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Blut eines Stieres - Akademische Rituale

von Marian Füssel

Rituale sind in der akademischen Welt bereits im Mittelalter fest verankert, sichtbar beispielsweise an den Initiationsritualen der studentischen Kultur. Welche Bedeutung haben Rituale in der Welt der Wissenschaft heute?

Blut eines Stieres - Akademische Rituale© marcjohn.de - Fotolia.comAkademische Rituale prägen den wissenschaftlichen Alltag
"Immer diese Rituale" raunt mir eine Kollegin zu, als die anwesenden Professoren sich von ihren Sitzen erheben und der Kandidat wieder den Hörsaal betritt, um von der Kommission die Bestätigung seiner erfolgreichen Habilitation zu erhalten. Akademische Rituale der Gegenwart werden offenbar stets von einem latenten Peinlichkeitsempfinden oder zumindest einem ironisch-distanzierenden Gestus begleitet. Rituale schaffen Übergänge: vom Schüler zum Studenten, vom Studenten zum Magister und Doktor, vom Doktor zum Privatdozenten, vom Privatdozenten zum Professor, vom Professor zum Rektor oder Präsidenten. Sie konstituieren damit gleichzeitig akademische Hierarchien nach innen wie nach außen gegenüber der gesellschaftlichen Umwelt. Rituale stiften soziale Gemeinschaft und regulieren Inklusions- und Exklusionsprozesse einer Institution. Gerade die Universitäten benötigten seit ihrer Gründungsphase Rituale, um ihre institutionelle Gestalt zu festigen. Als "Zünfte der Wissenden" (O. v. Gierke) stellten die vormodernen Universitäten zunächst privilegierte Personenverbände dar, deren institutionelle Gestalt nicht von Gebäuden und Objekten konstituiert wurde, sondern durch die Gemeinschaft ihrer Mitglieder.

Studentische Exzesse

Bereits die studentische Kultur ist von Initiations- und Vergemeinschaftungsritualen geprägt, die sich meist durch einen besonderen Hang zu körperlicher Ostentation bis hin zu physischer Gewalt auszeichnen. Zu den ältesten dieser Einsetzungsriten gehörte seit dem späten Mittelalter die sogenannte Deposition. Ein klassischer "rite de passage", der im symbolischen Abschlagen künstlicher Hörner, der "depositio cornuum" gipfelte und dabei nicht an Prügel sparte. Im 16. und 17. Jahrhundert traten informelle Initiationsphasen hinzu, die man mit dem Begriff des Pennalismus fasst und die im Wesentlichen in Ausbeutung und Demütigung der Studienanfänger durch ihre älteren Kommilitonen gipfelt. Seit dem 19. Jahrhundert sind entsprechende Rituale vor allem im studentischen Korporationswesen als "Fuchsentaufen" institutionalisiert. Diese Kultur des programmierten Exzesses bildet heute jenseits des engeren Kreises von Korporationen weltweit ein manifestes Problem studentischer Sozialisation. In Frankreich als "bizutage", in den USA als "hazing" bekannt, versuchen Hochschulen und Gesetzgeber meist vergeblich dagegen vorzugehen. An deutschen Universitäten sind es mittlerweile die sogenannten "Orientierungsphasen", die wiederholt durch Alkoholexzesse und öffentliche Aktionen für Schlagzeilen in der lokalen Presse sorgen.

Ritterschlag des Geistes

Als akademisches Kernritual kann die Doktorpromotion gelten. In ihr versichert sich die Institution ihrer Produktivität und die Kandidatin oder der Kandidat vollziehen einen entscheidenden sozialen Statuswechsel. Dieser "Einsetzungsritus" (P. Bourdieu) unterlag in seiner langen Geschichte zahlreichen Wandlungen, an der sich in nuce die Grundzüge der europäischen Universitätsgeschichte ablesen lassen. In einem feierlichen Investiturritual wurden den Promovenden verschiedene Zeichen vom Ring bis zum Doktorhut verliehen, die den neuen Status symbolisierten. Bis in das 18. Jahrhundert hielten Akademiker dabei an dem Anspruch fest, der Doktorgrad setze sie im Rang dem Adel gleich. Zunächst nur christlichen Männern vorbehalten, erlangten seit dem 18. Jahrhundert auch Juden und Frauen Zutritt zu den höchsten akademischen Weihen. Manche Kandidaten verbanden ihre Promotion gleich mit ihrer Hochzeit, um die Kosten des Doktorschmauses zu reduzieren und ihren Eintritt in die Männerwelt zu kommunizieren. In Spanien gehörte im paseo doctoral noch das Blut eines Stieres dazu, zum anerkannten Doktor zu werden. Vergleichsweise nüchtern präsentieren sich demgegenüber moderne Promotionsfeiern, deren einziger ritueller Akt oftmals die mehr oder weniger feierliche Übergabe der Promotionsurkunde durch die Dekanin oder den Dekan darstellt.

