viele Trümpfe wie möglich ausspielen müssen, und wenn mir mit meiner Schwerbehinderung ein zusätzlicher Trumpf zukommt, warum sollte ich diesen nicht einsetzen? Außerdem ist es meine politische Überzeugung (und zwar unabhängig von meiner Person!), dass rechtliche Vorschriften zur Förderung von Menschen mit Schwerbehinderung richtig und wichtig sind, um Inklusion und den Abbau von Diskriminierung an den Universitäten zu fördern!

Ein Probevortrag

Warum also sollte ich zögern, in einer Bewerbung auf meine Schwerbehinderung aufmerksam zu machen? Um diese Frage zu beantworten, möchte ich von einem Verfahren erzählen, bei dem ich im Vorfeld auf die Behinderung aufmerksam gemacht habe: Ich wurde erwartungsgemäß zum Probevortrag eingeladen und fuhr zum "Vorsingen" an die betreffende Universität. Während des Vortrags merkte ich bereits, dass ich an diesem Tag nicht so gut war, wie ich hätte sein können. Möglicherweise war ich doch nicht so gut vorbereitet, wie ich dachte, möglicherweise konnte ich mich an dem Tag auch nicht so gut präsentieren, wie ich es sonst kann; was mir aber ganz sicher auffiel, war, dass ich zu keinem Zeitpunkt des Vortrags, während der anschließenden Diskussion und im Gespräch mit der Kommission das Gefühl hatte, wirklich zu "offenen Ohren" zu sprechen. Ich konnte keine Verbindung zu den mir gegenüber sitzenden Personen aufbauen und hatte auch nicht den Eindruck, irgendjemand sei wirklich an meiner Person interessiert. Ich verließ den Saal mit einem diffusen und unguten Gefühl, ohne einordnen zu können, woher dieses rührte. Kurz darauf erfuhr ich in einem vertraulichen Gespräch mit einem Kollegen an der Fakultät, an der ich mich beworben hatte, dass die Kommission mich überhaupt nicht hatte einladen wollen und ich nur eingeladen worden war, weil mich die Rechtsabteilung der Uni gegen den Willen der Kommission in das Verfahren hineingezwungen hatte. Das erklärte mir, warum ich mich nicht angenommen gefühlt hatte, vermochte jedoch nicht meinen Frust darüber zu verringern, dass ich gerade erfahren hatte, dass ich in den letzten Wochen einige Zeit und Energie in die Vorbereitung eines Vorstellungsgesprächs investiert hatte, das von vorneherein zum Scheitern verurteilt war!

Ein spätabendlicher Anruf

Dass es auch anders geht, zeigt meine Erfahrung aus einem anderen Verfahren: Ich hatte wieder auf die Schwerbehinderung aufmerksam gemacht und wartete auf die Einladung. Statt der Einladung kam ein spätabendlicher Anruf der Kommissionsvorsitzenden. Sie wirkte nervös, vermutlich, weil ihr Anruf rechtlich heikel war und sie nicht wusste, wie ich reagieren würde. Jedenfalls gab sie mir zu verstehen, dass sich die Kommission einig sei, dass ich ein Kriterium der Ausschreibung nicht erfülle, das die Kommission als strikte Voraussetzung für eine Einstellung ansehen würde. Ein Mitbewerber, der dieses Kriterium ebenfalls nicht erfülle, sei nicht eingeladen worden, ich hingegen würde in den nächsten Tagen zwar eine Einladung zum Vorsingen erhalten, sie hoffe jedoch, dass ich die Situation im Anschluss an das, was sie mir gerade gesagt hatte, richtig einzuschätzen in der Lage sei. Ich überlegte kurz, wie ich reagieren sollte. Ich vergewisserte mich, dass ich sie richtig verstanden hatte, dass man zwar durchaus bereit sei, mich anzuhören und meine Thesen zu diskutieren, dass ich jedoch, selbst wenn mein Vortrag gut liefe, keinerlei Aussicht auf die Stelle haben würde. Sie bestätigte dies, worauf ich mich, möglicherweise zu ihrer Überraschung, ganz sicher jedoch zur spürbaren Erleichterung der Vorsitzenden, für den Anruf und die offenen Worte bedankte. Ich ließ sie wissen, dass ich dies für einen äußerst angemessenen Umgang mit dieser nicht ganz einfachen Situation hielt und dass ich froh sei, selber darüber entscheiden zu können, ob ich zu dem Vorsingen erscheinen würde oder nicht. Als die Einladung wenige Tage später kam, zog ich meine Bewerbung zurück. Ich war froh, dass sich die Kommission offen den Schwierigkeiten, die sie mit meiner Bewerbung hatte, gestellt und die Entscheidung darüber, ob ich Lebenszeit und Energie in ein hoffnungsloses Verfahren investieren möchte, mir selbst überlassen hatte. So angemessen ich dieses Vorgehen fand, so problematisch ist es auch: Würde dies Schule machen, wäre es für Kommissionen ein Leichtes, sich unliebsamer Bewerberinnen und Bewerber mit Schwerbehinderung zu entledigen. Man müsste sie nur kurz anrufen und ihnen mitteilen, dass sie ohnehin keine Chance haben. Andererseits: Die Situation war heikel. Ich hätte auch eine Klage androhen und auflegen können.

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Eine Reihe von Fragen

Aus diesen beiden Erfahrungen ergeben sich eine Reihe von Fragen, die sich wohl viele schwerbehinderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen: Soll ich in Zukunft auf den Hinweis auf meine Schwerbehinderung verzichten, um zu gewährleisten, dass ich nur eingeladen werde, wenn ich auch wirklich erwünscht bin? Und selbst wenn ich nicht von einer Rechtsabteilung in ein Verfahren hineingepresst werde und die Kommission mich gerne einladen möchte - fahre ich nicht, wenn ich im Vorfeld den Hinweis gebe, von vorneherein mit dem Stempel "schwerbehindert" versehen zu einem solchen Vorsingen? Geht es dann noch wirklich um meine Qualifikation? Um mich? Oder werde ich lediglich als der "Quotenbehinderte" wahrgenommen, dessen Fähigkeiten und Können hinter der Schwerbehinderung zu verschwinden drohen? Und wenn ich mich deswegen dagegen entscheide, den Hinweis zu geben, handele ich dann nicht entgegen meiner eigenen politischen Überzeugung (s.o.) und verfestige eine diskriminierende Praxis, die ich strikt ablehne? Mir ist bewusst, dass die Bewerbung von Menschen mit Schwerbehinderung auch für die Kommissionen eine Herausforderung darstellt. Was mich dennoch verletzt, ist, dass ich zunehmend im aufgeklärt-liberalen Umfeld der Universitätsprofessorenschaft die Erfahrung mache, dass sich zwar jede und jeder jederzeit im Brustton der Überzeugung für die Gleichberechtigung bzw. Förderung von Menschen mit Behinderung ausspricht - sobald es jedoch um eine Stelle am eigenen Institut geht, werden diese Grundsätze über Bord geworfen und als bloße Lippenbekenntnisse erkennbar.

Aus Forschung & Lehre :: Dezember 2016

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