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Bodenlos enttäuscht

VON REINER LUYKEN

Ostafrika soll Pflanzen für ein Malariamedikament liefern - so die Idee der Pharmaindustrie. Weil die Qualität der Erträge nicht stimmte, scheiterte das Projekt.

Bodenlos enttäuscht© Prill Mediendesign & Fotografie - iStockphoto.comAuf den Vorhügeln des Mount Meru im Norden Tansanias wird Einjähriger Beifuß angebaut, einer der beiden Grundstoffe eines erfolgreichen Malariamittels
Loishye Meshurie blickt über Felder, die er mit Einjährigem Beifuß bepflanzt hat. Sein acht Hektar großer Hof liegt am Ende eines steilen Schotterweges auf den Vorhügeln des Mount Meru im Norden Tansanias. Auf seinen Äckern, 1500 Meter hoch gelegen, gedeiht das ursprünglich aus Asien und Europa stammende Kraut wie ein heimisches Gewächs. Er baut es seit fünf Jahren an. Es hat ihm nichts als Scherereien eingebracht. Dabei gilt die Pflanze, wissenschaftlich Artemisia annua genannt, als eine der aufregendsten pharmakologischen Entdeckungen der vergangenen Jahrzehnte. Sie liefert Artemisinin, ein weißes Pulver, aus dem der Schweizer Pharmakonzern Novartis einen der beiden Grundstoffe des erfolgreichen Malariamittels Coartem gewinnt. Coartem ist auch gegen mehrfachresistente Formen der tropischen Infektionskrankheit hochwirksam. Die Geschichte vom Siegeszug der Arznei und dem Missgeschick des Kleinbauern Meshurie ist ein Lehrstück über den Fluch der guten Tat, über große Pläne und die manchmal wirre Umsetzung medizinischen Fortschritts. Im Mai 2001 traf Novartis-Chef Daniel Vasella die damalige Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Bro Harlem Brundtland in Genf. Er verpflichtete sich, den Preis seines 1999 auf den Markt gekommenen Medikaments in Entwicklungsländern von 3,60 auf 2,40 Dollar pro Behandlung zu reduzieren. Seit 2005 liefert Novartis es sogar zum Selbstkostenpreis in von Malaria betroffene Länder.

Die WHO erklärte Artemisinin-basierte Kombinations-Therapien, kurz ACTs, zur Malariatherapie erster Wahl. Die Nachfrage nach dem pflanzlichen Bestandteil, so schätzte der Baseler Pharmakonzern, werde auf mehrere Hundert Millionen Behandlungen pro Jahr ansteigen. »Um dieses Volumen zu produzieren«, hieß es in einer Pressemitteilung, »werden enorme Mengen benötigt.« Der Weltmarktpreis schoss auf 1200 Dollar für ein Kilo des begehrten Pulvers hoch. Hochqualitatives, in der Schweiz gezogenes Saatgut wurde mit dem doppelten Wert von Gold aufgewogen. Bis dahin hatten chinesische Hersteller den Grundstoff aus wild wachsendem Kraut gewonnen. Das reichte nicht mehr aus. Ein Artemisininrausch bahnte sich an. Fünf schillernde Persönlichkeiten mit langer Afrikaerfahrung, eine deutsch-britischschweizerische Seilschaft, trugen im Handelsregister der Kanalinsel Jersey eine Firma namens Advanced Bio Extracts (ABE) ein. Ihr Ziel: den landwirtschaftlichen Anbau des asternartigen Korbblütlergewächses in Ostafrika voranzutreiben und die Errichtung einer Anlage zur Extraktion des weißen Goldes in dem Industriegebiet Athi River, südöstlich der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Novartis räumte der Firma ABE einen Kredit über 14 Millionen Dollar ein, um den Markt gegen Klimarisiken abzusichern und »Produktionskapazitäten möglichst schnell zu erhöhen«. Der Baseler Konzern versprach den Firmengründern die Abnahme von zehn Tonnen pro Jahr. Daraus wurden bald zwanzig, dann sechzig Tonnen. Den Neulingen im Pharmageschäft liefen die Augen über. Einer steckte sein gesamtes Privatvermögen in das Vorhaben. Was ursprünglich eine überschaubare Investition sein sollte, wuchs sich zu einem unübersichtlichen Firmengeflecht aus mit Tochterunternehmen in Uganda, Tansania und Kenia.

