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Bologna-Reform: "Das Chaos kommt erst noch"


Interview: Jan-Martin Wiarda

Die Beschlüsse zur Nachbesserung der Studienreform machen alles noch viel schlimmer, behauptet der Bologna-Experte Manfred Hampe.

Bologna-Reform: "Das Chaos kommt erst noch"© Katrin Binner - TU DarmstadtManfred J. Hampe, 58, lehrt Maschinenbau an der TU Darmstadt
DIE ZEIT: Sie sind als Bologna-Experte des DAAD einer der Wortführer der Studienreform. Finden Sie die heftige Kritik der vergangenen Monate berechtigt?

MANFRED HAMPE: Zum Teil mit Sicherheit. Was mich allerdings gewaltig stört: Die Leute, die Bologna am lautesten für gescheitert erklärt haben, waren häufig dieselben, die selbst die gröbsten Fehler in der Umsetzung gemacht haben.

ZEIT: Ist das nicht ein bisschen einfach, auf Vorwürfe mit Gegenvorwürfen zu antworten?

HAMPE: Es stimmt aber. Nehmen wir die in der Tat vielerorts übertriebene Prüfungsbelastung. Jedem Professor steht es frei, anstelle von Klausuren andere Leistungen von den Studenten zu verlangen. Das kann ein praktisches Projekt sein, die Vorbereitung einer Exkursion zum Beispiel. Man kann seine Studenten im Laufe des Semesters auch ein paar Essays schreiben lassen und sie anschließend mit ihnen besprechen. Übertriebene Prüfungsbelastung spricht nicht gegen Bologna, sondern dafür, dass die Verantwortlichen die Reform nicht begriffen haben. Wir hier in Darmstadt haben die Zahl der Klausuren und mündlichen Prüfungen im Bachelor und Master kombiniert auf unter 70 reduziert. Im Diplom waren es noch doppelt so viele.

ZEIT: Die Kultusminister haben auf die Studentenproteste mit hektischen Beschlüssen reagiert und wollen den Hochschulen eine Reihe von Änderungen verordnen. Was halten Sie davon?

HAMPE: Kennen Sie den Werbespot, in dem ein junger Mann einer alten Frau unbedingt über die Straße helfen will? Die muss da aber gar nicht hin und verpasst dank seiner Hilfe ihren Bus. Daran erinnert mich das Verhalten der Kultusminister. Die Beschlüsse sind gut gemeint, gehen aber nach hinten los. Wer dachte, dass wir jetzt schon Chaos haben, wird sich noch wundern.

ZEIT: Viele freuen sich, dass die Minister die Probleme endlich anpacken. Und Sie stört das?

HAMPE: Schauen Sie sich die Beschlüsse einmal genau an. Die Minister haben eben nicht begriffen, dass die Zahl der Prüfungen nicht von der Stu dienstruk tur abhängt, sondern von der Einstellung der Professoren. Sie haben sich die irrige Auffassung einflüstern lassen, das Problem seien zu viele und zu kleine Module. Wenn diese Studienbausteine größer und weniger zahlreich seien, werde es auch weniger Prüfungen geben. Darum wollen die Minister jetzt eine Mindestgröße für diese Bausteine vorschreiben. Das wird verheerende Folgen haben.

ZEIT: Ist das nicht eine arg bürokratische Diskussion? Es interessiert doch keinen Studenten, ob seine Module in Zukunft etwas größer ausfallen werden.

HAMPE: Und ob. In den neuen Studiengängen werden die Leistungen der Studenten nämlich über sogenannte Kreditpunkte oder Credits abgerechnet, pro geschätzte 30 Arbeitsstunden gibt es einen davon, 180 Credits müssen sie etwa für einen Bachelor sammeln. Die Minister wollen jetzt festlegen, dass es keine Module mehr geben darf, die weniger als sechs Credits wert sind. Das Problem: Überall in Europa bieten die Hochschulen Seminare und Vorlesungen an, für die es auch weniger als sechs Credits geben kann. Gehen deutsche Studenten künftig ins Ausland, werden sie diese bei ihrer Rückkehr nach Deutschland nicht anerkannt bekommen. Umgekehrt werden die deutschen Universitäten, um die Mindestgröße zu erreichen, Veranstaltungen zu einem Modul zusammenkleben, die gar nicht zusammenpassen. Mit dem Ergebnis, dass Ausländer, die bei uns studieren, mit Modulungetümen nach Hause kommen, die sie dort in ihr Studium gar nicht mehr einbauen können. Hinzu kommt, dass häufig gerade die modernen pädagogischen Konzepte nur für kleine Module taugen.


