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Boden gut machen

VON ANDREAS SENTKER

Ausgerechnet der weltgrößte Chemiekonzern will jetzt Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft messen. Kann das gelingen?

Boden gut machen© simonstock - Photocase.com
In leuchtend grüner Farbe prangen vier Buchstaben auf Papieren, Webseiten und Pressemitteilungen der Firma: BASF - The Chemical Company. Ganz besonders grün präsentiert sich das weltgrößte Chemieunternehmen einige Kilometer außerhalb des Stammsitzes Ludwigshafen, in Limburgerhof. Inmitten landwirtschaftlicher Anwesen wird hier an Pflanzen und Pflanzenschutzmitteln geforscht. Das Agrarzentrum wurde 1914 von Carl Bosch gegründet. Vier Jahre zuvor hatte der Chemiker zusammen mit Fritz Haber ein Verfahren zur Ammoniaksynthese entwickelt und den Grundstein der modernen Düngemittelproduktion gelegt.

Heute heißen die Unternehmensbereiche hier im internationalen Jargon Plant Science und Crop Protection. 1500 Angestellte arbeiten in Limburgerhof. 325 Millionen Dollar gibt das Unternehmen jährlich für Agrarforschung aus, für Mittel gegen Pilze, Schädlinge und Unkräuter sowie für gentechnisch veränderte Pflanzen. BASF-Vorstandsmitglied Stefan Marcinowski hat nach Limburgerhof geladen, um ein Produkt vorzustellen, das streng genommen gar kein Produkt ist. Es ist kein Molekül, keine Chemikalie, keine Pflanze - sondern eine Methode. Oder, um es in der Sprache von Geschäftsmodellen auszudrücken: eine Dienstleistung.

Marcinowski sagt, er ärgere sich, dass alle Welt über Nachhaltigkeit rede, aber im Detail niemand so genau wisse, was das eigentlich sei. Das, meint der Kopf der BASF-Pflanzensparte, öffne Vorurteilen und Ideologien Tür und Tor. Um das richtige Grün wird nämlich heftig gestritten: Wie kann man die Ernährung der Menschheit nachhaltig sichern? Mit chemischem Pflanzenschutz, Mineraldünger und Anbau in industriellem Maßstab? Mit Ökolandbau und biologischen Mitteln? Der Chemiekonzern ist mittendrin in diesem Streit. Für die einen ist die Firma eine der letzten Bastionen erfolgreicher Industrieforschung, die mit ihren Erfindungen Nahrung für Milliarden sichert. Für andere ist sie der industrielle Hemmschuh, der echte Nachhaltigkeitsbemühungen ausbremst, weil sie Chemie und Gentechnik verficht.

Marcinowski will die Vorurteile bekämpfen. Mit Zahlen. Er hat eine Methode entwickeln lassen, die die Nachhaltigkeitsfrage umfassend und im Detail beantworten soll: Wie verhindert man am meisten Treibhausgasemissionen beim Rapsanbau in Europa? Wie verbraucht man auf den gewaltigen Maisfeldern der USA am wenigsten Wasser? Wie kann die Zuckerrohrproduktion in Brasilien sozialer gestaltet werden? AgBalance heißt die Methode, ein Bündel von Algorithmen, gefüttert mit unzähligen Daten. Es ist nicht das erste Nachhaltigkeitswerkzeug des Unternehmens. Am Anfang stand die klassische Abwägung ökologischer und ökonomischer Faktoren etwa bei der Entwicklung von Lacken und anderen Chemikalien. Mehr als 450 Projekte wurden so im Verlauf von 15 Jahren einer Ökoeffizienzanalyse unterzogen - entwickelt unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Öko-Institut in Freiburg. Das neue Modell soll gezielt die Wertschöpfungskette der Agrarwirtschaft analysieren - vom Produzenten über den Verarbeiter bis zum Konsumenten. Insgesamt 199 Messwerte fließen in eine Untersuchung ein.