Wechselfieber

Malaria ist neben Aids und Tuberkulose eine der drei größten Geißeln der Entwicklungsländer. Jährlich erkranken daran 250 Millionen Menschen, 90 Prozent davon in Afrika. Insgesamt 863 000 Infizierte starben 2008 an den von Mücken übertragenen Erregern.
Die Roll Back Malaria Partnership, eine von WHO, Unicef, UNDP und der Weltbank gegründete Initiative, koordiniert einen Generalangriff gegen die Krankheit: Mithilfe von Moskitonetzen, Medikamenten und DDT sank allein in Sambia die Zahl der Fälle um 70 Prozent.
Zuerst mussten die in ihren Träumen bereits zum Geldadel aufgestiegenen Geschäftsleute das Rohmaterial beschaffen. Sie rekrutierten Tausende Kleinbauern in den drei Ländern. Darunter Loishye Meshurie. Der Bergbauer übernahm die Rolle eines Musterbetriebs. Er beriet seine Nachbarn und koordinierte ihre Ernte, er zog Saatgut auf und belieferte sie mit Schösslingen. Die Aga-Khan-Stiftung, die der Weltbank angegliederte International Finance Corporation (IFC) und der New Yorker Acumen Fund beteiligten sich mit Millionenbeträgen an der Firma. Diese drei Entwicklungshilfeorganisationen hatten ebenfalls hochfliegende Pläne. In einem Spendenaufruf des Acumen Fund hieß es, selbst Einheimische ohne landwirtschaftliche Kenntnisse könnten mit dem medizinisch so wichtigen Erntegut auf kleinen Parzellen viermal so viel Geld verdienen wie mit Mais. Sie luden westliche Journalisten zu Besuchen vor Ort ein. Die meisten Reporter waren begeistert von dem »Leuchtturmprojekt«. Doch bald brach in Meshuries Dorf Streit aus. Die Bauern erzielten nicht die versprochenen Preise. Sie schoben ihm die Schuld zu und fühlten sich von ihm verraten. Einer nach dem anderen wandte sich wieder gewohnten Ackerfrüchten zu. Auf den Hügeln, die von Einjährigem Beifuß ergrünen sollten, steht heute wieder Mais. Aber Meshurie konnte nichts dafür. Der Weltmarktpreis für Artemisinin-Extrakt war drastisch eingebrochen, von 1200 auf 170 Dollar.

Eine Flugstunde nördlich von Meshuries kleinem Berghof blickt Erwin Protzen vom dritten Stockwerk der riesigen Extraktionsanlage in Athi River über ein Feld, das vollgestellt ist mit rostigen Tonnen. Er will gar nicht daran denken, wie viele Dollar in diesen Fässern lagern. Dollar in Form von Artemisinin, allerdings verklebt in Wachs. Protzen, in München geborener Maschinenbauingenieur, ist technischer Direktor des Unternehmens. Er erklärt, in chinesischen Artemisinin-Extraktionsanlagen blieben 7 Prozent des Wirkstoffs im Wachs hängen. Eine Versuchsanlage in der Schweiz drückte den Verlust auf ein Prozent. Doch hier sind es 45 Prozent. Wenn nur jemand einen Gedankenblitz hätte, wie man es herauslösen könnte! »Etwas stimmt mit unserem Rohstoff nicht«, grübelt er. »Das müssen wir knacken.« Das Wachs ist nicht sein einziges Problem. Protzen hatte bereits Ende der neunziger Jahre mit seinem Freund und späteren Mitdirektor Charles Gasston auf dessen Farm in Tansania Artemisia angebaut. Das Experiment war vielversprechend verlaufen. Die Ernte hatte vier bis sechs Tonnen pro Hektar erbracht, der Artimisiningehalt des Blattwerks erreichte 1,5 Prozent. Darauf bauten sie ihren Geschäftsplan auf. Die Kleinbauern erreichen freilich nur Erträge von einer Tonne pro Hektar mit einem Wirkstoffgehalt unter einem Prozent. Der Anbau der Artemisia-Pflanze ist nicht so einfach, wie die Entwicklungshilfeorganisationen sich das vorstellten. Sie hatten die Beteiligung von Kleinbauern zur Bedingung gemacht. Der erhoffte Geldregen sollte nicht nur über Großfarmer niedergehen. »Eine charmante Idee«, erheitert sich Protzen. Und wird sarkastisch: »Unwahrscheinlich charmant.«