Literaturtipps

Falk Bretschneider/Peer Pasternack (Hg.)
Akademische Rituale
Symbolische Praxis an Hochschulen, Themenheft von Hochschule Ost. Leipziger Beiträge zu Hochschule und Wissenschaft, Leipzig 1999.

Marian Füssel
Gelehrtenkultur als symbolische Praxis
Rang, Ritual und Konflikt an der Universität der Frühen Neuzeit, Darmstadt 2006.

"Wissenschaftsrituale"
Themenheft von Gegenworte. Hefte für den Disput über Wissen 24 (2010).

Muff von 1.000 Jahren

Die bislang nachhaltigste Erschütterung der akademischen Ritualkultur ging in Deutschland wohl von der 1968er Zeit aus. Die "68er" sind gleichsam zur Chiffre für Antiritualismus im Allgemeinen und im akademischen Milieu im Besonderen geworden. Mit dem berühmten Slogan "Unter den Talaren - Muff von 1.000 Jahren" wurden 1967 nicht nur die überkommenen symbolischen Formen, sondern auch die unaufgearbeitete NS-Vergangenheit der Hochschulen aufs Korn genommen. Ging in Westdeutschland der Druck, der zu einem sukzessiven Abbau der feierlichen Rektoratswechsel führte, im Wesentlichen von unten, von den Studenten aus, so war es in der DDR im Rahmen der 3. Hochschulreform ein Beschluss der Volkskammer, der zum Verschwinden der Talare führte. Doch Soziologen und Kulturanthropologen haben uns seit längerem belehrt, dass es sich hier um "Rituale des Antiritualismus" handelt, dass es kein grundsätzliches Entkommen aus der Logik der Ritualisierung gibt.

Erfundene Traditionen

Viele der gegenwärtigen akademischen Rituale verdanken sich jedoch weniger jahrhundertealten Überlieferungen als vielmehr in jüngerer Zeit erfundenen und zum Teil hybriden Traditionen. Der Kuss des Göttinger Gänseliesels als letzter performativer Gestus frisch promovierter Doktoranden ist mit hundert Jahren schon eine vergleichsweise alte Tradition. Die meisten öffentlichen Zeremonien ost- wie westdeutscher Hochschulen sind nur ein bis zwei Jahrzehnte alt und verdanken sich häufig eher den Einflüssen des amerikanischen als des europäischen Hochschulsystems, mehr den Ideen von Kundenbindung im modernen Eventmarketing als den Repräsentationslehren alteuropäischer Zeremonienmeister. Während die einen die angloamerikanische Praxis als nachahmenswerte Stärkung korporativen Wir-Gefühls und symbolische Anerkennung der intellektuellen Leistung der Hochschulabsolventen preisen, scheint den anderen allenfalls ironische Distanz im Umgang mit akademischen Ritualen möglich, etwa durch den Verweis auf eine Tribalisierung der Hochschulen oder den Hinweis, man betreibe ja nur "teilnehmende Beobachtung" als Ethnograph des akademischen Feldes. In manchem ähnelt der ambige Umgang mit den Ritualen der Universität dem mit denen der Kirche, aus denen sie einst hervorgingen. Heute besuche man den Gottesdienst oftmals nicht aus persönlicher religiöser Überzeugung, sondern den Verwandten, den Kindern oder dem sozialen Umfeld zuliebe.

Grenzen des Rituals

Doch worin liegt eigentlich der Erkenntnisgewinn der Bezeichnung einer akademischen Handlung als Ritual? Wenn es um gegenwärtige universitäre Praktiken geht, verbindet sich mit der Rede vom Ritual meist ein demaskierender Gestus: "Das ist doch ein reines Ritual!" Evaluationsverfahren und Prüfungen werden zu Ritualen, ebenso wie Gremiensitzungen, Berufungskommissionen oder Tagungen. Indem sie sich von der Wirkmächtigkeit der Ritualisierung distanzieren, vergewissern sich die Akteure ihrer eigenen Handlungsmächtigkeit. Aber nicht jede formalisierte Handlungsweise mit sich wiederholenden kommunikativen Routinen und materiellen wie sprachlichen Symbolisierungen ist gleich ein Ritual. Rasch gerät man in Widersprüche. Im selben Moment, in dem das Ritual an deutschen Hochschulen von den einen als kommunikative Lehrstelle vermisst wird, diagnostizieren andere eine Art akademischen Panritualismus. Eine präzise Begrifflichkeit ist folglich ebenso angebracht wie die grundlegende Einsicht in die Geschichtlichkeit der Rituale: Rituale sind gemacht und daher veränderbar.


Über den Autor
Professor Dr. Marian Füssel lehrt Geschichte der Frühen Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der Wissenschaftsgeschichte an der Georg-August-Universität Göttingen.

Aus Forschung & Lehre :: Februar 2013

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