Die Kategorie »Boden« erfasst die Nährstoffbilanz, die Kohlenstoffbilanz, Bodenverdichtung und Erosion. Unter dem Stichwort »Biodiversität« werden Daten zu Schutzgebieten oder Fruchtfolgen eingespeist. Die Kategorie »Emissionen« enthält Werte zu Treibhausgasen und Bodenversauerung, Ozonzerstörungspotenzial und Abfallstoffen. Die Gewichtung der Faktoren wurde zusammen mit Landwirten, Biologen und anderen Experten festgelegt. Sie haben etwa beim Boden die Erosion mit 62 Prozent als größtes Problem benannt, die Nähr- und Kohlenstoffbilanz mit jeweils 14 Prozent eher niedrig eingeordnet. Warum? »Die Bodenfruchtbarkeit haben Bauern meistens gut im Griff«, sagt Peter Salinger, der Zuständige für Ökoeffizienzanalysen. »Gegen Erosion können sie dagegen selten etwas ausrichten. Und ist der Boden erst einmal weg, muss man über seine Nährstoffbilanz nicht mehr reden.«

In den gesellschaftlichen Kategorien werden ganz andere Fragen gestellt: Wie hoch sind die Löhne der Landarbeiter? Welche Risiken trägt der Verbraucher? Welche Auswirkungen hat eine Entscheidung auf die Handelsbeziehungen zu Entwicklungsländern? Beim sozialen Faktor »Landwirt« wurden die Indikatoren »Arbeitsunfälle« (35 Prozent), »Vergiftungspotenzial« (25 Prozent) und »Berufsbedingte Krankheiten« (15 Prozent) am höchsten gewertet. Aber obwohl nun das Computermodell mit allen Kriterien und Gewichtungen steht, bleibt die Methode aufwendig. Für jede Fragestellung müssen Experten aus Landwirtschaft, Biologie, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften die entscheidenden Fragen definieren, Datenmaterial sichten oder neue Datenquellen erschließen. »Nicht alles ist so leicht messbar wie Temperatur, Gewicht oder Wärmeleitkoeffizient«, sagt Marcinowski. »Und die Verlässlichkeit der Ergebnisse steht und fällt mit der Qualität der Datensätze.«

Aber wie beziffert man soziale Aspekte wie Ausbildung oder Chancengleichheit? Die Antworten gelten zudem niemals universell, sondern immer nur für die untersuchte Region und eine begrenzte Zeit. Mit AgBalance will BASF beim Modethema Nachhaltigkeit Boden gutmachen. »Wir wollen einen holistischen Ansatz«, sagt Marcinowski. Holistisch heißt ganzheitlich. Solche Vokabeln benutzten bislang eher die Kritiker von Großkonzernen und Industrieforschung. »Gegenwärtig herrscht doch die Meinung: Ökolandbau ist gut, intensive Landwirtschaft ist schlecht. Das stimmt manchmal. Manchmal ist aber auch die intensivere Landwirtschaft die nachhaltigere.« BASF hat seine Methode unabhängig prüfen lassen. Als Erster gab der TÜV Süd sein Gütesiegel, dann die norwegische Umweltstiftung Det Norske Veritas (DNV). Die amerikanische National Sanitation Foundation, die die Sicherheit von Wasser und Nahrungsmitteln zertifiziert, hält das Verfahren ebenfalls für aussagekräftig. Die Prüfer kontrollieren, ob AgBalance das tut, was sein Hersteller verspricht - und ob es dabei gültige Normen einhält.

All das sind Investitionen in die Glaubwürdigkeit der Methode. Aber was sind die Motive von BASF? »Wir machen das nicht, weil wir Gutmenschen sind. Wir wollen erstens die Debatte versachlichen. Das hilft nicht nur der Branche, sondern auch speziell unserem Unternehmen«, sagt Stefan Marcinowski. »Wir wollen sie zweitens selbst nutzen, um unsere Strategien in der Forschung und Entwicklung zu verbessern. Und drittens helfen wir unseren Kunden, nachweislich nachhaltig zu produzieren und damit ehrlich werben zu können.« AgBalance könnte gar zum Werkzeug der Politikberatung werden. Dirk Voeste, verantwortlich für die Nachhaltigkeit der BASF-Pflanzensparte, hat das Modell vergangene Woche vor EU-Experten in Brüssel vorgestellt. Und wer kontrolliert, dass BASF mit AgBalance nicht nur seine Pflanzensparte grün anstreicht und vor allem den Verkauf der eigenen Produkte bewirbt? »Die Methode kann nur Systeme bewerten, kein einzelnes Produkt«, sagt Marcinowski.

Aber gibt es nicht doch im Dickicht der Algorithmen einen unscheinbaren Faktor, der die Chemie auf dem Acker bevorzugt oder die Gentechnik? Marcinowski lacht. Die einzelnen Studien wolle der Konzern veröffentlichen - peer reviewed, also von unabhängigen Experten kritisch kontrolliert. An dieser Transparenz wird sich das Unternehmen messen lassen müssen.

Aus DIE ZEIT :: 15.12.2011

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