Seine Firma lieferte Novartis nicht im Entferntesten die vereinbarte Menge. Sie produzierte in drei Jahren kaum 25 Tonnen, weniger als die Hälfte einer Jahreskapazität. Der Baseler Konzern war auch mit der Reinheit und Farbe des gelieferten Stoffs nicht zufrieden. 2009 stellte Advanced Bio Extracts den Betrieb ein. Novartis verzichtete auf Regressansprüche und schrieb den Kredit für ABE 2010 ab. Jetzt sitzen die Direktoren in ihren Büros und telefonieren verzweifelt in der Welt herum. Sie benötigten innerhalb der nächsten Wochen 1,5 Millionen Dollar, erzählen sie jedem, der ihnen zuhört. Dann seien sie überm Berg. Niemand bezweifelt ihre Beschwörungen, dass es dringenden Bedarf für Artemisinin gibt. Novartis presst mittlerweile 1,3 Milliarden Tabletten Coartem im Jahr. Das Malariamittel erreicht einen größeren Patientenkreis als irgendein anderes Produkt des Konzerns. Doch der Rohstoff kommt aus China und Vietnam. Kein Anleger ist mehr bereit, Geld in das ostafrikanische Fass ohne Boden zu werfen. Wie konnte es zu dem Pharmadesaster kommen? War das, was Novartis ein »Partnerschaftsmodell mit strategischen Zulieferern« nannte, nichts weiter als unredliches Abwälzen des Geschäftsrisikos auf andere? Konnte die Zusammenarbeit zwischen Stiftungen, die so zialpolitisch wirken wollen, und privaten Anlegern, denen es um den Profit geht, gar nicht funktionieren? Oder ist der Niedergang des Betriebs Managementfehlern und unvorhersehbaren Umständen geschuldet?

Protzen ist sauer auf Novartis und den Chef Vasella, der seiner Meinung nach der WHO-Direktorin Brundtland vorschnell eine Ausweitung der Produk tion versprochen habe, was zu einer totalen Marktüberhitzung geführt habe. Er und seine Mitdirektoren, redet er sich ein, müssten nun die Suppe auslöffeln. Novartis schiebt die Schuld auf Protzen und seine Kollegen, die vertragliche Abmachungen nicht eingehalten hätten. Die in den Fall verwickelten Entwicklungshilfeorganisationen, Entwicklungshilfebanken und Stiftungen halten sich öffentlich bedeckt. Sie fürchten ein Public-Relation-Desaster. Entweder die Anklage, auf Glücksritter hereingefallen zu sein und Spendengelder sinnlos verbraten zu haben. Oder die Schelte, wegen schäbiger 1,5 Millionen Dollar die Gesundheit Hunderttausender Afrikaner aufs Spiel zu setzen. Wer redet, tut das nur hinter vorgehaltener Hand. Ein biotechnisches Labor an der kalifornischen Universität Berkeley hat mittlerweile mit Unterstützung der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung ein Verfahren zur synthetischen Herstellung von Artemisinin entwickelt. Das Patent steht zunächst dem französischen Pharmakonzern Sanofi-Aventis und nach der Zulassung durch Gesundheitsbehörden allen interessierten Herstellern lizenzfrei zur Verfügung. Die Produktion soll bereits nächstes Jahr anlaufen. Dann dürfte sich der Artemesia-Anbau in Ostafrika vermutlich erübrigen. Und Loishye Meshurie bleibt gar nichts anderes übrig, als seinen Lebensunterhalt wieder mit Mais und Karotten zu bestreiten.

Aus DIE ZEIT :: 31.03.2011

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