ZEIT: Geben Sie mal ein Beispiel.

HAMPE: Wir haben eine Projektveranstaltung im ersten Semester, in der Biologen, Politikwissenschaftler und Maschinenbauingenieure gemeinsam über einer Fallstudie brüten. Sie bekommen die Aufgabe, eine Strategie zu erarbeiten, wie man in Afghanistan illegale Mohnfelder zerstören könnte, ohne Bodentruppen einzusetzen. Die Biologen machen sich Gedanken über einen passenden Pilz oder ein Virus, die Maschinenbauer über die Drohne, die es aussetzen kann, und die Politologen schauen, unter welchen völkerrechtlichen und politischen Rahmenbedingungen eine solche Aktion überhaupt machbar wäre. So lernen die Studenten schnell, dass es nicht nur auf ihre eigene Disziplin ankommt, sondern dass sie aufeinander angewiesen sind. Eine unverzichtbare Lektion, eine Woche intensivster Arbeit mit intensiver Betreuung durch den Hochschullehrer, aber das könnte man nie und nimmer auf sechs Credits aufblähen. Damit aber wäre so eine Veranstaltung so gut wie gestorben.

ZEIT: Haben Sie denn einen Alternativvorschlag zu den Plänen der Minister? Doch wohl nicht, alles so zu lassen, wie es ist?

HAMPE: Doch, genau das. Die Zwangsbeglückung der Hochschulen geht ohnehin längst zu weit. Käme die Mindestmodulgröße, müssten schätzungsweise 90 Prozent der Hochschulen ihre Studiengänge neu konzipieren. Dabei herrscht schon jetzt der Eindruck vor, Bologna sei ein Synonym für Überregulierung. Es wäre gut, wenn wir den Studenten und Professoren endlich klarmachen könnten, dass es genau umgekehrt ist: Die Studien re form bietet jede Menge Freiheit - wenn die Umsetzung nur gelungen ist.

ZEIT: Das klingt nach Propaganda.

HAMPE: Propaganda ist es, wenn man der Öffentlichkeit weismachen will, das Problem der deutschen Hochschulen seien fehlgeleitete Reformen. Zu viele Professoren haben ein Berufsverständnis, das nicht mit der Philosophie von Bologna zusammenpasst. Die Reform fordert eine Beziehung zwischen Hochschullehrer und Student auf Augenhöhe, zu der das persönliche Gespräch und die Beratung gehören, die Gestaltung von Vorlesungen und Prüfungen in einer Art und Weise, dass die Studenten wirklich daraus lernen können und ihren Sinn erkennen. Das kann unheimlich motivierend sein für beide Seiten, aber eben auch unheimlich mühsam und zeitaufwendig für die Professoren. Und deshalb mauern sie dagegen und zimmern klausurenverstopfte Studiengänge zusammen.

ZEIT: Wie soll das denn auch funktionieren angesichts der katastrophalen Betreuungsrelationen?

HAMPE: Das ist doch auch so ein vorgeschobenes Argument. Nimmt man den Mittelbau dazu, die wissenschaftlichen Mitarbeiter und Assistenten, unterscheiden sich die Betreuungsrelationen plötzlich nicht mehr dramatisch von denen amerikanischer Universitäten. Nur dass da die Assistenten eben auch Professoren heißen und mitgezählt werden.

ZEIT: Wenn das so ist, warum finden die reformfeindlichen Professoren so viele Verbündete unter den Studenten?

HAMPE: Weil es in der Studierendenschaft immer noch viel zu wenig Informationen über den Inhalt und die Ziele von Bologna gibt. Und weil die Studenten nur sehen, dass die Umsetzung bei ihnen vor Ort nicht funktioniert. Da, wo es umgekehrt bereits gut klappt, schweigen die Kritiker. Wir hier in Darmstadt zum Beispiel haben im Maschinenbau die Abbrecherquote auf unter zehn Prozent gesenkt, das ist deutscher Rekord, vermute ich.

Aus DIE ZEIT :: 18.02.2010

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